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Die Maske der Größe und der Ohnmacht

Ein Ausschnitt aus Ricarda Huchs Charakterstudie „Wallenstein“ (1932)

Auffallend ist bei dem meist liebenswürdigen und gefälligen Wesen Wallensteins, bei seiner inneren Unsicherheit und Schwäche, mit was für einer Vorsicht alle ohne Ausnahme ihn behandelten. Nicht auf den Kaiser nahm man so viel Rücksicht wie auf Wallenstein, ja der Kaiser selbst bedachte sich zehnmal, ehe er ihm etwas sagte oder sagen ließ, was ihn hätte ärgern können. Bei des Herzogs Empfindlichkeit oder bei seinem bekannten Humor, so etwa pflegte man sich auszudrücken, wolle man ihm dies oder das nicht geradezu sagen, oder die Sache lieber ganz gehen lassen, um ihm keine Offensionen zu kausieren. Er wurde behandelt wie eine sehr künstliche Maschine, die, wenn man sie nicht ganz richtig anfaßte, explodieren könnte. Das ist nicht nur dadurch zu erklären, daß er als Herr eines großen Heeres imstande war zu schaden; denn es gingen auch diejenigen behutsam mit ihm um, die nicht gerade Gewalttätigkeiten von ihm befürchteten; sondern die Erklärung davon muß in der Eigenart seines Wesens zu suchen sein. Die Erfahrung lehrt, daß in dem Maße, wie jemand zurückhaltend gegen andere ist, andere es gegen ihn sind, und so war es die Zurückhaltung Wallensteins im Verkehr, die andere band. Es war eine Atmosphäre um ihn, die die Leute hinderte, ihm ganz nahe zu kommen, und sie in einer solchen Ferne von ihm hielt, daß ihr Betragen als Ehrfurcht erschien und in seinen Wirkungen der Ehrfurcht gleichkam, selbst wenn vielleicht gar keine Ehrfurcht empfunden wurde. Ein Zeitgenosse, der Wallenstein mit vielem Verständnis zergliedert hat, war der Meinung, er verfolge mit seinem den üblichen Höflichkeitsformen nicht angepaßten Benehmen den Zweck, erstens Überlästige von sich fernzuhalten, zweitens sich so gefürchtet zu machen, daß man sich nicht getraue, ihm Unangenehmes zuzufügen. Allerdings wird es immer die Folge eines sehr zurückhaltenden Wesens sein, daß die Menschen sich an den Betreffenden nicht leicht heranwagen; aber deswegen muß es nicht der Zweck gewesen sein. Die Art und Weise, wie einer im Verkehr sich gibt, ist zu sehr angeboren, als daß sie auf die Dauer durch Verstellung zu regeln wäre. Dem Bewußtsein nach hätte Wallenstein wahrscheinlich manches Mal gern die unsichtbare Schicht, die ihn umgab, durchbrochen; aber er vermochte es vielleicht nur unter dem Einfluß des Zornes oder des Weines. Andere Male mag es ihm bequem gewesen sein, sich hinter der aus Menschenfurcht und Menschenverachtung, aus Erhabenheit und Schüchternheit gebildeten Mauer zurückzuziehen; immer aber war sie der unmittelbare Ausfluß seines tiefinnersten Wesens. Es war die Maske, hinter der der Stolze das tragische Geheimnis seiner Seele verbarg: seine Größe und seine Ohnmacht.

Wie Wallensteins Zurückhaltung die Menschen ihm gegenüber zurückhaltend machte, so machten seine Unsicherheit und Ängstlichkeit sie unsicher und ängstlich: niemand wußte recht, wie er sich im nächsten Augenblicke verhalten würde. Er glich insofern wirklich einer gefährlichen, schwer zu handhabenden Maschine: nicht nur ein ungeschickter, sondern jeder Griff konnte die unerwartetsten und unerwünschtesten Wirkungen haben. Ganz abgesehen von den politischen Zwecken, die er etwa damit verfolgte, liebte er es, Menschen und Mächte abwechselnd anzuziehen und abzustoßen, so daß sie sich, obwohl an Kreuz- und Querzüge der Diplomatie gewöhnt, des Gefühls nicht erwehren konnten, er spiele zu seinem Vergnügen mit ihnen. Was der böhmische Unterhändler Rašin ihn sagen läßt, er habe mit den Sachsen gespielt wie die Katze mit der Maus, entspricht durchaus den Umständen und seiner Natur.

Dies ist ein unheimlicher Zug in Wallensteins Wesen, den man die Grausamkeit der Schwäche nennen kann; wenn er auch aus der Unfähigkeit, sich zu entschließen, hervorgeht, so scheint doch auch eine grausame Lust dabei im Spiele zu sein, die Wollust des Machtgefühls, welche den letzten Genuß, die Tat, hinausschiebt, der sie zugleich enden würde.

Auch darin irrten sich Fernerstehende, daß sie glaubten, energischer Widerstand werde Wallenstein zu desto gewaltsamerer Gegenwehr reizen; er pflegte dann im Gegenteil einzulenken. Seine Feinde hätten leichtes Spiel mit ihm gehabt, wenn das Herrscherhafte seines Wesens seine Furchtsamkeit nicht so gut verhüllt hätte.