MK:

Wir haben alle gedacht wir haben ein Vaterland - aber wir haben keins

Digitales Programmheft zu "Heldenplatz"
Von Tobias Schuster

Am 15. März 1938 stehen zehntausende Menschen erwartungsvoll auf dem Wiener Heldenplatz, unmittelbar vor dem Eingang der Wiener Hofburg. Als Adolf Hitler auf den Balkon tritt und den Wartenden den Anschluss der Republik Österreich an Nazideutschland mitteilt, bricht die Masse in Jubelschreie aus. Dieses Ereignis wird über Jahrzehnte in der kollektiven Erinnerung des Landes tabuisiert bleiben.

Zum 50. Jahrestag des Anschlusses wird 1988 die Auseinandersetzung um Thomas Bernhards Stück „Heldenplatz“, nur einen Steinwurf entfernt im Burgtheater uraufgeführt, zu einer Zäsur in der österreichischen Nachkriegsgeschichte. Dies löst erstmals eine breite Auseinandersetzung mit der verdrängten Vergangenheit des Landes aus.

Heldenplatz 1988 – ein österreichischer Skandal

Zum Hintergrund der Uraufführung

In Thomas Bernhards Stück geht es um die Familie des jüdischen Wissenschaftlers Professor Josef Schuster. Der Protagonist hat sich, unmittelbar bevor die Handlung einsetzt, von seinem Balkon mit Blick auf den Heldenplatz in den Tod gestürzt. Während der Nazizeit hatte der Mathematiker Wien verlassen müssen und war ins Exil nach Oxford gegangen. Auf Bitten der Universität übernahm er in den Fünfziger Jahren wieder einen Lehrstuhl in Wien. Bald nach der Rückkehr beginnt jedoch seine Frau, immer wieder die Jubelschreie der Nazi-Meute vom Heldenplatz zu hören. Verfolgt von diesen Geistern entschließt sich die Familie erneut dazu, ihre österreichische Heimat zu verlassen. Kurz bevor die Umzugskisten nach England verschifft werden sollen, nimmt sich Josef Schuster das Leben. Er kann nicht ertragen, „dass mich dieser Hitler zum zweiten Mal aus meiner Wohnung verjagt“. Thomas Bernhard lässt uns in drei Szenen miterleben, wie die Hinterbliebenen mit dem Todesfall umgehen: Hausangestellte in der ersten Szene, Familie und Universitätskolleg*innen in den folgenden. Dabei zeichnet er individuelle Strategien im Umgang mit dem Schicksalsschlag nach. Im Nachdenken über die politischen Verhältnisse, die Josef Schuster in den Tod getrieben haben, steigern sich die Figuren in die einzigartigen Bernhardschen Wutreden.

Das Stück entstand vor dem Hintergrund der Affäre um den Österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim, der als Wehrmachtsoffizier auf dem Balkan an Deportationen beteiligt war. Infolgedessen wurde Österreich in den Jahren ab 1986 international isoliert und Waldheim sogar vom Jüdischen Weltkongress auf die Watchlist mutmaßlicher Kriegsverbrecher gesetzt.

 

Waldheims Walzer

Ein Film von Ruth Beckermann

Der Film zeichnet die Affäre um Kurt Waldheim nach, der von 1972 bis 1981 UN-Generalsekretär ist und 1986 österreichischer Bundespräsident werden will. Während des Wahlkampfs werden Lücken in seiner Kriegsbiografie aufgedeckt. Ein Film über Lüge und Wahrheit. Über „alternative Fakten“. Und über individuelles wie kollektives Bewusstsein.

Hier zum Film

Thomas Bernhard hatte sich bereits in früheren Werken mit der verdrängten Schuld der Nazizeit auseinandergesetzt. Für Regisseur Claus Peymann, der „Heldenplatz“ ebenfalls zur Uraufführung brachte, hatte er 1979 für das Staatstheater Stuttgart das Stück „Vor dem Ruhestand“ geschrieben, in dem die Familie eines ehemaligen Richters noch Jahrzehnte nach dem Krieg den Geburtstag Heinrich Himmlers feiert. Damit spielte er auf den Skandal um den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Hans Filbinger an, der als Militärrichter in der Nazizeit Todesurteile verfügt hatte. Die Uraufführung dieses Stücks trug maßgeblich dazu bei, dass der Vertrag von Claus Peymann als Intendant des Staatstheaters gekündigt wurde.

Die Auseinandersetzung mit dem Erbe des Faschismus war eines der großen Lebensthemen Thomas Bernhards – bis zu dessen letztem Stück „Heldenplatz“, das wenige Monate vor seinem Tod auf die Bühne kam. Die verzweifelten Wutreden des todkranken Professor Robert über sein Land sind insofern auch als Vermächtnis des zeitlebens schwer lungen- und herzkranken Thomas Bernhard zu lesen. Beim turbulenten Schlussapplaus nach der Uraufführung, zwischen Jubel und wütendem Protest, trat Bernhard entgegen seiner sonstigen Gewohnheit, sich dem Publikum nicht zu zeigen, auf die Bühne: Es sollte sein letzter öffentlicher Auftritt sein.

