MK:

Der Mittelpunkt des Geschehens

Von Paula Kläy

Illustration von Zarah Leemann

Während ich vor mich hin und also dem Bibliothekar in den Rücken starre, der aus dem Fenster schaut, der Plane am Baugerüst gegenüber zu, wie die sich im Wind und so weiter, denke ich: Wenn das, was sich ereignet hatte, eine Geschichte wäre, der Anfang einer Erzählung, was weiß ich, dann würde man sich, wenn man diese Geschichte hört, vielleicht fragen: Was hat eigentlich der Bibliothekar mit all dem zu tun? Vielleicht wäre es keine besonders interessante Frage, aber dennoch könnte sie aufkommen und wegen der bloßen Möglichkeit der Frage, warte ich jetzt auf ein Zeichen seinerseits, damit ich Bescheid weiß, dass er Bescheid weiß, falls er Bescheid weiß. Und während ich warte, werde ich die Ereignisse bis hier hin protokollieren. Die Ereignisse, die Teil dieser Geschichte sind. Obwohl es schwer ist, zu sagen, was Teil davon ist und was nicht. Beim Kind mit den Libellen beispielsweise, bin ich mir unsicher, weil es nicht wirklich in Verbindung mit dem Geschehen steht, aber unter einer solchen Bedingung müsste auch der Bibliothekar aus der Geschichte raus und dann würde mein Warten auf ein Zeichen seinerseits ja sinnlos. Ich fange also an.

Meine erste Begegnung mit den Falkner:innen Kamm und Majran liegt fünf Jahre zurück. An einem Montagnachmittag trank ich Filterkaffee mit viel Milch und wartete darauf, dass um 15 Uhr die Greifvogelshow losging. Ich hatte damals keine Ahnung, was ich mir unter einer Greifvogelshow vorzustellen hatte, aber da ich Vögel immer schon irgendwie mochte, jedoch ziemlich wenig Wissen über sie besaß, setzte ich mich auf eine der Bänke auf der Wiese im Wildpark, die schon um zwanzig vor drei fast alle voll waren. Neben mir saß ein Kind und starrte auf seinen Jackenärmel. Um kurz vor drei mahnten Kamm und Majran „zum allerletzten Mal“ man solle stillsitzen, wenn sie jetzt den ersten Vogel hinausjagten, dieser werde, wie Kamm sagte, rechts raus in diese Birke dort fliegen und dann über die Köpfe der Zuschauer hinweg zurück zu ihr. Erst wird er in der Luft schlagen mit seinen großen Flügeln, so sagte Kamm es. Und dann nur noch segeln, ergänzte Majran.

Das Kind neben mir starrte jetzt auf seinen Bauch und da sah ich, dass Libellen ihm auf die violette Winterjacke flogen. An diesem warmen Tag Anfang März blieben die Libellen die ganze Greifvogelshow über auf dem eingepackten Kind sitzen. Der erste Greifvogel flog los und er flog genauso, wie die Falkner:innen es sagten: In diese Birke dort. Das Publikum klatschte und auch ich war beeindruckt von der Prophezeiung der Landebirke. Das stocksteife Kind neben mir schaute noch immer auf seinen Bauch.

Ich sagte zu ihm: Die Libellen haben das exakt gleiche Violett wie deine Jacke.

Das Kind sagte: Nein. Nicht das exakt gleiche, aber es mag wohl ähnlich genug sein, um eine Tarnung vorzunehmen.

Ich fand es schön, dass das Kind so gestelzt sprach.

Die Libellen würden mit Sicherheit den Unterschied der Violetts erkennen, sagte es, aber voreinander brauchten sie sich ja nicht zu tarnen und dann, nach einer Pause, dass es gerade an all die Libellen dachte, die es, seit es die Jacke besaß (seit letztem Winter) wohl schon aus Versehen vertrieben hatte. Jedes Mal, wenn es auf den Bus rannte oder sie wütend in die Ecke des Scheißzimmers warf. Es nannte mir, während ein Falke über unseren Köpfen hinwegflog und ich zusammenzuckte, einige der Gründe, warum es immer wieder die Jacke in die Ecke des Scheißzimmers warf. Das Kind schwor jetzt, wie es dasaß und immer mehr und mehr Libellen auf ihm landeten, die Winterjacke von nun an ganzjährig zu tragen.

