„Was bleibt, ist die Frau und ihr Verhältnis zum Vater“
Ein Gespräch mit Wiebke Puls über Romanadaptionen, Trauerarbeit und Verantwortung.
Matthias Günther: Wiebke, du wirst oft als Kämpferin für die neue Dramatik bezeichnet.
Wiebke Puls: Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben. Aber ja, ich werde mit dem Thema immer wieder in Verbindung gebracht, ob in Jurys oder weil ich viel neue Texte lese. Und das interessiert mich auch sehr.
Du hast in Klassikern, neuer Dramatik, aber auch in Roman- und Filmadaptionen gespielt. Was hat dich am meisten geprägt?
Klassiker habe ich zu wenig gespielt, um zu sagen, dass ich sie „durchdrungen“ hätte. Neue Dramatik habe ich mehr gelesen als selbst gespielt. Filmadaptionen finde ich auf der Bühne oft problematisch, weil die Bildsprache fehlt. Romane wiederum – die sind in sich schon so reich, dass ich mich oft frage: Warum sie überhaupt auf die Bühne zerren?
Trotzdem gibt es seit fast zwanzig Jahren einen regelrechten Boom von Romanadaptionen.
Ja, Romane bieten große Erzählbögen, Gesellschaftsporträts, Generationengeschichten – das reizt Theatermacher:innen. Aber: Jede Fassung manipuliert. Am Ende bleibt nicht „der Roman“, sondern eine Auswahl. Und für Schauspieler:innen ist oft wenig Substanz übrig. Man hat das Gefühl, eine Reader’s-Digest-Version zu spielen.
Wie kommt es, dass du jetzt mit „Bevor ich es vergesse“ von Anne Pauly selbst einen Roman auf die Bühne bringst?
Die Kammerspiele haben seit einiger Zeit die Tendenz, Stoffe vorzuschlagen, die von Spielerinnen selbst getragen werden. Erst Annette Paulmann mit „Fünf bis sechs Semmeln und eine kalte Wurst“, dann Katharina Bach mit „Fremd“ von Michel Friedman. Ich wurde gefragt, ob ich Lust hätte, etwas zu machen. Ich hatte mir geschworen: nur, wenn ich den Stoff wirklich liebe. Und dann fiel mir Anne Paulys Buch ein, das ich als Hörbuch eingelesen habe.
Und du hast es jetzt selbst inszeniert.
Ja, diesmal wollte ich ohne Regie arbeiten – oder besser: meine eigene Regie machen. Mir war klar: Wenn ich es tue, dann nur mit einem Stoff, der mir wirklich am Herzen liegt.
Das Buch hat viereinhalb Stunden Lesezeit. Wie bist du mit der Stofffülle umgegangen?
Ich war naiv und dachte, ein Drittel ließe sich behalten. Am Ende ist es deutlich weniger. Ich habe unzählige „Darlings“ killen müssen. Aspekte wie die koloniale Groteske beim Pfarrer oder die queere Selbstverständlichkeit einer Figur – sie sind rausgefallen. Was bleibt, ist die Frau und ihr Verhältnis zum Vater.
Hattest du dabei Sorge?
Ja. Vor allem, Anne Pauly nicht gerecht zu werden. Ich habe das Bedürfnis, ihr zu schreiben: „Ihr Buch ist wunderbar, sprachlich schön, humorvoll und zart zugleich – und es tut mir leid, dass ich es so beschneiden musste.“
Auf der Bühne kommen aber Ebenen hinzu, die der Roman nicht hat.
Genau. Ich habe eine Audioebene entwickelt – als eine Art akustisches Environment. Manche Szenen, die im Buch filmisch wirken, lassen sich so trotzdem erzählen. Es spart keine Zeit, aber es schafft eine neue Dimension.
Dazu kommen die Requisiten.
Ja, die Dinge spielen eine Hauptrolle. Dinge, die in einem Schrank aufbewahrt werden, von Büchern bis zum Werkzeugkasten. Briefe, Schrauben, Plastikdosen – sie erzählen eine Generationengeschichte. Meine Eltern hoben alles auf: „Ist doch noch gut.“ Das verweist direkt auf eine Nachkriegshaltung. Heute fehlt uns oft schon der Platz, überhaupt etwas zu horten.
Im Roman geht es um den Umgang mit der Trauer nach dem Tod des Vaters.
Für mich ist Trauer nur der Anlass. Eigentlich geht es um Herkunft, um die Frage: Wo komme ich her? Was bedeuten die Dinge meiner Eltern für mein eigenes Leben? Für mich ist das universell. Dass Humor dabei mitschwingt, ja, aber es ist auch viel Wehmut da.
Du hast schon öfter Regie gemacht. Wie hast du es diesmal erlebt?
Befreiend. In früheren Regiearbeiten wollte ich basisdemokratisch arbeiten, das wurde oft zäh. Am Ende hieß es dann: „Sag halt, was du willst.“ Und wenn ich das tat, wurde es mir übelgenommen. Diesmal habe ich klar formuliert, was ich will. Und siehe da: Das Arbeitsklima war hervorragend. Ich habe oft das Gefühl, dass Regie nicht mehr klar formuliert, was sie will. Viele nehmen das erste Angebot und gehen keine Umwege. Die Feedbackkultur hat nachgelassen – sowohl von Regie wie auch von Dramaturgie und Kritik. Ich wollte einfach mal sehen, was passiert, wenn die Dinge so umgesetzt werden, wie ich sie mir vorstelle. Es lohnt sich, Verantwortung zu übernehmen, selbst wenn man sich davor fürchtet.
Wiebke Puls geboren 1973 in Husum, absolvierte ihre Schauspielausbildung an der Hochschule der Künste Berlin. Erste Engagements führten sie ans Schauspiel Hannover (1997–2000) und ans Deutsche Schauspielhaus Hamburg (2000–2005), wo sie u. a. mit Jürgen Gosch arbeitete und 2003 mit dem Boy-Gobert-Preis ausgezeichnet wurde. Seit 2005 gehört sie zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Für ihre Darstellung der Kriemhild in Die Nibelungen (Regie: Andreas Kriegenburg) erhielt sie 2005 den Alfred-Kerr-Darstellerpreis und wurde von der Zeitschrift Theater heute zur Schauspielerin des Jahres gewählt. Weitere Auszeichnungen sind u. a. der Preis der Förderer der Münchner Kammerspiele (2008) sowie der 3sat-Preis im Rahmen des Theatertreffens (2018). Mit Inszenierungen von Andreas Kriegenburg, Sebastian Nübling und Christopher Rüping war sie mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Neben ihrer Bühnenarbeit ist sie als Regisseurin, Sängerin, Sprecherin sowie in Film- und Fernsehproduktionen tätig.