Landwirtschaft: "Zu leben tat einfach nur noch weh"
Jana Gioia Baurmann
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende, Ausgabe 23/2024
Die Schweine sehen zufrieden aus, die Felder sind weit und grün, ein Traktor ist natürlich auch abgebildet. An den Wänden der Messehalle 3.2 herrscht landwirtschaftliches Idyll. Es ist Ende Januar, Grüne Woche in Berlin, der schlanke, sportlich aussehende Mann, der nun die Bühne betritt, ist mehr als 400 Kilometer angereist. Er will von der Wirklichkeit erzählen. Davon, wie es ist, ununterbrochen zu arbeiten. 365 Tage im Jahr. Als Ackerbauer vom Wetter abhängig zu sein; immer darauf reagieren zu müssen. Davon, dass ihn sein Familienbetrieb mit den 70 Milchkühen in die Depression trieb. „Am Anfang wollte ich es nicht wahrhaben“, spricht Christoph Rothhaupt ins Mikrofon. „Ich dachte: Ein starker Mann darf nicht so schnell aufgeben. Ein Landwirt sowieso nicht.“
Ein paar Tage zuvor, als die Grüne Woche eröffnet wurde, hatte Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir gesagt: „Manche vergessen: in jedem Brot, in jedem Steak, in jedem Apfel, in jedem Bier, in jedem Glas Wein steckt die harte Arbeit unserer Bäuerinnen und Bauern drin.“ Auf der Bühne in Halle 3.2 sagt Christoph Rothhaupt, dass die hohe Arbeitsbelastung die Depression ausgelöst habe. „Ach, es gab so viele Faktoren, die mich belastet haben“, schiebt er nach. Hinter ihm, an der Wand, steht: Ernährung sichern. Natur schützen. Was dort nicht erwähnt wird: Dafür zu sorgen, dass es dem Landwirt gut geht. Die Menschen in diesem Beruf zu schützen. Rothhaupt möchte das ändern. Deshalb stellt er sich auf Bühnen wie diese, gibt Interviews, er spricht offen. „Ich dachte damals, dass ich der Einzige bin“, sagt Rothhaupt. „Heute weiß ich, dass ganz viele betroffen sind.“
Empirische Zahlen, wie viele Landwirtinnen und Landwirte und psychischen Erkrankungen leiden, gibt es nicht, zumindest nicht für Deutschland. „Die Bundesregierung ist sich des Problems sehr bewusst“, sagt eine Sprecherin des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) auf Anfrage. Verschiedene Maßnahmen, um psychische Belastungen bei Landwirtinnen und Landwirten besser zu verstehen und ihnen entgegenzuwirken, seien eingeleitet. Was es bereits gibt: einen Bericht des Pariser Senats, demzufolge es französischen Landwirten insgesamt schlechter geht als ihren Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Studien aus der Schweiz, Finnland und Kanada, die belegen, dass Landwirtinnen und Landwirte vermehrt psychische Leiden haben. Eine wissenschaftliche Arbeit, die die Lage in Österreich und Deutschland
untersucht hat, und zu dem Ergebnis kommt, „dass eine immense Belastung“ unter Landwirtinnen und Landwirten herrscht. Ein Symposium, organisiert von der Sozialversicherung für Landwirtschaft, Forsten und Gartenbau, kurz SVLFG, zu seelischer Gesundheit und psychischen Belastungen. Eine Krisenhotline der SVLFG, bei der sich Betroffene wegen seelischer Überforderung, Depression, Angstzuständen melden können; im vergangenen Jahr waren psychische Probleme der zweithäufigste Anrufgrund. Und: Landwirtinnen und Landwirte wie Rothhaupt sind zunehmend bereit, ungeschönt über ihren Beruf zu erzählen.