Das Problem mit dem Warten auf ein allfälliges Zeichen ist, dass man nicht weiß, ob man im Stande wäre, es als solches zu identifizieren. Plötzlich birgt jede Bewegung des Gegenübers symbolisches Potenzial und man selbst sitzt da und interpretiert vor sich hin.

So wurden nach und nach Vögel aus ihren Volieren gelassen. Ein Neuzugang flog aus, Kamm und Majran sagten keinen Baum voraus, schauten dem Vogel nach, wie er verschwand und auch das Publikum reckte seinen Kopf, eine ganze Weile saß es so, mit dem Kopf im Flimmern der Bäume suchend, während über ihm gewöhnliche Vögel des Alltags kreisten. Als die Show beendet war, sagte Kamm, dass es für einen kleinen Aufpreis in den Volieren eine große Sensation, ein Spektakel zu bestaunen gäbe. Ich hatte kein Kleingeld dabei und verpasste es, den Mouli zu sehen, der letzte seiner Art, der einige Tage danach in seinem Käfig sterben würde. Das ist eine Art, die ausgestorben sein wird, soll Kamm gesagt haben und die Aufpreiswilligen haben daraufhin in den Augen des Moulis eine unfassbare Traurigkeit gesehen und dieser Vogel war fortan ihr großes Geheimnis.

Den restlichen Frühling über war ich monothematisch unterwegs: Ich übernahm eine Patenschaft für eine Stadttaube, las „How to look at a bird“ von Clare Walker Leslie, lud in Foren Bilder von LBBs (Little brown birds) wie wir Vogelbeobachter:innen, die unzähligen kleinen, braunen Vögel, die schwer voneinander unterschiedbar waren, nannten, hoch, damit jemand anderes sie für mich bestimmen konnte.

Dann kam der Sommer und ich dachte an andere Sachen.

In diesem Sommer sah ich noch einmal das Kind in der violetten Jacke am Ende eines langen Straßenzugs stehen und während ich auf es zurannte, übertrieben, wenn man die Zeitspanne unserer Begegnung bedenkt, sah ich, dass sich das Kind in Zeitlupe bewegte und die Libellen nicht mehr nur auf seiner Jacke, sondern auch auf seinem Kopf, seinen Händen saßen, der ganze kleine Körper übersät war mit Libellen, ja, sogar auf den Augen saßen sie, sodass es sie geschlossen halten musste, mich also nicht sehen konnte, und wohl nur fragte, weil es mich laut neben ihm schnaufen hörte, in welche Himmelsrichtung es denn unterwegs war.

Es vergingen einige Jahre, bis ich Majran und Kamm wieder sah. Es war Herbst, ich ging den Fluss entlang zur Bibliothek:

Kleine Hunde, die um mich rumsprangen / Letzte Männerglatzen die zwischen den Enten im Wasser schwammen.

Ich arbeitete an einem Theatertext (1) und manchmal sprach ich in der Mittagspause mit dem Bibliothekar darüber und der Bibliothekar schnitt mir am Empfang sitzend Artikel aus seinen Zeitungen, in denen es um Trauer ging oder um Einsamkeit und dazwischen schnitt er auch immer wieder einen heiteren Ausgleich, wie er es nannte. So auch heute: Einen Bericht über die Falknerei im Wildpark. Mein Sitznachbar, der, wenn er nicht sein Gesicht in seine offenen Hände auf den Tisch legte, um in dieser demütigen Haltung zu schlafen, viel zu laut in die Tasten seines Laptops schlug, sagte:

Oh wow. Er rieb sich die roten Augen, ich schaute an ihm vorbei aus dem Fenster.

