MK:

Er war sicher kein Heiliger aber vielleicht ein Held

Kurzinterview mit Hans-Hermann Klare zu Philipp Auerbach

Anna Laner: Wie schwer gestaltete sich Ihre Recherche? Wie zugänglich waren historische Quellen zu Philipp Auerbach für Sie?

Hans Hermann Klare: Die Recherche war nicht besonders schwierig, weil in den Archiven etwa in München umfangreiches Material liegt: die Akten des Amtes mit zahlreichen Briefwechseln, die Ermittlungsakten gegen Philipp Auerbach in der Vorbereitung des Prozesses gegen ihn. Dazu kommt sein eigener Bericht über die Deportation aus Belgien nach Frankreich, Schilderungen des schrecklichen Alltags in den Lagern in Südfrankreich, im Gefängnis der Gestapo in Berlin, in Auschwitz und Buchenwald. Darüber hinaus hat mir die Familie Auerbachs Material zur Verfügung gestellt: seine Tochter aus erster Ehe, die in New York lebte und wenige Monate nach unserem Treffen verstarb. Seine Tochter aus zweiter Ehe, die heute noch in Deutschland lebt. Erst nach dem Schreiben des Buches habe ich erfahren, dass es sogar noch mehr Material gegeben hätte in Archiven in Kanada und in Australien. Es handelt sich um die Akten und die Erinnerungen polnischer und ukrainischer KZ-Häftlinge, die dorthin ausgewandert sind.

AL: Wie sind Sie mit den Zuschreibungen über die Widersprüchlichkeit der Persönlichkeit von Auerbach umgegangen?

HK: Ein Mensch, der diverse Lager überlebt und dabei zusehen muss, wie andere Häftlinge gefoltert, erschossen, vergast werden oder an Seuchen und Unterernährung sterben – ein solcher Mensch ist natürlich gezeichnet von dem, was er gesehen hat. Lebendig davon zu kommen, war Glücksache, ganz gleich, wie kräftig, wie geschickt man war. Darum hat es mich nie verwundert, dass Philipp Auerbach ein schwieriger Mensch war, aufbrausend, ungeduldig, fordernd, scheinbar besserwisserisch. Wenn man weiß, dass er es als seine Aufgabe nach der Befreiung aus dem KZ sah, sich um die Überlebenden zu kümmern und ihnen einen Weg zurück in den Alltag zu ebnen, dann ist es nicht verwunderlich, wenn er sich so aufführte wie er war. (…) Wenn man so will, war er sicher kein Heiliger, aber vielleicht ein Held.

AL: Was würden Sie Auerbach gerne fragen, wenn Sie ihn heute sprechen könnten – ist in ihrer Auseinandersetzung mit Auerbach eine Leerstelle geblieben?

HK: Wenn man sich nach der Befreiung aus dem KZ so engagiert, so verausgabt, dass man darüber krank wird wie Philipp Auerbach, muss es unerträglich sein, Jahre der antisemitischen Anfeindungen zu erleben und von anscheinend allen außer der Familie und den ehemaligen KZ-Häftlingen für korrupt gehalten zu werden. Als ein typischer Jude zu gelten, der sich bereichert und seinen Vorteil sucht. Jeder Prozesstag von April bis August 1952 verstärkte diesen Eindruck. Ich hätte ihn gern das gefragt, was ihm schon vor dem Entschluss zum Selbstmord offenbar immer klarer wurde: Wie er mit dem Gefühl lebte, dass all sein Engagement vergeblich schien.

Hans-Hermann Klare, geboren 1956, war lange Jahre Autor und leitender Redakteur beim „Stern“. 2022 nach langjähriger Recherche veröffentlichte er „Auerbach. Eine jüdisch-deutsche Tragödie oder Wie der Antisemitismus den Krieg überlebte“ im Aufbau Verlag.