MK:

eldorado in our hearts in our venes

Digitales Programmheft zu „Eure Paläste sind leer (all we ever wanted)“

Von Tobias Schuster

Thomas Köck entwickelt in seinem neuen Stück, das als Auftragswerk für die Münchner Kammerspiele den Beginn einer längeren Arbeitsbeziehung mit dem Haus markiert, die Szenerie einer untergegangenen Kultur, in der eine in sich gespaltene Figur einen zerstörten Palast durchwandert. Gedanklicher Ausgangspunkt dafür ist die mythologische Figur des Teiresias, des blinden Sehers, der in vielen literarischen Werken von der Antike über Dantes „Göttliche Komödie“ bis zu T.S. Eliots „Waste Land“ auftaucht und doch bisher nie ganz im Zentrum eines Werkes stand. Eine schillernde Figur: mehrfach wechselt Teiresias im Laufe seines Lebens das Geschlecht, als Bote des Orakels verfügt er über delikatestes Herrschaftswissen, das er allerdings grundsätzlich nur äußerst sparsam in kryptischen Sinnsprüchen teilt. Teiresias steht an der gefährlichen Schnittstelle von Religion und Politik. Mit seinen kryptischen Weissagungen an Ödipus setzt Teiresias den Zug von Gewalt und Gegengewalt in Gang, an dessen blutigem Ende Antigone in den Tod geht. Immer steht er dabei am Rand der Geschichte, einflussreich, aber nie entscheidend. „Alle Zeiten, alle Orte, alle Räume, alles lag da vor mir gleichzeitig“, lässt Thomas Köck ihn sagen – und doch habe Teiresias immer nur in Rätseln gesprochen und gewarnt, doch nie tatsächlich gehandelt. Davon sich abstoßend kreiert Köck eine in sich dissonante Figur, die wissend auf die Fehlentwicklungen der Welt schaut, ohne gegen sie aktiv zu werden; und die schließlich vor den Trümmern des eigenen Lebens und der eigenen Gesellschaft steht. Im Durchschreiten dieses Höllenkreises stellt sich zunehmend die Frage nach der Verantwortung für die Verheerungen. Sind wir nicht alle Seher*innen und wissen, auf welchen Kurs wir uns begeben haben – nur aufhalten können wir uns selbst offenbar nicht?

Der britische Historiker Robert von Ranke-Graves sammelt antike Darstellungen des geheimnisvollen Sehers.

Thomas Köck, der zweifache Mülheim-Preisträger, der bereits mit seiner monumentalen „Klima-Trilogie“ auf vielen verschiedenen Ebenen über den drohenden Kollaps unseres Systems nachdachte, thematisierte später in Werken wie der „Kronlandsaga“ den Aufstieg der Neuen Rechten in Europa und fragte dabei nach den Verbindungen zwischen Neoliberalismus und Xenophobie. Zuletzt verband er in seiner Adaption des Antigone-Stoffs den Mythos mit einer beißenden Kritik an der Verlogenheit eines Europas, das die Sterbenden an den Außengrenzen ebenso wenig versorgen will wie Kreon den Leichnam des Polyneikes.

Alle Chronologien sprengen!

Einen Überblick über die Themen von Thomas Köck gibt die Laudatio von Tobias Schuster zum Mülheimer Dramatikpreis 2018 (PDF)

Geschult an Mark Fishers bei Derrida entlehnter Idee der Hauntologie (Mark Fisher, What Is Hauntology?: PDF), nach der die Gespenster anderer Epochen immer in der Gegenwart präsent sind und sie mitbestimmen, spielt das Geisterhafte oft eine Rolle in Köcks Texten.

So erscheinen auch seiner Teiresias-Figur immer wieder Geister anderer Zeiten: mit unstillbarer Macht- und Raffgier, hart am Rande des Wahnsinns segelnde Kolonial-Konquistadoren auf der Suche nach dem sagenumwobenen Eldorado. Mit ihnen, die unter der Fahne der Kirche reisen, beginnt die sich beschleunigende, verbrecherische Ausbeutung des Planeten, die später – fortgesetzt durch den Kapitalismus – unseren Planeten in die gegenwärtige, prekäre Lage bringt. Vorbild für diese Ebene ist Werner Herzogs Film „Aguirre – der Zorn Gottes“, der in fiktionalisierter Form die historische Reise des baskischen Konquistadoren Lope de Aguirre porträtiert.

Hart dagegen schneidet Köck ein Gespenst aus den USA unserer Gegenwart: ein ehemaliger Spitzenverdiener, der dem Druck nicht standhielt und wie hunderttausende andere ein Opfer der Opiatepidemie in den USA wurde. Ein reißerisches Fernsehteam belagert sein Haus, bis er zu explodieren droht – im Bademantel verlässt er schließlich das Grundstück und will seiner Erregung Ausdruck verleihen.

Opiatepidemie in den USA

Überdosen an Schmerzmitteln sind für knapp 200 000 Todesfälle in den USA verantwortlich – allein in den letzten fünf Jahren. Das opioidhaltige Schmerzmittel OxyContin brachte dem Pharmakonzern Purdue über 35 Milliarden Euro Gewinn.

Zunehmend überlagern sich dann die Ebenen. Aus religiös verbrämter Gier verübten die Konquistadoren die brutalen Verbrechen ihrer kolonialen Landnahme. Darin manifestiert sich ein wesentlicher Startpunkt der Ausbeutung von Planet und Menschen, die letztlich den Weg für eine Welt bereitet, in der Auswüchse des Kapitalismus so etwas wie die Opiatepidemie mit hunderttausenden von Todesopfern möglich machen: eine Welt am Rande des Kollapses. Historisch befeuert und politisch betrieben wurden die Ursprünge dieser Entwicklung maßgeblich durch die Kirche. Formal spielt Köck mit der Struktur von Dantes „Göttliche Komödie“, in der die Hauptfigur die Hölle, das Fegefeuer und schließlich das Paradies durchschreitet. Er durchzieht sein Stück aber auch mit liturgischen Sentenzen, die es in Momenten wie einen Messgesang klingen lassen. Wie die Bitte um Erlösung vor dem Jüngsten Gericht.

Über die Sehnsucht nach Transzendenz verbinden sich die unterschiedlichen Ebenen motivisch miteinander: Zwischen der Suche nach dem mythischen Eldorado und dem Streben nach dionysischem Exzess im Drogenrausch. Vor der Kulisse des Altars kommt es schließlich zum Showdown.

Schreiben heißt, sich an den Tod heranschleichen

In der Hamburger Poetikvorlesung spricht Thomas Köck über seine Poetik.

Foto: Peaches&Rooster

Regisseur Jan-Christoph Gockel und Schauspieler und Puppenbauer Michael Pietsch arbeiten als „peaches&rooster“ an einem neuen politischen Theater an der Schnittstelle von Schauspiel und Puppenspiel. Mehr über ihre Arbeit finden Sie hier.

Zwei Tänzerinnen philosophieren über Zombies

Ein Film von Thomas Köck, entstanden als Carte Blanche für „Square“.

spiel einfach weiter weiter für immer

neverending playlist
für alle die es wissen wollen
in loser und unfertiger reihenfolge erklingen also
(zwischen den zeilen auch im zweifel
man muss da eben sehr genau hinhören)

Thomas Köck bezeichnet sich selbst als durch Musik sozialisiert und sagte mal, dass er eigentlich immer nur Songtexte schreibe, wenn auch sehr lange. „Eure Paläste sind leer (all we ever wanted)“ hat er eine überbordende Liste mit Songs begefügt. Hier gibt es sie zum Nachhören.