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Digitales Programmheft „Wallenstein“

„Verflucht, wer mit dem Teufel spielt!“

Anmerkungen zu „Wallenstein“. Wie erklärt man einem Kind den Krieg?

Wie erzählt man vom Krieg und vom Geld, mit dem dieser Krieg bezahlt wird, am Theater? Wie über eine komplizierte Gemengelage aus politischen, religiösen und ökonomischen Motivationen, wo auf der Bühne bevorzugt der klare, eindeutige Konflikt am meisten Effekt macht? Friedrich Schillers spektakuläre Trilogie „Wallenstein“ erzählt 1799, quasi als Höhepunkt einer lebenslangen Auseinandersetzung mit dem Epischen, eine Kriegsgeschichte, in der der Held phasenweise merkwürdig abwesend und niemals wirklich zu fassen ist: Der Söldnerführer Wallenstein, einer der größten Warlords der Geschichte, zieht im Dreißigjährigen Krieg im Auftrag des Kaisers gigantische Heere zusammen. Er bezahlt mit der Beute aus den eroberten Gebieten und verdient noch daran: „Der Krieg ernährt den Krieg“.

Im ersten Teil, „Wallensteins Lager“, spricht erstmal nur das „Kanonenfutter“, die Söldner, die im Tross mitziehenden Händlerinnen, Kinder und Bauern. Das „Lager“ ist der inhaltliche Ausgangspunkt dieser Inszenierung. Wer sind diese Menschen heute? Wer dominiert unser heutiges, großes und schmutziges Kriegsgemälde, mit welchen „Deals“? Was wird hier gespielt, wem wird übel mitgespielt? Die Urkatastrophe des Dreißigjährigen Krieges rottete ein Drittel der Zivilbevölkerung in Europa aus, das steckte Generationen später noch im Boden, in den Knochen. Schiller hat auch als Historiker über diesen Krieg geschrieben und er hatte neue Kriege vor Augen.

Im Werk Friedrich Schillers hat „das Spiel“ eine zentrale Bedeutung. Tatsächlich bewegen sich alle Charaktere in „Wallenstein“ auf dem schmalen Grat zwischen fast kindlicher Spielfreude und dem kalkulierten Einsatz strategischer Selbstdarstellung. Wallensteins Tochter Thekla sieht den Hof, den ihr Vater wie ein Möchtegern-König um sich geschart hat, anfangs noch als „bunte, kriegerische Bühne“, während der gewiefte Stratege Octavio Piccolomini seinen Sohn Max, Theklas Geliebten, sehr bald von derartigen Illusionen zu lösen sucht: „Man hintergeht dich – spielt auf’s Schändlichste mit dir und allen.“ Selbst ein trunksüchtiger Haudrauf wie Feldmarschall Illo weiß: „Wenn’s nur dein Spiel gewesen ist, glaube mir, Du wirst’s in schwerem Ernste büßen müssen.“ Wallenstein wiederum befindet: „Verflucht, wer mit dem Teufel spielt!“

Schiller verdichtet in seiner Trilogie 30 Jahre Krieg auf die letzten drei Wochen vor dem Fall. Der Kaiser hat Wallenstein abgesetzt, die Intrige der Generäle hat begonnen, Wallenstein selbst verhandelt heimlich mit dem Feind, den Schweden, über einen möglichen Frieden. Aber was treibt ihn dabei um? Meint er wirklich, was er sagt? Handelt er noch oder handelt „es“ durch ihn durch? Im Bett wird Wallenstein zuletzt von engsten Vertrauten erstochen. Militärische Macht lässt sich nicht ohne weiteres in politische umwandeln.

Hausregisseur Jan-Christoph Gockel entfacht auf der Basis von Schillers monumentaler Dichtung ein sinnliches Spektakel, in dem – in mehreren Gängen - der „Mythos der Macht“ gekocht, geschlemmt und wieder ausgespien wird. „Kochen ist Krieg“, wir befinden uns in der Feldküche von Wallensteins Lager: In der Hybris und im System des Machtmenschen Wallenstein spiegeln sich in dieser Inszenierung zeitgenössische Phänomene: Jewgenij Prigoschin, „Putins Koch“, der Kopf der Söldnergruppe Wagner, träumte mit seinem Imperium, zu dem auch Luxusrestaurants, Medienkonglomerate und Trollfabriken, die Wahlen manipulierten, gehörten, lange von politischer Macht. Aber sein Marsch auf Moskau 2023 misslang, ein „Flugzeugabsturz“ pflückte ihn vom Himmel. Immer wieder lässt Gockel Material einer zweijährigen Recherche zu Wagner-Söldnern einfließen.