Rothhaupt war 14, als der Vater ihn fragte, ob er nicht auch Landwirt werden wolle. „Klar sagst du da ja“, erinnert sich Rothhaupt vier Wochen nach der Grünen Woche am Telefon, längst ist er wieder zu Hause in der Rhön. Die Arbeit auf dem Feld, sie machte ihm doch Spaß. Vater und Sohn begannen, den Betrieb in zwei Generationen zu führen. 2008 erkrankte der Vater, das Herz. An dem Tag, an dem er notoperiert wurde, konnte der Sohn nicht mit ins Krankenhaus – stattdessen versteigerte er eine Jungkuh, kümmerte sich um das andere Vieh, um den Hof. Die Sorge, dass der Vater nicht überlebt, die Angst, allein zurückzubleiben, hatte keinen Platz. Zu viel Arbeit.
Was muss, das muss – oder?
Dem Vater, der überlebte, sagte der Arzt: „Sie werden in Ihrem Beruf nicht mehr arbeiten können.“ Fünf Wochen später saß der Vater wieder auf dem Mähdrescher. Was muss, das muss, so hatte er es doch immer schon gehandhabt. 2014, an dem Abend vor einer weiteren Operation, aus der der 56-Jährige nicht mehr erwachen sollte, sagte der Vater im Krankenbett liegend zum Sohn: „Mach net denselben Fehler wie ich. Schaff‘ net so viel!“ Zwei Tage nach der Beerdigung stellte Rothhaupt seinen Betrieb auf automatisches Melken um. Der neue Melkroboter für rund 100.000 Euro war gerade geliefert worden. Was als Arbeitsentlastung gedacht war, beanspruchte erst einmal mehr Zeit: Wie verhalten sich die Tiere, wie ist der Roboter stündlich ausgelastet, welche Funktionen gibt es? Was muss, das muss. War doch so, oder? Zeit zu trauern hatte Rothhaupt nicht. Nahm er sich nicht.
„Wer in der Landwirtschaft aufwächst, wird mit dem Mantra ‘Wir schaffen das!’ erzogen“, sagt Isabella Hirsch, selbst Landwirtin und Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft in Franken und Bayern. Mehr als 15 Jahre arbeitete sie als landwirtschaftliche Familienberaterin. Der Verein, für den sie tätig war, bietet Telefonsprechstunden in neun Bundesländern an. Hirsch hörte Landwirten und Landwirtinnen zu, die von Paarproblemen erzählten, von Generationenkonflikten, von Alkoholsucht, Depression, Suizidgedanken. Frauen, die bis einen Tag vor der Geburt ihres Kindes auf dem Feld standen. Und die zwei Wochen danach die Arbeit wieder aufnahmen. Familien, die auf dem Hof zu fünft in einer Einzimmerwohnung klarkommen müssen – weil in der anderen die ältere Generation lebt. Familien, die auf Urlaube verzichten, weil sie sich eine Auszeit nicht leisten können; im doppelten Sinne. „In der Landwirtschaft ist man selbstständig, mit der Betonung auf ständig“, sagt Hirsch.
Immerzu funktionieren müssen
Hierzulande gibt es rund 263.000 landwirtschaftliche Betriebe. Die letzte Landwirtschaftszählung aus dem Jahr 2020 kam zu dem Ergebnis, dass in diesen Betrieben rund 434.400 Familienarbeitskräfte tätig sind. Weiterhin werden rund 228.900 Menschen permanent, etwa 274.700 saisonal angestellt. Die Arbeit wird also zu großen Teilen von den Landwirten und Landwirtinnen sowie deren Familienangehörigen erbracht: Oma, Opa, Schwiegersohn, Kinder, alle packen mit an. Haben mitzuhelfen. „Morgens musst du aufstehen, egal ob dir der Kopf schmerzt, du krank bist, das Baby schreit“, sagt Isabella Hirsch, die manchmal ihr weinendes Kind im Bett liegen lassen musste – die Kühe warteten darauf, gemolken zu werden. Erkrankten Tiere, vor allem Kälber, was immer mal wieder vorkam, stand sie nachts alle zwei Stunden auf, um sie zu versorgen. „Eine Milchkuh bestimmt den Tagesablauf“, sagt Hirsch.
