„An dem Abend, als mein Vater starb“
„Bevor ich es vergesse“. Auszug: „Im Krankenhaus"
An dem Abend, als mein Vater starb, fanden mein Bruder und ich uns im Auto wieder, weil es spät war, fast elf Uhr, und weil es nichts anderes mehr zu tun gab, als heimzufahren, nach dem ersten Schock, nachdem wir den bitteren Tee der Krankenschwester getrunken und widerwillig die Zuckerstückchen geschluckt hatten, die sie uns gab, damit wir es verkraften. Letztendlich, mit oder ohne Zucker, hatten wir es ganz gut verkraftet, ganz schön gut sogar, verrückt, eigentlich, wie gut wir es verkrafteten, unglaublich, wenn mir das einer gesagt hätte. Wir hatten die Schränke ausgeräumt, die Beinprothese, die beigefarbene Weste, die T-Shirts und Unterhosen in zwei große Leclerc-Tüten gepackt, die grüne Fleecedecke voller Suppen- und Blutflecken zusammengefaltet, das Taschenkruzifix, das mit einem Schnürsenkel an ein Medaillon der Heiligen Jungfrau Maria, an eine tibetanische Gebetskette und einen kleinen Buddha aus Horn geknotet war, in die Medikamentenschachtel gestopft – eine mit kleinen Bretonen in traditionellen Kostümen bemalte Zuckerdose.
Aus dem Nachttisch hatten wir Senftütchen geholt, ein Aprikosenkompott, eine Schachtel Hit-Kekse, wird schon wieder, eine Plastikpinzette, einen Wochenspeiseplan auf dem er versucht hatte, irgendetwas zu notieren, Kreuzworträtsel der Schwierigkeitsstufe 4, seine kleine Bibel, eine Haiku-Sammlung, sein Buch über Gandhi, sein abgeschabtes bordeauxrotes Kunstlederbrillenetui, drei Druckbleistifte, einer davon uralt, einen Radierer, acht bunte Haushaltsgummis, eine zusammengeflickte Brille, zwei Asthmasprays, zwei Küchenrollen, sein Portemonnaie und das Karteikärtchen, auf dem er seine Krankenhausbuchhaltung führte (Fernseher, Zimmer 18 €, 70 €, Telefon 12 €, Anne Geldautomat 60 €). Im Bad hatte ich mit präzisen Gesten den elektrischen Rasierer voller Bartstoppeln, die Bic-Rasierklingen samt Rasiercreme und die Flasche Lavendel-Eau-de-Cologne von Bien-Être, mit dem ich immer sein Taschentuch tränken sollte, in seinen dunkelgrünen Kulturbeutel gepackt, dazu das Frotteehandtuch und die Seife, die im noch feuchten Waschlappen steckte.
Mein Bruder hatte den Rollstuhl aufgeklappt, die Ersatzprothese, die Krücken, den kleinen Tischventilator, den wir ein paar Stunden zuvor bei Darty gekauft hatten – anscheinend wird einem heiß, wenn der Tod naht –, und die Leclerc-Tüten daraufgelegt und ungewöhnlich sanft zu mir gesagt: Ich geh runter zum Auto und komm dann wieder hoch. Ein praktischer Typ, mein Bruder. Und so fand ich mich allein mit ihm wieder, meinem gefallenen Helden, meiner einbeinigen Kanaille, meinem misanthropischen König, dem alten Knochen, während es draußen langsam dunkel wurde. Nein, während es draußen, live vor der siebten Etage des Krankenhauses von Poissy – tadaaa! … welche eine Pracht, überwältigend schön: die Lichter der Stadt und der orange leuchtende Himmel der Banlieue. Er liebte sie, die Sonnenuntergänge. Er rief uns immer, damit wir kamen, um sie zu betrachten.
