„Trauer ist das Glück, geliebt zu haben“
Abschied vom Vater – Drei Texte
Chimamanda Ngozi Adichie
Trauer ist ein grausamer Unterricht. Man lernt, wie hart Trauern sein kann, wie viel Wut darin steckt. Man lernt, wie nichtssagend Beileidsbekundungen sein können. Man lernt, wie sehr es bei Trauer um Sprache geht, um das Versagen der Sprache und die Suche nach den richtigen Worten. Warum sind meine Flanken so empfindlich und tun weh? Das kommt vom Weinen, wird mir erklärt. Ich wusste nicht, dass wir mit unseren Muskeln weinen. Der Schmerz ist keine Überraschung, aber seine Körperlichkeit ist es, meine Zunge schmeckt unerträglich bitter, als hätte ich etwas Widerliches gegessen und vergessen, mir die Zähne zu putzen, auf meiner Brust lastet ein schweres, schreckliches Gewicht, und in meinem Inneren fühlt es sich an, als löse sich mein Körper auf. Mein Herz - mein physisches Herz, nicht in übertragenem Sinn hier — rennt vor mir davon, schlägt zu schnell, sein Rhythmus hadert mit meinem eigenen. Es ist ein Leiden nicht nur der Seele, sondern des Körpers. Fleisch, Muskeln, Organe, alles ist in Mitleidenschaft gezogen. Keine Körperhaltung ist bequem. Mein Magen ist wochenlang in Aufruhr, verkrampft und angespannt von einer Vorahnung, der allgegenwärtigen Gewissheit, dass noch jemand anderes sterben wird, dass mehr verloren sein wird.
(aus: „Trauer ist das Glück, geliebt zu haben“, S. Fischer Frankfurt a.M. 2021)
Daniel Schreiber
Wir glauben, dass die Farbe des Trauerns Schwarz ist, das alles Licht in sich aufnehmende, alles auslöschende Schwarz. Und manchmal fühlt sich Trauer auch so an: wie der Nachklang einer Implosion, die im Inneren nichts als Trümmer hinterlässt. Doch für gewöhnlich läuft sie anders ab, für gewöhnlich wünscht man sich nur, mit einem so eindeutigen Gefühl konfrontiert zu werden, mit einer so absoluten Farbe und ihrem Versprechen der Katharsis. Die wahre Farbe der Trauer findet sich in den verwirrenden Abstufungen des Graus. Eines Graus des Unglaubens, der Erschöpfung, der Taubheit. Eines stillen, nichtkathartischen Graus, das sich scheinbar unwiderruflich über das Leben legt.
Ich bin mir nicht sicher, wann die Trauer, gegen die ich mich wehre und die ich dennoch immer spüre, begonnen hat. Ich weiß nur, dass sie mich schon lange begleitet. Ich könnte ihren Beginn an jenem Tag verorten, als ich im Begriff war, eine Bühne in Heidelberg zu betreten, und meine Mutter anrief, die am Abend eigentlich nie anrief. Ich schaute auf das Telefon und auf die vielen Menschen, die in dem Saal versammelt waren, schaltete das Gerät aus, erklomm die Stufen zur Bühne, setzte mich auf den Stuhl neben der Moderatorin und entschied mich, die in mir aufkommende Panik zu unterdrücken und in den Saal zu lächeln. Ich wusste, was der Anruf bedeutete. Ein Teil von mir erwartete ihn seit Monaten. Mein Vater war schon lange krank gewesen. Dennoch hatte ich auf irrationale Weise an der Idee festgehalten, dass dieser Moment nicht eintreten würde. Ich wollte nicht, dass man mir anmerkte, was geschehen war. Ich absolvierte die Veranstaltung, beantwortete die Fragen der Moderatorin und der Zuschauenden und signierte anschließend meine Bücher. Danach ging ich mit den Veranstaltenden etwas essen. Ich floh so lange vor der Nachricht, bis ich am späten Abend wieder im Hotel war. Ich packte schon meine Sachen, um mit dem frühesten Zug zu meiner Mutter an die Mecklenburgische Seenplatte zu fahren, als ich sie zurückrief und von ihr hörte, dass mein Vater gestorben war.
Die Trauer um ihn begleitet mich jeden Tag. Zugleich habe ich das Gefühl, so viel mehr verloren zu haben als meinen Vater. Ich habe das Gefühl, dass sich sein Tod in eine Vielzahl von kleinen und großen Tragödien einreiht, dass sich mein privater Verlust mit den vielen kollektiven Verlusten vermengt, die wir in den vergangenen Jahren erfahren haben. Von ihnen potenziert wird. Manchmal bin ich mir nicht sicher, um wen oder um was ich trauere, ob ich das vermeintlich Kleine und das vermeintlich Große, meinen privaten Alltag und die Weltgeschichte, noch trennen kann.
