MK:

„Die großen Schubladen des Buffetschranks“

„Bevor ich es vergesse“. Auszug: „Ausmisten"

Am nächsten Morgen bin ich früh aufgestanden und habe mich schwungvoll in die Arbeit gestürzt. Entschlossen, die Gipfel der Effektivität zu erstürmen. Man würde Augen machen, das würde die Erfolgsshow des Ausmistens, das internationale Aufräumfestival, die Mülleimermeisterschaft werden. Ich bin unter die Dusche gehüpft, habe das Radio angeschaltet, im Morgenlicht am Küchentisch einen zu starken Kaffee getrunken, während ein schulmeisterlicher alter Medienguru über die objektiv verheerenden Folgen der Ehe für alle schwadronierte, und habe mich dann, weil man schließlich irgendwo anfangen musste, über die großen Schubladen des Buffetschranks im Wohnzimmer hergemacht, dieses scheußliche rustikale Möbel mit lackiertem Furnier, Vitrine und integrierter Hausbar, damals das ganze Glück meiner Mutter, weil sie endlich etwas aufräumen konnte in dieser verdammten Bruchbude, die so feucht war, dass der Teppich sich im Winter wellte. Ich hasste das Ding, das den ganzen Raum einnahm, an dessen Türen man sich stieß und das ich am Samstagvormittag abstauben musste, damit ich es lernte.

Die erste Schublade war mit der Zeit zu einer Art Riesenwerkzeugkiste geworden, in der man alles Nötige fand, um sich bei häuslichen Notfällen zu behelfen. Ich wusste in etwa, was mich dort erwarten würde, habe sie aber trotzdem geöffnet, um zu sehen, was man wegschmeißen könnte. Zuerst habe ich eine grüne Plastikkiste rausgezogen, in der sich Metallsäge, Seitenschneider, Flachfeile, Vierkantfeile, Holzhammer, großer und kleiner Hammer, Schlitz-, Kreuzschlitz- und Präzisionsschraubenzieher, Handbohrmaschinen in allen Größen, Eisendraht, elektrischer Draht, Fensterkitt, Schleifpapier und Zollstock befanden. Gut, gut, gut, habe ich gedacht.

Dann habe ich aus der Schublade eine zweite Plastikbox rausgezogen, voller Einmachgläser mit Holzschrauben, Betonschrauben, langen roten Dübeln, kurzen Dübeln, Haken, mittelgroßen Schraubhaken, größeren Schraubhaken, dicken Nägeln, langen Nägeln, Nägeln mit flachem Kopf, dicken langen Nägeln mit flachem Kopf, dünnen langen Nägeln, Stauchkopfnägeln, Stahlnägeln, Glaserstiften, Polsternägeln, kleinen und mikroskopischen Nägeln. Super, also, wenn ich mal welche brauche …

Eine dritte Kiste kam zum Vorschein, die verwaiste Netzkabel, Mehrfachsteckdosen, neue, noch verpackte Glühbirnen mit 40 und 60 Watt, Schraubfassungen, Steckfassungen, Schalter und Lüsterklemmen enthielt. All diese vollkommen sortierten und vollkommen brauchbaren Dinge in einer vollkommen zweckmäßigen Schublade, das brachte mich allmählich ins Schwitzen. Sie lebten dort seit Jahren einträchtig beieinander, in einem passenden Umfeld. Warum sollte ich sie zwingen umzuziehen, und wohin? In meine Wohnung von dreißig Quadratmetern im Dreieck, wo die einzigen Dinge, an denen man herumbasteln konnte, eine Kochplatte und ein paar Hi-Fi-Geräte waren? In ein anderes Möbel, aber welches? Und wozu? Wie das alles vor mir ausgebreitet lag, rieb ich mir die Stirn beim Gedanken daran, welche Geschichte dieses Arsenal erzählte. Die Axt im Haus ersetzt den Zimmermann, wiederholte er uns immer gern, überließ es dann aber meinem Bruder, die Böden, den Teppich, die Decken auszubessern, die Fliesen zu verlegen, kaputte Ziegel zu ersetzen, die Leitungen instand zu halten, Tapeten und Wandfarbe aufzufrischen und die x-te gebrauchte Karre wieder flottzumachen, die nicht mehr ansprang, während er sich mit den Feinarbeiten begnügte. Weil, er nahm Gerinnungshemmer und hatte Angst, bei der kleinsten Wunde zu bluten wie ein Schwein, aber man konnte ihm nicht wirklich übelnehmen, dass er Angst vorm Leben hatte, denn es stimmte ja, dass er jeden Moment daran sterben konnte. Ein bisschen wie wir alle eben. Jean-François hätte auch sterben können, indem er vom Dach fiel, wo er die Regenrinne reparierte, oder durch einen elektrischen Schlag am Sicherungskasten, den er gerade zusammenfrickelte, oder einfach nur seine Jugend vergeuden, weil er die Vertäfelung abbeizte, anstatt ins Kino zu gehen, doch das beunruhigte ihn weniger, und irgendeiner musste die Sachen nun mal machen. Trotzdem, die wenigen Male, die er bastelte und ich da war, hatte er mir beigebracht, gerade zu sägen und zu nageln, eine Glasscheibe, einen Schalter oder eine Steckdose auszuwechseln, ein Dachgesims anzubringen, Oberflächen zu berechnen, sie vorzubereiten und vor allem, ganz wichtig, die Farbe gut anzurühren, damit alles mit zwei Schichten sauber gestrichen war, und am Ende war es ziemlich nützlich, all das zu wissen.

