DREI FRAGEN AN –

zum Kaufmann von Venedig

Wie umgehen mit den Fragen, die sich aufdrängen um Shakespeares „Kaufmann von Venedig“? Eine abschließende Deutung des Stoffes scheint ob der aufgeladenen Gedankengänge, die sich sehr real auch auf Ereignisse und Diskurse unserer heutigen Zeit beziehen, unmöglich. Daher haben wir für das Programmheft Personen des öffentlichen Lebens - Schriftsteller, Kuratoren, Historiker, Politiker, Künstler, Regisseure - gebeten, uns durch drei Fragen von uns herausgefordert ihre Überlegungen mitzuteilen. Unter den Befragten waren u.a. Elfriede Jelinek, Peer Steinbrück oder Maxim Biller - und wir fragen weiter.

1 Wie heute mit der ambivalenten Figur Shylocks umgehen, deren Handeln und Argumentieren das antisemitische Stereotyp des „jüdischen zinstreibenden Finanzkapitalisten“ bedient?

2 Shakespeare hat „Komödie“ über sein Stück geschrieben: Wie verträgt sich Humor im Umgang mit Ausgrenzung/Minderheiten?

3 Würde heute noch ein Stück/Kunstwerk wie „Der Kaufmann von Venedig“ entstehen (können)?


– Feridun Zaimoglu (Schriftsteller):


1 Bei Shakespeare kommt keiner ungeschoren davon. Der König fällt, der Phantast verfällt dem Irrsinn, das empfindsame Mädchen stürzt in die Fluten. Verderben und Verderbtheit sind vorgeschrieben. Was will man bei Shylock eine Ausnahme machen? Er ist eine shakespearesche Figur: Er entfremdet sich dem Leben. Es rächt sich die tat wider die Natur, und also stürzt er wie der Regent, der Bettler, der Kriegerkönig. Von Volkspädagogik rate ich ab. Die Abonnenten sind nicht blöd: Sie argwöhnen bei jedem Eingriff zu Recht, dass man sie für dämliche Theaterbesucher hält. Man soll nicht mit der Figur Shylock „umgehen“. Man soll sich für einen guten Schauspieler entscheiden. Ein echter Shylock auf der Bühne verrät dem Zuschauer genug.

2 Humor ist besser als Belehrung. Eine Figur unserer Tage: der beleidigte Türke. Oft genug lacht er nicht mit, oft genug ist er ein verzweifeltes Subjekt. Gibt es eine Grenze? Ja. Die gutbürgerlichen Moralprahler verhöhnen die Armen, die Niederen, die Unterschicht. Da kann man mal gerne mit einer Maulschelte drohen.

3 Man ersetze die Figur des Juden durch die des Moslem, und schon hat man die Antwort. Was kursieren für Bilder über den Muselmanen in der Kunst und in der Kultur? Der Moslem ist ein Meister der Verstellung; ein Volksverseucher; ein Kinderficker; ein Vergewaltiger; eine Plage, eine Seuche, ein Giftsporenstreuer; die Moslems vermehren sich wie die Ratten. Die Moslems haben es auf unsere Frauen abgesehen. Die Moslems übernehmen das Land, das deutsche Volk schafft sich ab. Wir müssen uns wehren, wir müssen sie zurück knüppeln. Wir retten das Abendland, wir zünden ihre Moscheen an ...