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MK:

Kein Schlussstrich!

Film: "Stimmen aus dem Gegennetzwerk"
Von Ayhan Salar
Digitaler Auftakt zum bundesweiten Theaterprojekt zum NSU-Komplex
21. Oktober bis 7. November 2021

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Stimmen aus dem Gegennetzwerk

Im September und Oktober 2021 laufen die Vorbereitungen für das bundesweite dezentrale Theaterprojekt „Kein Schlussstrich“ auf Hochtouren. Institutionen aus 15 Städten proben und planen.  Der Filmemacher Ayhan Salar reist in die beteiligten Orte und begegnet Künstler+innen, die ihren eigenen Zugang zum NSU-Komplex und den Themenfeldern Rassismus und Rechtsextremismus suchen und verfolgen. Er befragt Aktivist*innen und Verantwortliche der Kultureinrichtungen rund um die Schlüsselorte des NSU-Komplexes. Sie erzählen von ihrer Motivation, sich an dem Projekt zu beteiligen, von ihrer sonstigen Arbeit und ihren Erwartungen an eine Gesellschaft, die sich ihrer Verantwortung nicht entziehen darf. 

Kein Schlussstrich!

Im Herbst 2021 jähren sich die Ermordungen von Abdurrahim Özüdoğru, Habil Kılıç und Süleyman Taşköprü zum 20. Mal. Diese Jahrestage finden inmitten einer Zeit statt, in der sich der Hass in den Parlamenten wie auf der Straße wieder Bahn bricht. Die Mordserie des sog. Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wurde nach dem Öffentlichwerden im Jahr 2011 in Teilen der Gesellschaft als einzigartiges Phänomen rechter Gewalt wahrgenommen. Doch lässt sich heute nicht leugnen, dass die Verbrechen des NSU als Speerspitze und Vorreiter eines wiedererstarkten rassistischen, antisemitischen und sich auf vielfache weitere Arten ausdrückenden menschenverachtenden Denkens und Handelns gelesen werden müssen.

Auch zehn Jahre später sind die Hintergründe des NSU-Komplex immer noch unklar: Die Fragen nach den Verstrickungen behördlicher Organe, nach Mitwisser- und Mittäterschaft sind – trotz des langjährigen Prozesses – nach wie vor nicht befriedigend beantwortet. Der offene und latente Rassismus in Ermittlungsbehörden, das Erstarken und die Unterstützung durch ein wachsendes rechtsextremes Umfeld (re-)traumatisieren die Betroffenen und die Familien der Opfer bis heute. 

Was wir brauchen, um eine solidarische und freie Gesellschaft zu stärken, ist neben Wissen über die Formen und Folgen von Rassismus und Empathie für Opfer und Betroffene auch ein sicherer (Diskurs-)Raum für die Ängste, Erfahrungen und Anliegen von Menschen, die Rassismus erfahren. Rassistische Gewalt in ihren unterschiedlichen Erscheinungsformen, die vereinzelt für öffentliches Entsetzen sorgt, meist aber medial unbeachtet bleibt, ist leider Alltag in der Bundesrepublik Deutschland.

Die Morde an Enver Şimşek (2000), Abdurrahim Özüdoğru (2001) und İsmail Yaşar (2005) in Nürnberg, Habil Kılıç (2001) und Theodoros Boulgarides (2005) in München, Süleyman Taşköprü (2001) in Hamburg, Mehmet Turgut (2004) in Rostock, Mehmet Kubaşik (2006) in Dortmund, Halit Yozgat (2006) in Kassel und Michèle Kiesewetter (2007) in Heilbronn sowie weitere Überfälle und Anschläge, wie beispielsweise 2001 und 2004 in Köln, stehen nicht nur stellvertretend für die unzähligen Fälle rechtsextremer und rassistischer Gewalt in Deutschland nach 1945.

Sie sind Sinnbild für Wegsehen, strukturelle Empathielosigkeit mit dem Schmerz der Angehörigen, Verdrängen, fehlenden Aufklärungswillen und falsche Verdächtigungen. Sie sind auch Sinnbild für den massiven Vertrauensverlust in staatliche Institutionen und Sicherheitsbehörden, von denen sich viele Menschen in Deutschland, insbesondere Menschen mit Migrationsgeschichte und BIPoc, unbeschützt und im Stich gelassen fühlen. Die Liste mit offenen Fragen zum NSU-Komplex ist lang, nur sehr unbefriedigend konnten die Untersuchungsausschüsse in Bund und Ländern sowie der Münchener Prozess, inklusive der im Frühjahr 2020 veröffentlichten schriftlichen Urteilsbegründung, Licht ins Dunkel bringen.

Auf Initiative von Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur in enger Zusammenarbeit mit der Kuratorin Ayşe Güleç, den Dramaturgen Tunçay Kulaoğlu und Simon Meienreis sowie dem Soziologen Matthias Quent hat sich ein Kooperationsnetz von Theatern und Institutionen aus 15 Städten zusammengeschlossen, um gemeinsam das interdisziplinäre Theaterprojekt Kein Schlussstrich! zu realisieren – mit dem Anliegen, die Taten und Hintergründe des NSU künstlerisch zu thematisieren. Beteiligt sind Akteure in den Städten, in denen zehn Bürger:innen von Rassisten ermordet wurden, wie auch jene Städte, in denen die Täter:innen des NSU aufwuchsen, Aufenthalt oder Unterstützung fanden.

Mit Inszenierungen, Ausstellungen, Konzerten und musikalischen Interventionen im öffentlichen Raum, Lesungen, Diskussionen, Workshops u.v.m. möchte Kein Schlussstrich! die Perspektiven der Familien der Opfer und (post-)migrantischen Communities in den Fokus der Öffentlichkeit bringen und die Auseinandersetzung mit dem institutionellen und strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft anregen. Auch an die Geschehnisse und Folgen der Anschläge in Halle, Hanau und Kassel, die den Rechtsterrorismus und Rassismus in erschütternder Weise bezeugen, möchte das Projekt erinnern.

Träger des Projekts ist der im September 2020 gegründete Verein Licht ins Dunkel e.V.. Die Projektpartner sind: ASA-FF e.V. in Chemnitz, Theater Chemnitz, Dietrich-Keuning-Haus Dortmund (in Trägerschaft der Kulturbetriebe der Stadt Dortmund), Landestheater Eisenach / Meininger Staatstheater, Kampnagel Hamburg, Theater Heilbronn, JenaKultur, Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft Jena (in Trägerschaft der Amadeu Antonio Stiftung), Theaterhaus Jena, Staatstheater Kassel, Schauspiel Köln, Münchner Kammerspiele und Real München e.V., Staatstheater Nürnberg, Theater Plauen-Zwickau, Volkstheater Rostock, Theater Rudolstadt, Deutsches Nationaltheater Weimar.

Gemeinsam planen diese „ungewollt Vereinten“ für den Herbst 2021 themenbezogene Premieren und Vernissagen, die von diskursiv-künstlerischen Rahmenprogrammen flankiert werden. Die künstlerische Klammer des Projekts bilden zwei multilokale Eigenproduktionen: das musikalisch-performative und partizipatorische Oratorium „MANİFEST(O)“ des Komponisten Marc Sinan und die von Ayşe Güleç und Fritz Laszlo Weber kuratierte Ausstellung „Offener Prozess“ des ASA-FF.