Die Spielzeit 2019/20 an den Münchner Kammerspielen

LIEBES PUBLIKUM

EINES WIRD MAN UNS NACH DIESEN FÜNF JAHREN NICHT VORWERFEN KÖNNEN: DASS WIR FAUL WAREN. ZUM ENDE DER SPIELZEIT 2019/2020 WIRD DAS NOCH EINMAL GANZ DEUTLICH:

Wir werden eine 24-Stunden-Performance zu Roberto Bolaños Roman „2666“ herausbringen. Sie können dann samstags um 12 Uhr in einen Bus einsteigen und werden in den nächsten 24 Stunden mit den anderen Zuschauer*innen, den Schauspieler*innen, den Techniker*innen zu einer Schicksalsgemeinschaft. Vielleicht werden Sie Ihre Stadt an verschiedenen Orten sogar gemeinsam neu wahrnehmen? Die Tour beginnt auf dem Olympiaberg. Wenn man sich dieses Gelände ansieht, stellt man fest, was wir verloren haben. Als Hans-Jochen Vogel die Olympischen Spiele 1972 plante, ging es um mehr Demokratie, eine durchsichtige Gesellschaft und eine gastfreundliche Stadt. München wandelte sich von einer dörflichen Struktur in eine moderne Metropole und wurde so in eine andere Dimension geschleudert.
Bolaños überbordender Roman beginnt mit der Suche eines kleinen Zirkels von Germanist*innen nach einem ominösen Schriftsteller namens Benno Archimboldi. Über ein kunstvoll ausgebreitetes Labyrinth verworrener Handlungsstränge in der Tradition eines Jorge Luis Borges landet die Handlung bei einer – tatsächlich bis heute andauernden – Serie unaufgeklärter Frauenmorde an der mexikanisch-amerikanischen Grenze. Natürlich ist München nicht Ciudad Juárez, realer Schauplatz der schrecklichen Verbrechen. Aber es ist herausfordernd, gerade aus der Differenz zu denken. „Olympia 2666“ wird an vielen besonderen Orten der Stadt spielen. Die Szenografie entwirft das Architekturkollektiv raumlaborberlin, die mit den Shabbyshabby Apartments bereits zu Beginn meiner Intendanz einen Kommentar auf die Wohnraumfrage in München gebaut haben. Vielleicht sind Sie dann nachts um 4 Uhr in der Unibibliothek und finden sich im Morgengrauen im Entwicklungszentrum für selbstfahrende Autos von BMW?
Vieles klingt in dem Projekt an, worum es uns in den letzten Spielzeiten ging: Theater zu einem besonderen Erlebnis zu machen. München etwas zu bringen, was der Stadt selbst nicht eigen ist. Perspektiven polemisch aufeinanderprallen zu lassen.


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Aber es werden auch postkoloniale Fragen berührt. Deutschland lernt, was dieses Thema angeht, im Moment erst seine Vergangenheit kennen. Bei unserer Auseinandersetzung mit dem Faschismus sind die eigenen Verstrickungen in den Kolonialismus in den Hintergrund getreten. Plötzlich macht man sich bewusst, dass die Aufteilung Afrikas während der Berliner Kongo- Konferenz passierte, die 1884/85 unter der Leitung von Bismarck stattfand. Gemeinsam mit dem Goethe-Institut planen wir ein thematisches Wochenende zu Postkolonialismus im Frühjahr 2020.
Mit diesem gedanklichen Strang korrespondiert die Arbeit von Anta Helena Recke. Sie zeigt zum Spielzeitauftakt eine Arbeit über Freuds Erkenntnisse zu den „Kränkungen der Menschheit“. Die erste Kränkung ist die kopernikanische Wende, die zweite die Darwin’sche Evolutionstheorie (Mensch stammt vom Tier ab), und die dritte die Entdeckung des Unbewussten. Diesen von Freud festgestellten Kränkungen fügt Recke eine vierte hinzu: Es gibt nicht die eine Menschheit (und vor allem keine ausschließlich weiße, heterosexuelle, männliche). Fast zeitgleich wird Stefan Pucher „König Lear“ inszenieren. Das Stück kann gerade wie eine Parabel auf die aktuellen Emanzipationsbewegungen in unseren Gesellschaften gelesen werden: Alte, weiße Männer müssen ihre Macht auf jüngere Generationen und diverser aufgestellte Strukturen übertragen.