Wir sahen: Eine Schar Stare, in sich wandelnder Formation / als Schleier über der Maximiliankirche, schwärmten sie aus / Aschepartikel über der Stadt.

Der Bibliothekar lief an uns vorbei in angeregtem Gespräch mit einer Mathematikstudentin, die einen neuen, schönen Beweis für den Satz das Pythagoras finden wollte. Dann dämmerte es. Dann verließen wir die Bibliothek.

Während ich hier sitze und protokolliere, noch immer kein eindeutiges Zeichen. Ich denke: Das Rätselhafte ist nicht rätselhaft, weil mir von Seiten des Bibliothekars Informationen vorenthalten werden, sondern weil es halt eben so ist! Deswegen werde ich jetzt aufhören, auf ein Zeichen zu warten. Zumindest werde ich es versuchen.

Ein paar Tage später hoffte ich, das Kind mit der violetten Jacke auf den Bänken im Wildpark wiederzuentdecken, aber das Kind war jetzt wahrscheinlich schon ein Teenager und ich sah weit und breit keinen Teenager. Majran schrie, die gottverdammten Kinder mögen sich jetzt hinsetzen, der Adler habe noch nichts gefressen heute und dann ging es los.

Der Uhu glitt mucksmäuschenstill / Der Falke landete in dieser Birke dort und so weiter.

Als die Show zu Ende war, griff ich in meiner Jackentasche nach dem vorbereiteten Kleingeld, doch Kamm und Majran verkauften kein Spektakel, nur kleine Vogelbücher gegen Scheine. Enttäuscht ging ich zum nahgelegenen Imbisshäuschen und bestellte mir einen Filterkaffee mit viel Milch.

Dann schaute ich sechseinhalb Minuten lang ausschließlich der Zeit auf der großen Uhr, die neben der Picknickwiese aufgestellt war, beim Verrinnen zu.

Kurz bevor sich ein Unbehagen in mir breit machte, gesellte sich der Trupp geheimnisvoller Leute zu mir. Der Trupp trank ebenfalls schweigend Filterkaffee mit Milch. Nach dem letzten Schluck fing eine damit an, ihre Hand einer anderen hinzustrecken und dabei ihren Namen zu sagen.

Margot
Sascha
Ariana

Fine und so weiter und als mir eine Hand hingestreckt wurde, nahm ich Teil an der Vorstellungsrunde und gehörte von nun an dem geheimnisvollen Trupp an. Besonders geheimnisvoll fand ich die Leute damals am Imbisshäuschen stehend noch nicht. Ich dachte, sie wären eine Touristengruppe oder sowas, die hier auf eine verabredete Führung warteten, aber weil ich sowieso nichts Besseres zu tun hatte, ging ich, als der Trupp sich um 9 nach 1 von alleine in Bewegung setzte mit und freute mich, dass wir schnurstracks zu den Vogelvolieren unterwegs waren.

Eine von uns klopfte gegen die dicke Holzwand, die sofort ein Stückweit aufgeschoben wurde. Kamms Kopf lugte aus dem Spalt hervor. Der ganze Trupp zog nun gelbe Badges aus ihren Hosentaschen und von diesem Moment an, kam mir der Trupp eben geheimnisvoll vor. Kamm nickte die Badges ab und ich schaffte es, mich reinzuschmuggeln, in das Innere einer Voliere, in deren Mitte ein großer Stein stand, der für die Greifvögel wohl eine Felsklippe simulieren sollte. Um den Stein rum karger Boden. Kamm sprach in ihr Mikrofon, obwohl der Trupp (mich eingerechnet) nur neun Leute umfasste. Majran kam keuchend dazu und schleppte einen, wie ich später herausfand 140 Kilogramm(!) schweren Eisblock hinein. Im Inneren des Eisblocks schimmerte etwas Undefinierbares braun-grün und das Licht, das durch den Spalt in der Tür auf den Eisblock fiel, projizierte den Schimmer im Großformat auf die dahintergelegene Steinwand. Kamm holte einen Hocker, während Majran stark schwitzend unter dem Eisblock fast zusammenbrach.