Ein paar Tage vor meiner Reise unterhielt ich mich mit einer Freundin darüber. Gemeinsam überlegten wir, wann wir zum ersten Mal wirklich verstanden hatten, dass etwas ein Ende fand. Dass etwas, von dem wir dachten, dass es lange so bleiben würde, tatsächlich verlorengegangen war. Wir nahmen dieses Gefühl des Verlusts beide als akut wahr. Spätestens seit den Ereignissen der Pandemie und des mit atomaren Drohungen einhergehenden russischen Feldzugs in der Ukraine hatten viele von uns realisiert, dass eine zuletzt fragiler werdende, doch immer noch greifbare Ära der Stabilität vorbei war. In Büchern, Artikeln und den Fernsehnachrichten wurde so anhaltend über eine Zeitenwende und manchmal sogar eine Apokalypse gesprochen, dass ich eine Abneigung gegen diese Worte entwickelte, gegen ihre Hülsenhaftigkeit, die mehr verdeckte als beschrieb.
(aus: „Die Zeit der Verluste“, Suhrkamp Berlin 2025)
Christian Kortmann
Nach dem Lesesessel
Freitagabend, Wipperfürth, Krankenhaus, 3. Stock, Palliativstation.
Ich betrete das Zimmer 3-112 und sehe meinen Vater, der im Bett liegt und mich sofort erkennt. Unsere leichten Wangenküsschen erscheinen mir als Begrüßung unpassend, also streichele ich sein Gesicht. Aus dem ICE habe ich ihm noch einmal seine geliebte SZ mitgebracht und lege sie ihm neben das Krankenhausbett, obwohl er in seinem Zustand nicht mehr lesen kann. Ich sage zu meiner Mutter und meinem Bruder, dass ich eine vertraute Atmosphäre herstellen möchte. Aber in Wahrheit will ich, dass alles ist, wie es immer war, und dass es so bleibt. „Nicht weinen“, sagt mein Vater zu mir, „das ist ein natürlicher Prozess.“ Auf seiner linken Körperseite fließt blutige Flüssigkeit in einen Drainagebeutel. Rational wie auch früher immer, wie sein eigener Beobachter, erklärt er mir seine gegenwärtige Verfassung: „Tja, das ist der Verfall.“
„A demain!“ sage ich und es ist ein ungewisses Morgen, als wir das Zimmer verlassen und ihm eine gute Nacht wünschen.
Und mein Vater antwortet: „A demain!“
Nicht mehr über Bande
Die Vorstellung einer Welt, in der es meinen Vater nicht gibt, erscheint mir surreal. Die Dinge, die geschehen werden, werden anders geschehen; sie werden eine andere Bedeutung haben. Im Kleinsten wie in der Weltpolitik.
Schierlingsbecher
Mein Vater am Telefon, einen Tag nach der Diagnose Leberkarzinom: „Jetzt muss man abwarten und jeden Tag genießen.“ Welch ein Glück, dass er Philosoph ist! Er sagt, dass er keine Schmerzen habe, das sei ja schon etwas. Und freut sich, dass er zu Hause ist übers Wochenende und nicht im Krankenhaus sein muss. Wenn meine Mutter ein paar Tage später sagt, mein Vater sei „niedergeschlagen“, dann bedeutet das etwas. Ich kann mich nicht erinnern, ihn jemals niedergeschlagen erlebt zu haben. Ein Mal vielleicht, als einer unserer Hunde gestorben war, und mein Vater mittags allein im Wald spazieren ging und mit Tränen in den Augen zurückkam.
Doch geweint hat er nur unmittelbar nach der Diagnose und zu meiner Mutter gesagt: „Das ist mein Todesurteil.“ Dann hat er den Schalter umgelegt und seinen anständigen Abschied geplant – zwischen Diagnose und Exitus lagen nur sechzehn Tage. Den Einstiegssatz für seine Traueranzeige hat er meiner Mutter in den Block diktiert: „Schreib das auf – schreib dir das auf: Ein Leben in Frieden und Freiheit ist zu Ende.“ Sie wird den Text später sehr schön vollenden: „Du hast das Leben und die Menschen geliebt. Immer sind da Spuren deines Lebens, Bilder, Augenblicke und Gefühle, die uns an dich erinnern und die in uns weiterleben. Du fehlst!“
Schneise
Wozu ist Verlust gut; gibt es einen Sinn im Verlust? Der gesunde Wald nach dem Sturm bietet kein Bild der Zerstörung, sondern eines der Erneuerung. Nun wachsen Dinge heran, die vorher keinen Platz zum Wachsen hatten. Mein Vater hätte nicht gewollt, dass ich seinen Tod, diesen „natürlichen Vorgang“, lange betrauere, geschweige denn, dass mein Leben deshalb ins Stocken gerät. Denn es muss ja weitergehen, wie er gesagt hätte. Aber ich – ich bin eben ganz anders als er. Wäre ich ein wenig mehr wie er, wäre das schon ein Trost. Ein mittelalter Baum, der im Sturm zwar nicht umfällt, aber vom Zerren und Rütteln des Windes seine Rinde verliert.
(aus: „Mein Vater ist nicht gestorben“, S. Marix Verlag Wiesbaden 2025)