Marlene Monteiro Freitas ist die im Moment tonangebende Choreografin Europas. An den Kammerspielen haben wir bislang zwei ihrer Arbeiten gezeigt. Nach den orgiastischen Ausschweifungen in „Of Ivory and Flesh“ und „Bacantes“ wendet sie sich nun einem weniger freudvollen Stoff zu: dem Bösen. Natürlich denkt man sofort an Bataille oder, in der deutschen Denktradition, an Goethes „Faust“, aber auch an Genet. Der Blick auch dieser Choreografin auf das Thema wird sicher ein postkolonialer sein. Ihre Arbeiten sind oft von der Tradition des Karnevals auf den Kapverdischen Inseln geprägt. Dort ist Freitas aufgewachsen, bevor es nach Lissabon ging. Ihre Stücke werden immer von rhythmisch sich wiederholenden Bildern in einer sehr eigenen choreografischen Sprache getragen. Sie sind große, sinnliche Spektakel. Unser Ensemble und sie haben sich sofort ineinander verliebt. Ich bin sehr froh darüber, dass die Münchner Kammerspiele die Uraufführung von „Le Mal“ produzieren und zeigen werden.

Genauso freut es mich, dass René Pollesch wieder an den Münchner Kammerspielen inszenieren wird. Er betreibt eine radikale Form des philosophischen Schreibens als Regie. Unter dem Titel „Passing – It’s so easy, was schwer zu machen ist“ lässt sich Pollesch vom Open Border Ensemble herausfordern. Man darf gespannt sein, welche Form er mit den überwiegend Arabisch sprechenden Protagonist*innen findet.

Wir werden in der Spielzeit 2019/20 „Dionysos Stadt“ weiterspielen. Diese Produktion hat mich sehr glücklich gemacht. Eigentlich widersprach es jeder Vernunft, an einem Theater, das im großen Haus mit Publikumszahlen zu kämpfen hat, so ein Riesenprojekt zu verwirklichen. Bei jeder Vorstellung arbeiten acht Schauspieler*innen und 72 weitere Mitarbeiter*innen für Sie! Am Tag davor können wir aus logistischen Gründen keine reguläre Inszenierung spielen. Wenn die Inszenierung mäßig angekommen wäre, hätte ich zum Sprung von der Wittelsbacherbrücke ansetzen können. Es kam anders. Die Arbeit ist zum Berliner Theatertreffen eingeladen und hat den Blick der Münchner*innen auf unser Theater verändert. Dafür danke ich Ihnen und allen Beteiligten.

Ähnlich glücklich bin ich über „Farm Fatale“ von Philippe Quesne. Seine Arbeit „Caspar Western Friedrich“ war ein Schritt, den viele Zuschauer*innen in unserer ersten Spielzeit nicht mitgehen konnten. Jetzt ist Quesne so etwas gelungen wie ein Beckett’scher Kommentar zum Klimawandel. Und das in einer sehr vergnüglichen Form. Gleich in der Premierennacht wurde das Stück als Gastspiel nach Santiago de Chile, nach São Paulo und Novosibirsk eingeladen. Die Geschichte ist einfach: Fünf Vogelscheuchen stellen fest, dass die gefiederten Freund*innen, genauso wie die Bienen, nicht mehr unter uns weilen. Sie sind arbeitslos.

In Philippe Quesnes Arbeiten spielt das Thema Natur immer wieder eine große Rolle. Er war es auch, der die Idee hatte, das Ensemble für dieses Spielzeitheft in der Natur, im Schnee, zu fotografieren. Schauspieler*innen sehen wir üblicherweise in Kunsträumen. Was geschieht, wenn sie vor der Kamera die letzten Tage des Winters erleben? Vom Zwang befreit, unbedingt ästhetische Bedeutung erzeugen zu müssen, geben sie sich der Schneeballschlacht oder dem Kaiserschmarrn hin. Es entsteht, und hier verrät sich die Handschrift von Quesne, so etwas wie eine Identitätsreduktion in einer fast romantisierten Welt. Wenn ich mir die Bilder ansehe, freue ich mich und bin stolz auf diese Gemeinschaft, die wir geworden sind.

Nach dieser Spielzeit, in der wir uns wieder einiges vorgenommen haben, werden wir erstmal eine Pause voneinander brauchen. Ich bin dann in Beirut und stelle eine Ausgabe des „Homeworks“-Festival zusammen. Die letzten Jahre in Bayern haben mich oft mehr Kraft gekostet, als sie mir gegeben haben. Aber ich freue mich darauf, es in der kommenden Spielzeit gemeinsam mit Ihnen nochmals richtig krachen zu lassen!

Mit freundlichen Grüßen

Matthias Lilienthal