MK:

Inga Andersson: Auf der Spur der Trauer

Kulturwissenschaftlerin Inga Andersson begibt sich auf die Spur der Trauer durch das vergangene Jahrhundert.

»Der Tod des Anderen«

Der größte Parkfriedhof der Welt, der Hamburger Friedhof Ohlsdorf, hat zu viel Platz. Zu viel Platz jedenfalls für Bestattungen: Wie viele andere Parkfriedhöfe des 19. Jahrhunderts wurde er großflächig angelegt, um die Kirchhöfe innerhalb der Städte zu ersetzen. Eröffnet im Jahr 1877, basiert der Friedhof Ohlsdorf auf Planzahlen und Berechnungen für Erdbestattungen in Einzelgräbern. Feuerbestattungen waren damals selten; das erste Krematorium im deutschsprachigen Raum entsteht erst ein Jahr später, 1878 in Gotha. Seitdem sind Feuerbestattungen in Deutschland stetig populärer geworden. Damit erweist sich die Hamburger kommunale Friedhofsplanung des 19. Jahrhunderts für das 21. Jahrhundert als überdimensioniert — ein Urnengrab ist kleiner als eines für Särge. Teile des Friedhofsareals in Ohlsdorf müssen deshalb heute anders genutzt werden. In Liegenschaften und auf den Flächen, die nicht mehr für den Bestattungsbetrieb benötigt werden, können Hamburger*innen und Besucher*innen nun Tagungen abhalten oder ruhigen Sportarten nachgehen, und eine Kapelle, die nicht mehr für Trauerfeiern, sondern als außerschulischer Lernort dient, wird nun von Schüler*innen belebt.

In den knapp hundertfünfzig Jahren seit Gründung des städtischen Friedhofs im Hamburger Nordosten wurde die Friedhofsplanung immer wieder neu ausgerichtet. Und von Anfang an wurde dabei sichtbar, wie sich Einstellungen zum Tod und Umgangsweisen mit Verlusten wandeln. Im 19. Jahrhundert, in dem der Friedhof Ohlsdorf entsteht, vollzog sich Philippe Ariès’ berühmter Geschichte des Todes zufolge in Europa eine mentalitätsgeschichtliche Revolution. Lange hatte sich die abendländische Einstellung zum Tod zwischen zwei Polen bewegt, hatten Menschen den Tod zunächst als kollektives und dann als eigenes Schicksal angenommen. Diese Pendelbewegung wird im 19. Jahrhundert von einer neuartigen Dynamik durchkreuzt. Die beiden vertrauten Orientierungspunkte treten zurück »hinter der [Dimension] des Anderen, aber nicht jedes beliebigen Anderen«, sondern des geliebten Wesens. Schauplatz dieser neuen Affektivität, die den Tod zuallererst als Trennung fürchtet, ist die Privatheit und Fürsorge der Kleinfamilie.

Um den Schmerz der Trennung zu lindern und sich ihrer Verstorbenen zu erinnern, errichten die Familien des Bürgertums auf den neuen, kommunalen Friedhöfen teils ausufernde Familiengrabstätten, deren sanfte und gefühlsbetonte Symbolik der Hoffnung Ausdruck verleiht, bald wieder miteinander vereint zu sein.

Diese Symbole und Formen der bürgerlichen Trauerkultur sind uns bis heute wohlbekannt. Und auch wenn die geschlechts- und statusspezifischen Trauerrituale des Bürgertums (wie das Tragen von Trauerkleidung durch Witwen) heute meistens als einengend empfunden und nur noch selten praktiziert werden, bleibt es dabei, dass die Familie die Heimstatt der Trauer ist und Friedhöfe um Familien und ihre Bedürfnisse organisiert sind. Aus dieser Perspektive zeigt der Blick nach Ohlsdorf, dass die im Bürgertum des 19. Jahrhunderts entstandenen kulturellen Rahmenbedingungen auch heute noch bestimmen, wo Trauer Raum gegeben werden kann und wie ihr Ausdruck verliehen wird. Gleichzeitig zeichnet sich ab, dass die Grenzen der Trauerkultur beständig neu gezogen werden: Die alternativen Nutzungsformen, die in Ohlsdorf erprobt werden, wären vielen vor nicht allzu langer Zeit pietätlos vorgekommen, und Feuerbestattungen waren Gegenstand heftiger Auseinandersetzungen, bevor sie ihre heutige Beliebtheit erreichten.