Schon lange vor dem Absturz hat das System Risse. In einer Zeit neuer Kriege und der Renaissance der Politik der Stärke, finden wir in „Wallenstein“ die Geschichte vom Zusammenbrechen der Imperien. Wo stecken die Möglichkeiten zur Deeskalation, zur Demobilisierung. Wie steigen wir aus? (Wie) werden aus Söldnern wieder Menschen? Wie erklärt man einem Kind den Krieg? Wallenstein kann nicht aufhören mit dem Krieg. Aber nach seinem Tod ist sein Gegenspieler Piccolomini beteiligt an den sieben Jahre andauernden Friedensverhandlungen in Münster und Osnabrück. Welchen Mächten liefern wir uns aus? Was hält sie am Leben?

Dies zu verstehen, fordert nicht zuletzt ein Denken in strategischen Begrifflichkeiten. Schiller selbst schrieb einmal: „Hinweg mit der falsch verstandenen Schonung und dem schlaffen verzärtelten Geschmack, der über das Angesicht der Notwendigkeit einen Schleier wirft und eine Harmonie zwischen dem Wohlsein und Wohlverhalten lügt, wovon sich in der wirklichen Welt keine Spuren zeigen! Stirne gegen Stirne zeige sich uns das böse Verhängnis.“

Viola Hasselberg / Claus Philipp

Noch tiefer einsteigen mit unserer Print-Publikation!

In einer Kooperation mit dem Spector Books Verlag erscheint zur Premiere von „Wallenstein“ eine 84-seitige, bibliophil gestaltete Materialiensammlung. Ihr Titel: DER KRIEG ERNÄHRT DEN KRIEG. Das Buch umfasst neben ausführlichen Gesprächen mit Regisseur Jan-Christoph Gockel, den Darstellerinnen Katharina Bach, Johanna Eiworth, Annika Neugart und Annette Paulmann, der Politologin Cindy Wittke und dem Konfliktforscher Herfried Münkler u.a. auch Probenfotos und eine große Fotoreportage unseres Theaterfotografen Armin Smailovic aus der Ukraine, 2023. Dazu: Texte von Swetlana Alexijewitsch, Peter Hagendorf, Hiram Kümper, Heiner Müller und Sergei Okunev. Erhältlich im gut sortierten Buchhandel und auf www.spectorbooks.com um 10,- Euro. An der Theaterkasse der Münchner Kammerspiele und bei Aufführungen von „Wallenstein“ kann man es zum Sonderpreis von 5,- Euro erwerben.

Hier in die Einführung von Produktionsdramaturgin Viola Hasselberg reinhören!

Krieg ist jetzt die Losung auf Erden.

Der Wachtmeister, „Wallenstein“

Kaffeetasse Zeigefinger Prigoschin

Mit einer ungewöhnlichen Meditation über Sein und Zeit(en) des Söldnerwesens ist Alexander Kluge gewissermaßen Mitwirkender an Jan-Christoph Gockels „Wallenstein“. Mediales Aufsehen erregten zuletzt die Versuche des Autors und Filmemachers, mit einer bildverarbeitenden KI zu arbeiten, die zuletzt unter dem Titel „Der Konjunktiv der Bilder“ in Buchform bei Spector Books erschienen sind. Als Filmemacher verfügt er über eine langjährige Erfahrung im Umgang mit der Kamera und ihren Formen des Sehens, die sich vom menschlichen Sehen unterscheiden. Gleichzeitig eröffnet die „virtuelle Kamera“ einen Raum, in dem sich auf neue Weise über Gewaltverhältnisse, Geschichte und Eigensinn erzählen und imaginieren lässt.

Ein Kurzfilm von Alexander Kluge

Freiheit ist bei der Macht allein.

Bauernsohn, „Wallenstein“
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Julian Baumann

Regisseur Jan-Christoph Gockel über seine WALLENSTEIN-Inszenierung

Der Krieg ernährt den Krieg.

Graf Isolani, „Wallenstein“

Aus der Welt die Freiheit verschwunden ist,

Man sieht nur Herren und Knechte;

Die Falschheit herrschet, die Hinterlist

Bei dem feigen Menschengeschlechte.