Die Suizidrate unter Landwirtinnen und Landwirten ist hoch
„Die Sorgen meines Vaters habe ich mit einer Unterschrift übernommen“, sagt Rothhaupt. Er, der seit dem Tod des Vaters allein für den Hof verantwortlich war, steigerte mithilfe des neuen Melkroboters die Leistung der Milchkühe, der Betrieb lief. Die Zeit, die ihm der Roboter einsparte, investierte er in andere Arbeit. Genug zu tun gab es ja. Irgendwann begann er, sich müde zu fühlen. Antriebslos. Er schlief schlecht. Doch er machte weiter, pausenlos. Es gab Tage, an denen er 20 Stunden arbeitete. Es gab Tage, an denen er mit 40 Grad Fieber im Stall stand. „Zu leben tat einfach nur noch weh“, erinnert sich Rothhaupt. Fünf bis sechs Ibuprofen schluckte er täglich, „ich hab‘ die wie Gummibärchen gefressen“, zwei Liter Kaffee trank er, locker. Er, der fast zwei Meter misst, wog nur noch 70 Kilogramm. „Ich wollte tot sein.“ Als sich bei einigen Kühen die Euter entzündeten – sehr schmerzvoll für die Tiere und ein großer wirtschaftlicher Schaden für den Tierhaltenden – und Rothhaupt nicht die Ursache finden konnte, sackte er eines Tages im Stall zusammen. Weinend lag er auf dem Boden: Warum muss mir das passieren? Warum immer ich? Einen wie mich braucht die Welt doch nicht … „Hätte ich in diesem Moment nicht an unseren kleinen Sohn gedacht, wäre ich heute nicht mehr hier“, sagt Rothhaupt. Seine Frau suchte ihm die Nummer der landwirtschaftlichen Familienberatungsstelle raus. Er bekam gleich für den nächsten Tag einen Gesprächstermin. „Zwei Stunden lang habe ich dort geweint“, sagt er. „In der darauffolgenden Nacht konnte ich zum ersten Mal wieder gut schlafen.“
Nicht mehr können
Die Suizidrate unter Landwirtinnen und Landwirten ist hoch. In Deutschland gibt es laut dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) bislang keine einheitliche Erfassung, mit der sich berufsgruppenspezifische Aussagen treffen lassen. In anderen Ländern ist das anders: Untersuchungen aus Großbritannien schreiben der landwirtschaftlichen Bevölkerung inzwischen die zweithöchste Suizidrate zu. In Frankreich ist die Rate unter Landwirtinnen und Landwirten mindestens 20 Prozent höher ist als im Durchschnitt der Bevölkerung. Für den Themenbereich der psychischen Gesundheit sei das Bundesministerium für Gesundheit federführend, heißt es vom BMEL. In der Nationalen Suizidpräventionsstrategie, die Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach Anfang Mai vorstellte, wird auch die sogenannte Grüne Branche erwähnt. Akteure aus der Landwirtschaft, die sich agrarpolitisch engagieren, kritisieren, dass die dort genannten Initiativen nicht ausreichten.
„Diejenigen, die zu mir kommen, tun das nicht, um über ihre Befindlichkeiten zu reden“, sagt Karen Hendrix, die seit 2021 Stationsärztin an der Psychosomatischen Fachklinik Simbach am Inn ist. Ihr Schwerpunkt: Depression und psychische Belastungen in der Landwirtschaft. „Sie kommen, weil sie es nicht schaffen, sich das Leben zu nehmen.“ Klingt hart, aber was Hendrix meint: In ihre Sprechstunde schaffen es diejenigen, die den Alltag nicht mehr bewältigen. Hendrix kann von Landwirten erzählen, die trotz gebrochener Kniescheibe weiterarbeiteten – und sich nicht mal die Zeit nahmen, um zum Hausarzt zu gehen. Die sich nach einer Operation am Oberschenkelhals nicht schonten, sondern sofort nach Entlassung aus dem Krankenhaus, mit Schmerzmitteln betäubt, weiterarbeiteten. Eher wird eine lebenslange körperliche Beeinträchtigung in Kauf genommen, als ein paar Wochen lang arbeitsunfähig zu sein.
