Küche, Krieg und Konkretion
Regisseur Jan-Christoph Gockel über seine WALLENSTEIN-Inszenierung und…
… Söldner:
Am Anfang waren die Söldner. Das Thema verfolgt mich seit über 10 Jahren, seitdem ich „Kongo Müller“ inszeniert habe, nach diesem deutschen Söldner mit dem deutschesten aller Namen: Siegfried Müller. Was sind das für Typen, die außerhalb staatlicher Armeen Militärdienstleistungen bis hin zum Krieg vorbereiten und durchführen? Wer macht sowas? Wer geht irgendwo ans andere Ende der Welt, um für Geld zu töten? 2022 führte uns der russische Kriegsunternehmer Jewgeni Prigoschin direkt in den WALLENSTEIN hinein. Die Spur hatte ich erstmals eigentlich schon 2018 aufgenommen, als in der Zentralafrikanischen Republik drei russische Filmemacher umgebracht wurden, die dem System Wagner hinterher recherchiert hatten. 2022 trat die Wagner-Legion, als sie in der Ukraine quasi zu einem offiziellen außenpolitischen Instrument der russischen Regierung wurde, dann in unser aller Bewusstsein. Und dieser kurze, rasante Aufstieg – und Fall – des Herrn Prigoschin waren eigentlich der Impuls, in den WALLENSTEIN zu gucken. Herfried Münkler etwa hatte einen Artikel geschrieben, in dem er diese beiden Kriegsunternehmer in ein nahes Verhältnis rückte, die sich gegen ihren „Kaiser“ wendeten. Ob sie selber wirklich an die Macht kommen wollten, bleibt ja bei beiden auf unterschiedliche Weise offen. Mir war vorher nicht in dieser Deutlichkeit bewusst, dass Wallenstein das Söldner-Business im 17. Jahrhundert maßgeblich, wenn schon nicht erfunden, so doch zu neuer Größe geführt hat. Und dafür, ähnlich wie Prigoschin, gewaltsam ausgeschaltet wurde.
… Küche und Krieg:
Zum Kochen hat uns natürlich Herr Prigoschin mit seinem Spitznamen „Putins Koch“ gebracht: Wie der Hotdog-Franchises aufbaute, Nobel-Restaurants und Kantinen organisierte, gleichzeitig aber auf Boulevard-Fotos für den Kreml und seine prominenten Gäste den Wein einschenkt, während Putin gönnerhaft lächelt oder mies gelaunt guckt, je nachdem. Aber schon hier geht es in erster Linie um den Aufbau eines Business-Imperiums, eine ganz spezifische Unternehmensstruktur. Der Typ war einfach ein Großunternehmer, ein sehr begabter Logistiker für Speisen, und so einer kann in unserer heutigen Welt offenbar auch ein Logistiker des Krieges werden. Im nächsten Schritt beschafft der Küchenexperte in Zusammenarbeit mit dem militärischen Spezialisten Utkin einfach „Fleisch“ für die Front, global agierende Söldnertruppen, egal, ob das nun in Westafrika bestellt wird, in Syrien oder im Angriffskrieg gegen die Ukraine bis hinein in die Einnahme von Bachmuth mit zehntausenden von Toten – ein wahrer Kriegsfleischwolf. Vor diesem Hintergrund fand ich das Bild der Großküche und des Kochens fürs Theater naheliegend und adäquat und vor allem konkret. In vielen WALLENSTEIN-Inszenierungen, die ich gesehen habe, schreiten Männer in gesetzterem Alter über die Bühne, hanteln sich von Spruch zu Spruch und versuchen, so zu tun, als hätten sie was mit Krieg und Zerstörung und Tod zu tun. Wir hatten dagegen von Beginn ein ganz anderes, konkretes, auch sinnliches Bild vor Augen: Eine Küche, in der wirklich gekocht wird, und in der man sich der Verführung dessen, was da verarbeitet wird, nicht entziehen kann. Wenn da die erste Zwiebel angebraten wird und man das im ganzen Theater riecht, dann macht das was mit einem. Man wird reingesogen in diese Welt.
… den „Geist, der sich den Körper baut“:
Michael Pietsch und ich trafen mit Samuel Koch erstmals vor zehn Jahren zusammen. Wir waren in Mainz engagiert, er in Darmstadt. Und da haben wir einen Abend gesehen, wo er als Querschnittsgelähmter quasi als Puppe gespielt wurde – von Robert Lang, mit dem er viele Arbeiten zusammen gemacht hat. Unsere Arbeit bei Peaches&Rooster versucht ja auch immer, dem Puppenspiel neue Facetten zu geben. Und Sammy sagte, er könnte doch auch mal „eine Puppe von Michael sein“. Wobei es uns da nicht um seine Fremdbestimmtheit ging, sondern darum, wie sich „der Geist den Körper baut.“ Da hängt dann jemand an einem System aus Fäden, das er selbst erdacht hat und führt uns damit mitten hinein in den zentralen Konflikt, aus dem heraus Schiller das Stück geschrieben hat. Samuel muss sich bei uns in unterschiedlichen Konstellationen seinen Körper wortwörtlich bauen, indem er sagt: „Tragt mich dahin“, „stellt mich dorthin“, „zieht an dieser Schnur, damit sich dieser Fuß bewegt.“ Wir hatten eine sehr schöne Probe, da saß er quasi mit mir am Regietisch und hat den Kolleg*innen, die ihn auf der Bühne bewegen, das an einer Puppe gezeigt: „Fasst da an, packt dort an. So hebt ihr mich hoch, so dreht ihr mich um. Und dann sagte er lachend: Jetzt ist es ja wirklich so. Es ist der Geist, der sich den Körper baut.“ Daraus ergab sich wie von selbst auch das Bild einer Armee: Samuels Körper, umgeben von denen, durch die er handelt oder die durch ihn handeln. Was wiederum die Frage aufwirft: Wie ließe sich das beenden? Was, wenn man zunehmend ermüdet und sagt: „Ich gedenke einen langen Schlaf zu tun“?