„Wallenstein“, Bauernsohn

Wie denkt und wie funktioniert die russische Söldnergruppe Wagner? Den Journalistinnen Alexandra Jousset und Ksenia Bolchakova ist es gelungen einen exklusiven Einblick in über 2500 interne Dokumente der Geheimorganisation zu erhalten. Die Untersuchung zeigt: die Wagner-Gruppierung ist damals, wie heute ein Schlüsselelement in den analogen und virtuellen Kriegen des Kreml.

Die Prigoschin-Akten | Mit offenen Daten | ARTE

Was sollen alle diese Masken?

Graf Terzky, „Wallenstein“

Lesen Sie hier einen Ausschnitt aus Ricarda Huchs Charakterstudie „Wallenstein“ (1932)

Und jetzt sagt mir, hat jemand jemanden, der euch hier rausholt? Es gibt nur zwei Optionen — das ist Allah oder Gott im Holzsarg. Ich nehme euch lebend, aber nicht immer kehrt ihr lebend zurück. Fragen? Wenn ja — wir gehen, und dann entscheiden wir weiter in 5 Minuten. Wer will, fährt mit.

Jewgeni Prigoschin rekrutiert Gefängnisinsassen für die Wagner-Gruppe

Zwei Jahre lang recherchierte das Produktionsteam, insbesondere in Person des dramaturgischen Mitarbeiters Serge Okunev, zur russischen PMC Wagner, auch „Wagner Truppe“ genannt. Nach langer Suche ließ sich dabei auch der Kontakt zu einem Ex-Wagner-Söldner herstellen. Wir haben ihn gebeten, Schillers „Wallenstein“ für uns zu lesen und uns seine Gedanken dazu darzulegen. Ein Gespräch über Wallensteins Lager.

Streben wir nicht allzu hoch hinauf, dass wir zu tief nicht fallen mögen.

Gräfin Terzky, „Wallenstein“

Ein Grab, ein Absturz, ein Trümmerstück. In diesem Kurzfilm beschäftigt sich Alexander Kluge mit dem Ende des Söldnerführers Jewgeni Prigoschin, mit seinem Fall aus dem Himmel und dem, was davon übrigblieb.

Es ist der Geist, der sich den Körper baut.

Kapuziner, „Wallenstein“
Albrecht von Wallenstein (1583 - 1634)

war ein böhmischer Adliger, Heerführer und Politiker im Dreißigjährigen Krieg. Er stammte aus dem böhmischen Protestantismus, trat jedoch zum Katholizismus über und machte rasch Karriere im Dienst der Habsburger. Auf eigene Kosten baute er eine riesige Armee die eng an seine Person gebunden war, und stieg zum Generalissimus des kaiserlichen Heeres auf. Durch geschickte Kriegsführung und politisches Taktieren wurde er einer der mächtigsten Männer Europas, regierte nahezu eigenständig über weite Gebiete und gründete ein eigenes Machtzentrum in Nordböhmen, sein „Friedland“. Seine wachsende Unabhängigkeit und sein Reichtum machten ihn zum Loyalitätsproblem für die Habsburger und Rivalen des Kaisers Ferdinand II. Schließlich wurde er 1634 in Eger von kaiserlichen Offizieren ermordet. Wallenstein gilt bis heute als eine der schillerndsten und umstrittensten Figuren der europäischen Geschichte: Visionärer Heerführer, ehrgeiziger Machtpolitiker, genialer Geschäftsmann – und tragischer Außenseiter.

Friedrich Schiller (1759–1805)

war ein deutscher Dichter, Dramatiker, Philosoph und Historiker und gilt neben Johann Wolfgang von Goethe als zentrale Gestalt der Weimarer Klassik. Nach einem Medizinstudium an der Militärakademie des Herzogs von Württemberg und wandte sich bald ganz der Literatur zu. In den 1780er Jahren sorgte Schiller mit Dramen wie Die Räuber und Kabale und Liebe für Furore, ab 1787 lebte er zeitweise in Jena und Weimar, wo er sich eng mit Johann Wolfgang von Goethe austauschte. In dieser produktiven Phase entstand auch sein berühmtes Drama „Wallenstein“ (1798/99). Es besteht aus drei Teilen (Wallensteins Lager, Die Piccolomini und Wallensteins Tod) und verarbeitet historische Ereignisse des Dreißigjährigen Krieges. Schiller arbeitete jahrelang an dem Stoff, stützte sich auf historische Quellen und schuf eine tiefgründige Tragödie über Macht, Loyalität und Verrat.