Fehlende Wertschätzung
Es gebe drei Bereiche, sagt Hendrix, unter denen Landwirtinnen und Landwirte besonders leiden. Zum einen die Bürokratie. Nach einem Arbeitstag auf dem Feld oder im Stall müssen die Arbeitsschritte für das zuständige Amt für Landwirtschaft dokumentiert werden. Oft dauere das bis nach Mitternacht, erzählen die Landwirtinnen und Landwirte, mit denen ZEIT ONLINE gesprochen hat. „Niemand wird Landwirt, um am Schreibtisch zu sitzen“, sagte Bundeslandwirtschaftsminister Özdemir in seiner Eröffnungsrede der Grünen Woche, wo er – wie schon einige Minister und Ministerinnen vor ihm – versprach, „diesen ganzen Wust an Berichtspflichten“ zu reduzieren.
Die Digitalisierung soll helfen, so die Idee. Das Problem: Der Breitbandausbau ist vor allem in ländlichen Regionen noch immer schlecht bis mittelmäßig. Dazu kommt, dass rund ein Drittel der Arbeitskräfte in der Landwirtschaft älter ist als 55 Jahre – deutlich mehr als im Vergleich zur übrigen Erwerbsbevölkerung. Viele von ihnen verstehen das Internet tatsächlich als Neuland.
Ein weiteres Leidensthema: die fehlende Wertschätzung der Gesellschaft. „Landwirte quälten ihre Tiere, sie spritzten den ganzen Tag Glyphosat, sowas hört man doch andauernd“, sagt Hendrix. „Im Gegensatz zu Dankbarkeit dafür, dass die Landwirte die Lebensmittel produzieren, die andere haben wollen.“ Die Landwirtschaft soll unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden: Sie soll, wie auf der Wand in Messehalle 3.2 zu lesen war, die Ernährung sichern, die Natur schützen. Sie soll auf dem Weltmarkt bestehen, preisgünstige Lebensmittel erzeugen, gleichzeitig für mehr Tierwohl sorgen und Umweltschäden begrenzen. Eine von Hendrix’ Patientinnen sei kürzlich angefeindet worden, weil sie den Spargel unter Folie wachsen ließ, dann ist er früher reif. „Aber wer hätte den Spargel denn nicht schon am liebsten nach Weihnachten?!“
Und dann sei da noch die Sache mit den rechtlichen Rahmenbedingungen. Als Rothhaupts Vater noch lebte, soll ihnen das zuständige Amt für Landwirtschaft geraten haben, einen neuen Milchviehstall zu bauen. Höher, schneller, weiter. Gut zwei Millionen Euro hätte der neue Stall gekostet. Anders als sein Vater, der sich fürs Wachstum begeisterte, war Rothhaupt gegen eine Vergrößerung. Die zwei Millionen hätten sie sich von einer Bank leihen, den Kredit über Jahrzehnte hinweg abbezahlen müssen – werden seitens der Politik neue Auflagen beschlossen, wie zuletzt zum 1. April, sind die dafür nötigen Umbaumaßnahmen rechtlich bindend. Und kosten erneut Geld. „So einen Stall zahlt oft die nächste Generation ab“, sagt Rothhaupt. „Und weil wir so lange gebunden sind, können wir nicht flexibel auf die Transformationsansprüche von Politik und Gesellschaft reagieren.“ Letztlich setzte sich Rothhaupt gegen seinen Vater durch. Ein neuer Stall wurde nicht gebaut.