Unsagbare Trauer

Der Wandel der Trauerkultur im 20. Jahrhundert kann als ein Ringen um Sichtbarkeit und Sagbarkeit beschrieben werden. Dieses Ringen entsteht mit dem Ersten Weltkrieg, als ein massenhaftes Sterben von nicht gekanntem Ausmaß es zu einer immer dringlicheren Aufgabe macht, der Trauer Herr zu werden — einer Trauer, die mit den bestehenden psychologischen und gesellschaftlichen Mechanismen nicht bewältigt werden kann. Bereits 1915 stellt Sigmund Freud in seinem Essay »Zeitgemäßes über Krieg und Tod« fest, »daß der Krieg diese konventionelle Behandlung des Todes hinwegfegen muß«. Mit dem Krieg gerät das Gefüge bürgerlicher Sittlichkeit aus der Balance und emotionale Orientierungslosigkeit breitet sich aus. An einen schönen und ordentlichen Tod, wie ihn das Bürgertum erhofft, ist im Krieg nicht zu denken. Dass die tradierte Trauerkultur keine angemessenen Formen für das neue Ausmaß, das Tempo und die grausamen Umstände des Sterbens im 20. Jahrhundert kennt, machen sich die politischen Regime zunutze. In beiden Weltkriegen versuchen sie, die individuelle Trauer um gefallene Soldaten durch eine Rhetorik von Opfer- und Heldentum in eine Richtung zu lenken, nicht zuletzt, um sie »abzudämpfen und einzuhegen«.“

Jenseits solcher Rhetorik, die schalen Trost spendet, bleibt die grausame Wirklichkeit des Sterbens der Weltkriege unaussprechlich, auch über das Kriegsende hinaus. In angelsächsischen Gesellschaften beobachtet der Anthropologe Geoffrey Gorer, wie der Tod zu einem schambesetzten Tabu wird, das nicht benannt werden darf: Und für die Nachkriegsgesellschaft der Bundesrepublik Deutschland diagnostiziert das Psychoanalytikerpaar Margarete und Alexander Mitscherlich eine Unfähigkeit zu trauern« — womit übrigens in erster Linie Trauer um den Verlust des Führers gemeint ist, nicht um die Opfer der deutschen Verbrechen.

Ihre These, dass die Deutschen die eigenen Verluste nicht durchgearbeitet haben, sich damit nicht vom verlorenen Ideal eigener Größe trennen konnten und folglich emotional erstarrten, leiten die Mitscherlichs aus einer massenpsychologischen Anwendung der psychoanalytischen Trauertheorie ab. Diese hatte Freud erstmals in seinem bahnbrechenden Text »Trauer und Melancholie« formuliert. Die Argumentation der Abhandlung basiert auf einer zentralen und äußerst einflussreichen Unterscheidung: Freud grenzt eine normale Trauerarbeit, deren Ziel es ist, den Verlust zu überwinden und sich vom verlorenen Objekt zu lösen, von einer pathologischen, nicht enden wollenden Melancholie ab. Wenn ambivalente Gefühle gegenüber dem verlorenen Objekt unauflösbar miteinander in Konflikt stehen, muss die Psyche an diesem festhalten; das melancholische Ich wird gelähmt.

Neue Sichtbarkeiten der Trauer

Auch wenn klassisch-psychoanalytische Theorien und Begriffe im psychologischen Fachdiskurs zurzeit eher randständig sind, ist Freuds Unterscheidung zwischen normaler und pathologischer Trauer bis heute relevant. Erst im Herbst 2020 wurde nach jahrelanger Fachdiskussion entschieden, die »Prolonged Grief Disorder« als Diagnose in das Diagnostische und Statistische Manual psychischer Störungen aufzunehmen, das von der American Psychiatric Association herausgegeben wird und international einflussreich ist.

Es kann nur darüber spekuliert werden, ob Freuds »Trauer und Melancholie« ebenfalls im Zusammenhang mit der Suche nach einem neuartigen Verhältnis zum Tode angestoßen wurde, dessen Fehlen er kurz zuvor in »Zeitgemäßes über Krieg und Tod« konstatiert hatte. Sicher ist aber, dass er den Grundstein für eine Medikalisierung der Trauer legte, welche letzten Endes zu deren gesellschaftlicher Marginalisierung beitrug. Kulturhistorisch muss diese im Kontext einer umfassenden Medikalisierung des Todes betrachtet werden: Dass man den Umgang mit Trauernden gerne psychotherapeutischem Fachpersonal überlässt und in diesem Zusammenhang bisweilen auch auf eine pharmakologische Behandlung Trauernder setzt, passt dazu, dass immer mehr Menschen in Krankenhäusern unter intensiv- oder palliativmedizinischer Begleitung sterben, nicht zu Hause oder gar im Kreise ihrer Familie. Es ist bedenkenswert, dass Ariès im Zusammenhang mit der Medikalisierung den Begriff der »Ausbürgerung« des Todes nutzt – eine Wortwahl, die in vielerlei Hinsicht präziser ist als die bekannte Formel, dass unsere Gesellschaft den Tod verdrängt habe. Der Begriff »Ausbürgerung« macht deutlich, dass in der gesellschaftlichen Ausklammerung von Tod und Trauer eine Regierungstechnik am Werk ist, die Herrschaft auch und gerade jenseits der zivil-gesellschaftlichen Öffentlichkeit ausübt.