Gut versteckt, ganz unten in der Schublade, blieben noch zwei runde Keksdosen aus Blech, wie wir sie bei Lidl kauften, um zufällig vorbeikommenden Gästen etwas Gutes anbieten zu können, die, den Bauch schon vollgeschlagen, in unserer tristen Vorstadt am Ende wirklich nur vorbeigehuscht kamen und die Kekse regelmäßig mit gerümpfter Nase ablehnten, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die manchmal vor Enttäuschung weinte. Also aßen wir sie selbst, um sie über diese Demütigung hinwegzutrösten, und sobald das Sandgebäck verputzt war, diente die Dose dazu, Kleinkram vernünftig aufzuräumen. Nach und nach hatten die Dosen mit ihrer naiven Dekoration alle Hohlräume des Hauses besetzt, und wir wussten inzwischen nicht mehr so recht, was darin war. Ich zog diese beiden mit einer gewissen Anstrengung zu mir ran, denn sie waren seltsam schwer.

Sie enthielten eine beträchtliche Menge Batterien, zum Teil gewöhnliche, zum Teil wiederaufladbare, immer jeweils zwei mit einem Gummiring zusammengebunden, aus dem ein beschriftetes Post-it hervorlugte. Ich faltete einige von ihnen auseinander, bis ich begriff, dass es sich dabei, für jedes Paar, um das Datum, an dem sein Leben begonnen hatte, und das Todesdatum handelte. Alle stammten aus dem Jahr, das soeben zu Ende ging. Unter einem der Deckel, auf einem zweimal gefalteten Zettel, fasste eine sorgfältig mit Bleistift und Lineal gezogene Tabelle die Erhebung zusammen. Es war eine kleine Vergleichsstudie, äußerst gewissenhaft, mit Daten, Preisen, etwas knalligeren Farben für die besonders leistungsstarken und, im Feld „Bemerkungen“ am Ende jeder Zeile, dem Unterschied zwischen der auf der Packung angepriesenen Haltbarkeit und der tatsächlichen Lebensdauer der Batterien.

Mir wurde schwindelig: Damit also hatte mein Vater, der gerade gestorben war und mit dem ich laut redete, ohne mir dessen bewusst zu sein, in den letzten Monaten seines Lebens, unter anderem, seinen Geist beschäftigt. Sicher, es war ausgefeilter, als das Telefonbuch auswendig zu lernen oder Autos zu zählen, doch es stank schon ein wenig nach Isolation und Verzweiflung. Obwohl ich im Grunde recht gut verstand, warum er das getan hatte. Zunächst stellte ich mir vor, dass es ihn bestimmt sehr geärgert hatte, andauernd diese überteuerten kleinen zylindrischen Dinger wechseln zu müssen, die ihn vermutlich immer in den ungünstigsten Momenten im Stich ließen, zum Beispiel wenn er allein mit seinen Ängsten um 22 Uhr 30 vor einem Fernseher saß, der sich weigerte, den matten Befehlen einer ausgepowerten Fernbedienung zu gehorchen. Zudem hatte diese letzte Anstrengung buchhalterischer Disziplin einen Nutzen: Sie ergänzte die Kreuzworträtsel und anderen geistigen Übungen, um die Synapsen geschmeidig und die Gedanken klar zu halten. Es war für ihn immer wichtig gewesen, genau wie für mich, diese Wendigkeit zu pflegen, die die Würze unserer Gespräche ausmachte und die ihm stets ein paar Minuten Vorsprung vor den anderen gab. Doch vor allem war ich mir, während ich die Daten noch einmal las, sicher, dass ihm die Metaphorik seiner Geste nicht entgangen war und das hier vor meinen Augen vielleicht die Form war, die er gefunden hatte, um auszudrücken, dass seine Tage gezählt waren und ihm jede Wette recht war. Und so verging ich angesichts dieser verrückten Tabelle und dieser Batteriesärge mit ihren Grabinschriften, die ein wenig nach dem Werk eines Geisteskranken aussahen, schier vor Liebe und Wehmut. Ein letztes Mal habe ich ihn bewundert für seinen originellen und unverstandenen Geist, für die elegante Präzision seiner Ideen, für seine sinnlose Sturheit, sich nie mehr erlaubt zu haben, obwohl er einen so weiten Horizont hatte, und dafür, dass er mich gelehrt hatte, empfänglich zu sein für die Poesie, die von den bescheidenen Dingen ausgeht. Schließlich habe ich alles zurück an seinen Platz geräumt, den kaum benutzten Müllsack zwischen zwei Kisten geklemmt, die Schublade wieder geschlossen und bin rausgegangen, um frische Luft zu schnappen.