"Wir leben heute alle im Widerhall vom Heldenplatz"

Der Wiener Schriftsteller und Historiker Doron Rabinovici erinnert sich an die turbulenten Umstände der Uraufführung von Thomas Bernhards Stück „Heldenplatz“ - und zieht eine Linie bis zum Rechtspopulismus der Gegenwart.

Michael Brenner im Interview mit der Süddeutschen Zeitung

„Die sprichwörtlichen Koffer, schon lange ausgepackt und ausgeleert, stehen bei vielen Juden in Deutschland noch auf dem Dachboden. Wir sollten sie herunterholen. Es ist an der Zeit zu überlegen, was wir einpacken. Noch können wir sie stehen lassen, aber sie sollten bereit sein, denn der Tag, an dem wir sie brauchen, mag nicht mehr weit sein.“

Michael Brenner, Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur, LMU München
Im Online-Magazin der Münchner Kammerspiele „Die Neue Situation“ analysiert der Publizist Robert Andreasch, wie Gewalt von Rechts und nationalistische Ideologie in Deutschland Gegenwart und Vergangenheit bestimmen.
Die Neue Situation

"Keinen Millimeter zurückweichen"

Der Journalist und Antisemitismus-Forscher Ronen Steinke („Terror gegen Juden“) schreibt über die ständigen Bedrohung, der Jüdinnen und Juden bis heute ausgesetzt sind, und fragt nach der Verantwortung der gesellschaftlichen Mitte.

Trotz seiner so wichtigen politischen Rolle für die österreichische Zeitgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte und für das Selbstverständnis des Landes blieb Bernhards Stück eines seiner selten aufgeführten Werke. Dennoch ist es eines von geradezu beängstigender Virulenz in einer Zeit, in der in Deutschland vor dem Hintergrund des grassierenden Rechtsterrorismus und der Verflechtungen zwischen rechter Szene und Sicherheitsbehörden das Narrativ der „vorbildlichen Vergangenheitsbewältigung“ ähnlich falsch klingt wie die Erzählung von Österreich als „erstem Opfer der Nazis“. Um mit dem Autor und Politologen Max Czollek zu sprechen: Deutschland steht viel mehr vor der Aufgabe der Gegenwartsbewältigung. Deswegen lohnt die Neubetrachtung dieses so gewichtigen Textes mehr denn je.

„In dem Begriff drückt sich ja zunächst einmal eine Abgrenzung gegenüber einem Konzept der ‘Vergangenheitsbewältigung’ aus. Es geht also um die Bearbeitung eines bestimmten Teils der deutschen Vergangenheit im vergangenen Jahrhundert. Und zwar in Bezug auf ihre Bedeutung in der Gegenwart. Vergangenheitsbewältigung bedeutet eine Abgrenzung der eigenen Position von der Geschichte. Ihre wesentliche Funktion ist es, die Frage nach Kontinuität und Aktualität zu verhindern. Mit dem Begriff ‘Gegenwartsbewältigung’ wollte ich den Blick für die Art und Weise schärfen, in der deutsche Geschichte unser Sprechen und unsere Wahrnehmung bis in die Gegenwart bestimmt.“

Mehr zum Konzept der Gegenwartsbewältigung hier.

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Bis in die 80er-Jahre wurden deutsche Sicherheitsbehörden von Neonazi-Kadern geführt. Daran hat sich bis heute vieles geändert - aber nicht genug, sagt Journalist und Unternehmensberater Stephan Anpalagan.

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Falk Richter beschäftigt sich in seiner Arbeit seit 2015 kontinuierlich mit dem Erstarken der Neuen Rechten in Europa. Seine Inszenierung „FEAR“ an der Berliner Schaubühne zog eine jahrelange juristische Auseindersetzung mit der AfD nach sich, und der Autor stand zeitweise unter Polizeischutz. Für seine Inszenierung von „Heldenplatz“ erarbeitete Falk Richter eine Fassung mit neuen Texten, die Thomas Bernhard für die deutsche Gegenwart weiterdenken und kontextualisieren. Richter stellt sich insbesondere die Frage, wann in einer zunehmend von Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit durchzogenen Gesellschaft der Zeitpunkt gekommen ist, sich in Sicherheit zu bringen und das Land zu verlassen. Er gleicht seine Gegenwartsanalyse mit Bernhards modernem Klassiker ab und fragt nach der Gefährdung unserer Demokratie heute.

Falk Richter über seine Auseinandersetzung mit „Heldenplatz“

Thomas Bernhard – Eine Erinnerung

„Jedes Wort ist eine Wahrheit, die ich durchlebt habe.“ In diesem Portrait, das ein Jahr nach Bernhards Tod entstanden ist, kommen Weggefährten und Freunde zu Wort.

Nächster Termin: 23.1.
Heldenplatz
Nach Thomas Bernhard - in einer Fassung mit neuen Texten von Falk Richter...