Die Krankenschwestern hatten seine Augen geschlossen, sein Gesicht in eine Kinnbinde gezwängt, ihm ein blassgrünes, sweatshirtartiges Kittelchen übergezogen. Das war traurig und komisch zugleich, er hätte gelacht über dieses kurze grüne Krankenhaushemd, das kaum seine Knie bedeckte. Ich habe seinen bläulich roten Fuß angesehen, puh!, der Arme, seinen fusseligen Kinnbart und sein schönes, abwesendes Gesicht. Während ich seine Hand hielt, die in meiner langsam kalt wurde, wünschte ich mir von ganzem Herzen, niemals seinen Duft zu vergessen und wie weich seine trockene Haut war. Ich habe mich dafür entschuldigt, dass ich nicht begriffen hatte, dass er tatsächlich im Sterben lag, habe ihn geküsst und dann laut gesagt, Ciao, ich liebe dich, bis später, gib kurz Bescheid, wenn du angekommen bist. Ich bin in den lino-neon Flur rausgegangen, eine Pflegerin ist vorbeigeschlappt, und mein Bruder kam zurück. Wir sind noch ein letztes Mal rein, zur Sicherheit. Dann haben wir die Reusen eingeholt, wie er immer sagte. Das Leben, diese Angelpartie.
Im Spiegel des Aufzugs unsere Erwachsenenvisagen, ziemlich mitgenommen. Gevatter Tod lässt grüßen. Und obendrein die Mehr-als-Gewissheit, so nebeneinander, jeder mit seinem Päckchen Genen, dass wir unbestreitbar die Kinder des Verstorbenen sind. Wir haben noch einer Schwangeren Guten Abend gesagt, einem Assistenzarzt zugelächelt: großstädtisch, höflich, würdevoll trauernd. Wir haben schweigend die ausgestorbene Eingangshalle durchquert, die Glastür nach draußen, das Auto erreicht – ooink, ooink – und dann die ebenfalls ausgestorbene Autobahn genommen. Am Abend vor Allerheiligen, Mondschein, klarer Himmel, unwirkliche Fahrt.
Als der Wagen startete, ging die CD im Autoradio genau da weiter, wo sie aufgehört hatte. Ein Mixtape, das ich extra für meinen musikbesessenen Bruder zusammengestellt hatte, als Erinnerung an unsere trashige, aber musikalische Kindheit. Auch hier nicht viele Worte oder Blicke, nur Tränen, die liefen und die man mit dem Handrücken wegwischte. Die Stücke folgten nahtlos aufeinander wie lauter Wiegenlieder. Doch dann plötzlich, kurz vor Porcheville, kam „Eloise“ von Barry Ryan, eine Liebeserklärung, ein Flehen, ein melodramatischer, triumphaler, grandioser Song, Eloise, You know I’m on my knees. Ein etwas kitschiges Stück, das später für den französischen Titelsong der Serie Hart aber herzlich kopiert wurde. Es beginnt mit einem ausklingenden irren Lachen, so ein Lachen wie nach einem richtig guten Witz, das abebbt, wenn man wieder ernst werden muss, dann legen die Geigen, Bläser und Pauken los. Es war absurd, so viel Pomp, Pathos und ironische Hoffnung gleich nach all dem Schweigen und dem Nichts. Es war bizarr, so viel aufgeblasene Inszenierung nach diesem flüchtigen, schlichten Moment, an dem das Leben sich unbemerkt davonmacht. Guter Witz, wirklich der Brüller. Unsere wilden Träume, unsere hochtrabenden Hoffnungen, und dann zu guter Letzt der Herzinfarkt und das Leben danach, das Plastikbein und die Sauerstoffmasken. Das war zu viel für einen einzigen Tag, also habe ich endlich geweint. Dicke Kullertränen, laute Schluchzer. Mein Bruder hat mir freundlich den Nacken getätschelt, und dann haben wir losgelacht. Letztendlich war dieses Lied eine ziemlich genaue Versinnbildlichung dessen, was wir immer mit unseren Eltern erlebt hatten: Liebe, Schreie, Dramen, Verzweiflung, aber nie ohne Trompeten und Geigen im Hintergrund. Am nächsten und den folgenden Tagen sind wir genau denselben Weg wieder gefahren, morgens in aller Frühe und am Abend, um den Papierkram zu besorgen. Jedes Mal großartige Himmel, Wolken in allen Farben und Sonnenuntergänge, wie ich sie selten gesehen hatte. Offensichtlich war er gut angekommen.