„Was fehlt, sind angemessene Preise für Lebensmittel“
„Man hat ja Gefühle und Gedanken im Kopf. Alles, was man im Innersten hat, muss raus. Und alles, was man nicht rauslässt, ändert sich nicht.“ Hündin Elsa lenkt Burnkhard R. oft ab. 1950 arbeitete jeder fünfte Erwerbstätige in der Landwirtschaft – dann kam der technische Fortschritt, beispielsweise Christoph Rothhaupts Melkroboter. Das ist einerseits praktisch, weil so ein Roboter menschliche Arbeitskraft einspart. Andererseits führt die Modernisierung – und die damit einhergehende Technisierung – dazu, dass die Landwirtschaft inzwischen zu den kapitalintensivsten Branchen zählt. Anfang des Jahres war Rothhaupt bei zwei Demonstrationen dabei. Er betont jedoch, dass sein Protest nicht gegen die Ampelregierung gerichtet gewesen sei, sondern gegen die Agrarpolitik. „Wir können einfach nicht mehr.“ Für viele Landwirte sei es völlig normal, psychisch belastet vor sich hin zu leben und zu arbeiten. „Für viele ist es ein ständiges Auf und Ab und am Ende des Jahres ist man froh, mit einer schwarzen Null rauszukommen, vielleicht mit einem kleinen Plus.“ Davon, dass die Landwirtschaft großzügig subventioniert wird, hält Rothhaupt nichts.
Angemessene Preise, bitte
Seit Jahrzehnten sinkt die Zahl der Betriebe, die Durchschnittsgröße je Betrieb steigt. Je größer ein Betrieb ist, desto mehr Subventionen erhält er. Heißt: die Großen werden größer, die Kleinen bleiben klein – oder müssen aufgeben. Wer Subventionen erhält, muss bestimmte Auflagen einhalten, etwa eine Winterbegrünung pflanzen. Noch mehr Bürokratie. „Was fehlt, sind angemessene Preise für Lebensmittel“, sagt Rothhaupt. Auch Stationsärztin Hendrix, deren Mann einen landwirtschaftlichen Betrieb führt, ist der Meinung, dass die Subventionen nur wenigen wirklich nutzten. „Angemessene Preise und gleiche Anforderungen, auch für importierte Lebensmittel, wären zielführender“, sagt sie.
Anfang April, ein Weingut in Rheinland-Pfalz, dem größten Weinbauland in Deutschland. Burkhard R., Mitte 60, empfängt in der Gutsschänke. Im Gegensatz zu Rothhaupt, der durch die Republik fährt, um auf der Grünen Woche über seine Depression zu sprechen, ist Burkhard R. zurückhaltender. Am Tisch sitzend, will er von seinem Suizidversuch erzählen – damit für alle in Verbindung gebracht werden, will er nicht. Daher soll sein Nachname abgekürzt werden. Das Weingut ist seit Generationen familiengeführt, Burkhard R. ist in dem kleinen Ort aufgewachsen, er kenne wirklich jeden hier. Den Heinrich, den Thorsten, den Frank. Burkhard R. ist nicht nur Winzer, sondern führt zusammen mit seiner Frau auch noch die Gutsschänke, die von Freitag bis Sonntag geöffnet hat, und einen Hofladen.
„Das, was ich jetzt erzähle, habe ich schon dreißig Mal erzählt“, sagt er. „Ich muss das ja jedes Mal erzählen, damit die wissen, wie sie mir helfen können.“ Die, das sind Ärztinnen wie Karen Hendrix. Im vergangenen Jahr war Burkhard R. sechs Wochen lang stationär in der psychosomatischen Fachklinik Simbach.
Weinlese statt Schlaf
Es begann mit chronischem Überarbeitet-Sein. Und mit Streit. Streit mit der Frau, mit der Burkhard R. seit mehr als vierzig Jahren täglich schuftet. Streit mit dem Enkel, der das Weingut vom Großvater übernehmen möchte. Burkhard R., der zu wenig geschlafen, zu viel gearbeitet und seinen Enkel angemotzt hatte, fand anschließend einen Zettel auf dem Küchentisch: „Bin morgen nicht da“, hatte der geschrieben. Die Frau war zu einer Freundin gefahren. Nicht da zu sein, bedeutete für Burkhard R.: Den Spätburgunder musste er allein ernten. Also fuhr er den Traktor mit Anhänger spätabends aufs Feld. Er schlief nicht in dieser Nacht. Um halb vier morgens war der erste Traktor mit Trauben beladen, Burkhard R. fuhr den anderen Traktor in den Wingert, tauschte leeren gegen vollen Anhänger, fuhr zurück zum Hof. So ging das den ganzen Tag.