… Frauen in Männerrollen:
Welches Geschlecht eine Figur hat und wie alt sie – das sind Kriterien, denen viel zu viel Raum gegeben wird. Gerade im Theater, wo wortwörtlich gleichzeitig die Personen, die spielt und Figur anwesend sind. Als wir das Stück besetzt haben, ging es eigentlich nur darum: Wer passt von seinem Sein, von seiner Energie am besten zur jeweiligen Figur? Wer kann wen bestmöglich spielen? Wenn Katharina Bach sich dem aggressiven Trinker Illo nähert, dann legt das frei, wo diese Figur wirklich steht. Und dass das nicht nur ein weinseliger Kommandant ist. Theater ist Spiel von Realität, nicht Abbildung. Und damit wären wir wieder beim ersten Satz, die Gedanken sind schwierig, aber die Ausführung liegt in der Aufführung. Mich interessiert, wann sich aus diesen behaupteten Körpern und Figuren wieder Menschen rausschälen. Draußen auf der Straße laufen doch viele Männer auch nur mit behaupteten Körpern rum. Es fällt nur gar nicht mehr auf. Wenn Katharina Bach mit so einem behaupteten Körper rumläuft, fällt es einem mehr auf und das soll es auch. Geschlechtliche Zuschreibung ist nach wie vor extrem präsent in unserer Gesellschaft, also: Was heißt Männlichkeit in dieser kriegerischen Struktur?
… das Ziel der Inszenierung:
Menschen sollen an einem Ort zusammenkommen und Menschen, die etwas gemeinsam tun, zuschauen. Bei allem Schmerz, der in diesen Geschichten steckt, hoffe ich auf Momente voll von Utopie, von großer Freude und Humor. Den hat Schiller definitiv. DIE PICCOLOMINI, der zweite Teil der Trilogie hat Züge einer Boulevard-Komödie: in einem Teil – dem „Pilsener Revers“ – sammelt der Alkoholiker Illo bei einer Feier Unterschriften unter ein manipuliertes Dokument. Damit die Manipulation nicht auffällt wird kräftig ausgeschenkt. Illo trinkt am meisten und plaudert die Intrige selber aus. Irre. Und dann kommt mit WALLENSTEINS TOD der tragische Abgesang. Einen utopischen Blick, den hat er da nicht drin. Und der ist ja auch dieser Tage aus unserer Realität heraus nicht leicht zu generieren, weil wir, glaube ich, sehr viel an den praktischen Umständen unseres Seins messen und uns viele Dinge, zum Beispiel einen Frieden in der Ukraine fast gar nicht vorstellen können. Das ist einfach, weil wir es sehr messen an dem, was eigentlich möglich zu sein scheint. Der Möglichkeitsmensch in diesem Stück ist Octavio Piccolomini. Annette Paulmann, die ihn spielt und gewissermaßen als Chefkoch das in unserem Abend servierte Menü zubereitet, sagte mitunter bei den Proben, eigentlich hätte Schiller ihn als Zentralfigur wählen sollen. Der historische Piccolomini hat ja den 30-jährigen Krieg tatsächlich überlebt und sogar die Demobilisierung der Truppen überwacht. Der Gegenspieler Wallensteins, den man leicht mit einem Ränkeschmied und Bösewicht verwechseln können, als Pragmatiker, der an dem festhält, was zu tun ist. Ihm werden fünf Pferde unter dem Hintern weggeschossen und er überlebt das alles. Nur das sechste Pferd, – er versucht einem Bauer zu helfen und dessen Fuhrwerk aus dem Graben zu ziehen – das erschlägt ihn. Das ist eine Geschichte der Ausdauer in der Ausweglosigkeit. Ausdauern und Ausharren und Ertragen – auch von Leid. Wenn man unseren Abend sieht, kriegt man ein Gefühl davon, wenn Octavio Piccolomini nach sieben Stunden – dann, wenn die Sache „gegessen“ ist – mit der Nachspeise kommt.
Der Text basiert auf einem Gespräch, das Viola Hasselberg und Claus Philipp mit Jan-Christoph Gockel führten. Die Langversion lesen Sie in „Der Krieg ernährt den Krieg. Wallenstein-Materialien“, dem Programmbuch zur Inszenierung, erhältlich an der MK-Theaterkasse und bei den Wallenstein-Vorführungen um nur 5 Euro.