Ich ärgerte mich über die Felsklippensimulation, neben der der Eisblock mickrig aussah und die verhinderte, dass dieser, der ja, wie mir schien, bald schon Mittelpunkt des Geschehens sein würde, zentral im Raum ausgerichtet werden konnte. Nun holten die Mitglieder des geheimnisvollen Trupps allesamt (bis auf mich) Hämmerchen aus der Hosentasche und stellten sich in einer Reihe hintereinander auf, um mit Vorsicht, aber doch kräftig, auf den Eisblock zu hauen.

Als ich an der Reihe war, sah ich, was da in dem Eisblock schimmerte:

Der Mouli, dem man damals die traurigsten Augen attestierte, war jetzt unbelebte Materie, von dem die letzte Eisschicht in exakt jenem Moment, in dem ich vor ihm stand, wegschmolz.

Illustration: Drei grüne Hühner mit roten Federröcken stehen nebeneinander.
c
Zarah Leemann

Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, dass der Vogel zu blinzeln anfängt, sein Kopf in sein Gefieder steckt oder zwischen uns umherflattert, nichts davon wäre realistisch gewesen, trotzdem war ich enttäuscht, dass im Moment des aufgetauten Vogels sofort zwei Personen in weißen Ganzkörpernanzügen und einer Sytroporbox die Voliere betraten. Während sie den Vogel abtransportierten, kam Majran mit einer riesigen Soundanlage hinein.

(Ich frage mich wirklich, wie viel Gewicht ein Mensch tragen kann!)

Kamm sagte: Zu früh, Majran! Arbeite doch mal ein bisschen an deinem Zeitgefühl.

Und so lief Majran mit der Soundanlage auf dem Arm rückwärts zurück, ging rechts ab, sodass wir ihn nicht mehr sehen konnten. Erstaunlicherweise, hoben auch die beiden Frauen noch einmal den Vogel aus der Styroporbox, nur um ihn dann in Zeitlupe wieder hineinzulegen. Dann eilten sie noch zügiger hinaus.

Der Bibliothekar winkt mir jetzt seit geraumer Zeit zu. Erst dachte ich, er würde der Mathematikstudentin winken oder dem älteren Mann, der in die Bibliothek kommt, um für einige Stunden alle Tageszeitungen zu lesen – Es war schwer zu erkennen, weil er so ungenau in den Lesesaal hinauswinkte. Aber der Zeitunglesende war eben am Empfang, um sich zu beschweren. Kurz drehten sich die Köpfe, als er die Stille durchbrach indem er sagte: In jedem Bericht klafft ein Loch! Hören Sie auf die Zeitungen zu zerschneiden.
Als sich alle zurückdrehten, fiel mir auf, dass die Mathematikstudentin gar nicht in die Bibliothek gekommen war. Vielleicht hatte sie einen Beweis gefunden, vielleicht war sie krank oder ihr Hund war krank, vielleicht war sie
verliebt
müde
traurig
(…)
Ich würde es nie erfahren.

Ich erinnere mich an die Frau mit dem großen Schal, die immer ganz bedächtig in ihren Laptop tippte, des Öfteren ihre Hände desinfizierte und einen Schluck aus ihrer PET-Wasserflasche nahm, und eines Tages

Oh!

sagte und dann noch dreimal Oh,oh,oh, den Laptop zuklappte / ihre Sachen zusammenpackte. Fünf Tage später saß sie wieder an ihrem Platz, 0,33 PET, desinfizierte ihre Hände und tippte bedächtig.

Der Bibliothekar winkt noch immer.

Mein Sitznachbar legt das Gesicht in seine Hände.

(1) Gigantische Einsamkeit