Wenn die Trauben geerntet sind, müssen sie vom Anhänger in die Kelter, dort werden sie gepresst. Weil so ein Anhänger sehr viele Trauben laden kann, werden sie über einen Schlauch abgepumpt. Burkhard R. war übermüdet und vergaß, das Ventil aufzumachen. Der Schlauch, circa zehn Zentimeter im Durchmesser, hielt dem Druck nicht stand, löste sich, peitschte unkontrolliert umher. „Wenn du den abbekommst, bist du tot.“ 300 Kilogramm Trauben waren im ganzen Raum verteilt. „Enkel fort, Frau fort, jetzt stehst du hier vor der Scheiße!“
Dann entschied er, sein Leben zu beenden.
Burkhard R. spricht ruhig über das, was am nächsten Abend geschah. „Ich war so im Tunnel“, sagt er. „Bei mir hat’s nur nicht geklappt.“ Einzelheiten braucht es nicht.
„Ich hatte das Gefühl, ich mache alles kaputt“
Nach seinem Aufenthalt in der Klinik hat Burkhard R. einen Nussbaum gepflanzt. „Simbach-Baum“ nennt er ihn. Er, der noch nie in seinem Leben geweint hatte, weinte im Krankenhaus stundenlang. In der Tageszeitung, die im Krankenhaus auslag, stieß er auf einen Artikel: „Burn-out und Depression: Ein Winzer aus Rheinhessen berichtet“. „Ich hab‘ mir noch extra eine Brille ausgeliehen … Das war, als wenn ich’s geschribbe hätt‘.“ Unter dem Artikel waren drei Telefonnummern angegeben, unter anderem die von der Klinik in Simbach.
Er, der die Maxime „schaffe, schaffe, schaffe“ jahrzehntelang verinnerlicht hat, versucht seitdem, auf seinen Körper zu hören. Mittags, wenn er sich erschöpft fühlt, ruht er. Er, der von anderen Landwirten im Ort gesagt bekam „wer daheim sitzt und Kaffee trinkt, ist ein Faulenzer“, setzt sich jeden Nachmittag um 16 Uhr mit seiner Frau zusammen. Sie trinken Kaffee. Und erzählen sich gegenseitig, was sie gerade beschäftigt. „Dreißig Jahre lang haben wir unsere Ehe fast verloren, durch die viele Arbeit. Zwar haben wir uns 15 Stunden am Tag gesehen, aber das war keine Ehe – wir waren Arbeitskollegen.“ Er, der „locker eine Flasche Wein am Tag“ trank, verzichtet nun. „Alkohol trinke ich seit September keinen Tropfen mehr, ich habe freiwillig gesagt: Ende, Feierabend!“ Nur eine Schachtel Zigaretten am Tag, die braucht er nach wie vor.
