Zhenyas Lager
Zwei Jahre lang recherchierte das Produktionsteam, insbesondere in Person des dramaturgischen Mitarbeiters Serge Okunev, zur russischen PMC Wagner, auch „Wagner Truppe“ genannt. Nach langer Suche ließ sich dabei auch der Kontakt zu einem Ex-Wagner-Söldner herstellen. Wir haben ihn gebeten, Schillers „Wallenstein“ für uns zu lesen und uns seine Gedanken dazu darzulegen. Ein Gespräch über Wallensteins Lager.
Zhenya: Mein Name ist Zhenya. Ich war bei Wagner und habe an den Kämpfen um Bachmut teilgenommen. Auch wenn ich mir wenig vorstellen kann, wie ich helfen könnte. Ich bin bereit, mit Ihnen zu reden.
Serge: Zhenya, hast du in deinem Buch eigentlich Zeilennummern?
Zhenya: Nee. Nur Seitenzahlen.
Serge: Mist, na gut… Dann sag mir wenigstens das Auftritt, damit ich mich orientieren kann.
Zhenya: Okay, also… Ich geh nicht der Reihenfolge im Buch nach, sondern so, wie ich’s mir aufgeschrieben hab. Einfach, wie’s mir passt. Also, elfter Auftritt.
Serge: Warte, ich mach’s grad auf.
Zhenya: Da spricht der Wachtmeister…
(liest vor)
Und Der da und ich, wir sind aus Eger.
Nun! und wer merkt uns das nun an,
Daß wir aus Süden und aus Norden
Zusammen geschneit und geblasen worden?
Serge: Ja, ich kenn die Stelle, ich such sie kurz raus.
Zhenya: Elfter Auftritt, da zeigt der Wachtmeister auf den Trompeter. Mist, keine Zeilennummern… meine Ausgabe ist irgendwie nicht so toll, ziemlich billig. Und dann geht’s da weiter:
(liest vor)
Sehn wir nicht aus, wie aus einem Span?
Stehn wir nicht gegen den Feind geschlossen,
Recht wie zusammen geleimt und gegossen?
Greifen wir nicht, wie ein Mühlwerk, flink
In einander auf Wort und Wink?
Wer hat uns so zusammen geschmiedet,
Daß ihr uns nimmer unterschiedet?
Kein Andrer sonst, als der Wallenstein!
Serge: Gefunden.
Zhenya: Ja, und gleich die Antwort vom Ersten Jäger hat mir gefallen. Ich musste echt grinsen, als ich das gelesen hab. Er antwortet:
(liest vor)
Das fiel mit mein Lebtag nimmer ein,
Daß wir so gut zusammen passen;
Hab’ mich immer nur gehen lassen.
Zhenya: Genau das mein ich. (lacht) Die schreien da alle: „Eh! Wir sind Wagner! Wagner!“
Und ich, als ich da gelandet bin — ey, mir kam da gar nix in den Kopf.
Vor allem nicht, als sie mich da verprügelt haben. Von den eigenen Leuten!
„Daß wir so gut zusammen passen;“ – dieser Moment hat mich echt zum Lächeln gebracht.
Okay, warte… weiter dann… das ist jetzt der Kapuziner, wo er die da alle zusammenstaucht. Ganz am Ende sagt er dann:
(liest vor)
Wieder ein Gebot ist: Du sollt nicht stehlen.
Ja, das befolgt ihr nach dem Wort,
Denn ihr tragt Alles offen fort.
Vor euren Klauen und Geiersgriffen,
Vor euren Praktiken und bösen Kniffen
Ist das Geld nicht geborgen in der Truh,
Das Kalb nicht sicher in der Kuh,
Ihr nehmt das Ei und das Huhn dazu.
Zhenya:
Das ist genau das, worüber ich schon mit dir gesprochen hab – als wir da durch die Plattenbauten gestreift sind, alles war geplündert, komplett auseinandergerissen. Und die haben sich da alles genommen, weißt du. Im Grunde war das einfach Plünderei, du nimmst was, das dir gar nicht gehört.
Klar, es gibt Sachen, die du zum Überleben brauchst – Medikamente, Streichhölzer, so Zeug. Manchmal brauchst du auch Geld, um dir was zu kaufen.
Aber Mikrowellen, verdammt, wozu zum Teufel brauchst du die? Das ist einfach sinnlos.
Und da war noch irgendwas im Text, ich hab’s vielleicht nicht markiert – aber was mir auffiel: Der Unterschied war, dass die da im Stück einfach die Zivilbevölkerung ausgeraubt haben, ohne sich Gedanken um ihren Ruf zu machen.
Damals gab’s das Wort „Reputation“ wohl einfach nicht, weißt du?
Aber jetzt, da ist das halt ein Thema – sie tun so, als würden sie helfen, Zivilisten zu evakuieren und so.
Wenn bei uns jemand ’nen kranken Zivilisten gesehen hat, dann wurde er behandelt, weißt du? Fürs Image. Nicht für den Ruf, sondern fürs Image.
Damals war das einfach egal – kein Internet, keine Medien, kein gar nix.
Und ich bin sicher: Wenn du heute Wagner zurück in die Zeit von damals versetzt hättest – das wär genau dasselbe gewesen.
Nur heute passt man halt ein bisschen auf, weil alles im Netz landet – „Da, die haben einen Zivilisten gerettet“ oder so.
Aber in Wirklichkeit: Wenn sie da ’ne Wohnung plündern können, machen sie’s halt. Scheißegal. Ist Krieg, alles wird kaputt gemacht, mitgenommen. Das war bei uns genauso.
Ich hab das sofort wiedererkannt – die Beschreibung.
Okay, gehen wir weiter. Am Anfang gibt’s ja noch ein paar Stellen, wo sie diskutieren, wer der Tollste ist, wen Wallenstein mehr schätzt, oder so, ne?
Die Szene am Lagerfeuer – das war bei uns auch so. Ganz am Ende, als wir im letzten Lager waren, als alles schon vorbei war.
Und ich hab beim Lesen von Schiller immer wieder gedacht – da sitzen sie alle am Feuer, labern Scheiße, wer geiler ist, wer was drauf hat… so richtig Schwanzvergleich halt.
Und bei uns: du gehst vorbei, siehst die Typen am Feuer, setzt dich dazu, hörst zu – einer erzählt, wie er fast ’nen Hubschrauber abgeschossen hat. Alle Gerüchte, die im Lager rumgehen, kommen da zusammen. Und dann geht’s weiter mit „Wohin schicken die uns als Nächstes?“ – jeder hat seine eigene Theorie.