Immer mehr Arbeit
Auf seinen Körper zu hören, fällt Burkhard R. schwer. Er habe eben „ganz viel Energie“ in sich, sagt er. Seine Frau sagt: „Mein Mann will als mehr machen, ich muss ihn abbremsen.“
Durch die Therapie hat Burkhard R. verstanden, dass er durch möglichst viel Arbeit die Anerkennung anderer sucht. Durch den Strukturwandel, dem die Landwirtschaft unterliegt, reicht viel Arbeit jedoch nicht mehr. Es muss mehr sein als viel. Viel mehr. Früher, als seine Eltern das Weingut führten, habe man ein Ertragsjahr auf dem Konto gehabt, eins in den Fässern im Keller, eins am Rebstock, erzählt der Winzer. „Das ist vorbei – bei mir und bei vielen anderen, die ich kenne.“ Früher habe man drei Hektar Wein verkauft und konnte sich einen Traktor leisten. Heute reichten nicht mal 15 Hektar für einen. „Abfüllwertiger Wein wird für 35 Cent pro Liter aus dem Ausland geliefert – wir müssen unsren für 1,50 Euro verkaufen, um existieren zu können.“ Auch Isabella Hirsch, die für die landwirtschaftliche Familienberatung tätig war, sagte, dass der Betrieb ihres Mannes permanent habe wachsen müssen, um das Einkommen zu halten. „Wenn in Rheinhessen nicht so viel Baufläche gebraucht würde, wären 95 Prozent der Winzer und Landwirte bankrott“, sagt Burkhard R. Neubaugebiete, Industriegebiete, Windräder brauchen Platz. „Ich will kein Millionär werden – ich will nur von meiner Arbeit leben können.“ Früher, als seine Eltern das Weingut führten, habe man ein Ertragsjahr auf dem Konto gehabt, eins in den Fässern im Keller, eins am Rebstock, erzählt der Winzer. „Das ist vorbei.“
Derzeit lässt er prüfen, ob sich der Betrieb des Weinguts noch lohnt. Die fallenden Weinpreise, die steigenden Energiekosten, der Klimawandel. „Wir sind ja stolz auf unsere Arbeit! Die Flächen habe ich von den vorherigen Generationen geerbt, den Betrieb habe ich geerbt.“ Sein Betrieb ist, wie wohl für die meisten Landwirte, nicht nur Einkommensquelle, sondern eine übertragene Aufgabe. „Aber irgendwann muss man sich eingestehen, dass es vielleicht nicht mehr geht.“ In der Gutsschänke, in der Burkhard R. gerade sitzt, waren früher Schweine untergebracht. Die gab er, weil sich die Haltung nicht mehr lohnte, ab. Ebenso die Kühe.
Lernen, dass Arbeit nicht alles ist
Auch Isabella Hirsch, und ihr Mann entschieden vor einigen Jahren, die Kühe abzugeben. „Für meinen Mann war das eine Identitätskrise“, sagt Hirsch. „Und andere Landwirte interpretierten den Schritt als Schwäche.“ 2019 beschloss Christoph Rothhaupt, auf Bio umzustellen und den Betrieb nur noch im Nebenerwerb zu führen. Auch er gab seine Kühe ab. „Ich hatte das Gefühl, ich mache alles kaputt, was mein Vater aufgebaut hat.“
Er begann als Außendienstler im Landhandel, fuhr auf die Höfe in der Region und verkaufte Futtermittel. Antidepressiva muss er aktuell nicht mehr nehmen. Mehrmals pro Woche versucht er, Sport zu machen. Mit Freunden fährt er auf Musikfestivals. Abschalten. Er sagt aber auch: „Austherapiert wäre ich erst, wenn ich die Landwirtschaft sein lassen würde.“ Und das will er nicht.
Stattdessen lässt sich der 40-Jährige für die landwirtschaftliche Familienberatung ausbilden. Regelmäßig trifft er sich mit einer Selbsthilfegruppe – 13 Landwirte und er. Und er will andere Betroffene ermutigen, ihr Leid zu teilen. Dafür fährt er zur Grünen Woche oder in Gemeindesäle, wo es passieren kann, dass nur sieben Menschen vor ihm sitzen. „Vier von denen kamen anschließend auf mich zu“, sagt Rothhaupt. Will sagen: Hat sich gelohnt. Auf den linken Arm hat er sich die Textzeilen eines Metal-Songs tätowieren lassen: „I’ve been searching for an exit / but I’m lost inside my head“ Also: Ich habe nach einem Ausgang gesucht, aber bin verloren in meinem Kopf. Es ist eine Erinnerung an seine Krankheit. Und an die mahnenden Worte seines Vaters:“Schaff‘ net so viel!“
Auf einer Anhöhe, von der er den Wingert überblickt, hat Burkhard R. einen Nussbaum gepflanzt. Der „Simbach-Baum“, wie er ihn nennt, ist ebenfalls eine Erinnerung: Daran, wie gut es war, sich Hilfe zu suchen. Und wie gut es ist, sie zu bekommen.