Freilich kann es keine kulturhistorische Bewegung dieser Größenordnung geben, die nicht widersprüchliche Effekte zeitigen würde. Oft manifestieren sich Bewegung und Gegenbewegung gar an ein und demselben Phänomen. So liegt es nahe, die Medikalisierung der Trauer als Spielart ihrer Ausbürgerung zu begreifen – doch genauso lassen sich medizinische Diagnosen als Teil einer neuen Sichtbarkeit der Trauer werten.® Für eine Verdrängung der Trauer durch deren psychiatrische Handhabung spricht, dass die Zeitspannen, die einem Trauernden in den Fachveröffentlichungen für seine »normale« Trauerarbeit zugestanden werden, immer kürzer wurden. Trauernde sollen ihren Schmerz nicht zu heftig äußern und möglichst schnell wieder funktionieren, weil die Gesellschaft nicht weiß, wie sie Trauernden begegnen könnte, und damit sie wieder für ihre sozialen und beruflichen Aufgaben einsatzbereit werden. Andererseits sind mit der Aufnahme neuer Trauer-Diagnosen gesellschaftliche Anerkennung und der Zugang zu Ressourcen für Hinterbliebene verbunden. Die neue Diagnose »Prolonged Grief Disorder« kann es Trauernden hoffentlich leichter machen, ihr Leiden zu vermitteln und ihre Bedürfnisse gegen einen gesellschaftlichen Leistungsdruck geltend zu machen. Das gilt besonders in einem Moment, in dem in der öffentlichen Debatte der Corona-Pandemie neue Vokabeln wie »Übersterblichkeit« oder Spitzfindigkeiten wie »an/mit Corona versterben« geläufig sind, mittels derer die Relevanz von Verlusten bestimmt werden soll.

Seit etwa dreißig Jahren treten Trauernde wieder selbstbewusster und selbst-bestimmter in Erscheinung, sei es unter Berufung auf die legitimierenden Wirkungen medizinischer Diagnosen oder jenseits davon. Sie beschreiten einen Weg, der in den 1970er Jahren von der Hospizbewegung und in den 1980er Jahren von Aids-Aktivist*innen bereitet wurde, weil diese sich nicht damit abfinden konnten und wollten, dass der Tod ignoriert und Trauer versteckt zu werden hatte. Gerade die Aids-Bewegung musste und konnte in Verlusterfahrungen, die nicht anerkannt wurden, Quellen politischer Kraft finden, schließlich wurde ihren Protagonist*innen im Privaten oft das Recht verweigert, von einem geliebten Menschen Abschied zu nehmen, und erst durch die Aktionen begann man, politische Konsequenzen aus der Gesundheitskrise zu ziehen. Dass Trauer heute von vielen nicht mehr als ein Gefühl empfunden wird, das man besser verstecken sollte, bedeutet allerdings auch, dass immer mehr Dienstleistungen und Produkte für Trauernde auf den Markt kommen, etwa Bücher, Reisen oder Beratungsangebote.

Nicht zuletzt entstehen neue Sichtbarkeiten der Trauer, wenn Künstler*innen die Komplexität von Verlusterfahrungen ästhetisch bearbeiten. Auch in der poststrukturalistischen Philosophie wird die Trauer ausgelotet. Und genauso, wie die Psychologie sich nach wie vor an der Unterscheidung zwischen gesunder und pathologischer Trauer abarbeitet, beziehen sich auch Autor*innen wie Jacques Derrida und Judith Butler auf die Psychoanalyse Freuds. Im Vergleich zum psychotherapeutischen Fachdiskurs findet bei Butler und Derrida allerdings ein Vorzeichenwechsel statt: Leitbild ihrer Vorstellung guter Trauer ist nicht die das verlorene Objekt überwindende, gesunde Trauerarbeit, sondern eine Melancholie, die dem verlorenen Objekt die Treue hält und dessen Betrauerbarkeit zum Ausgangspunkt einer Ethik im Zeichen des Anderen macht.

Spurensuchen im 21. Jahrhundert

Trauern kann als Auseinandersetzung mit Spuren verstanden werden: Spuren, die die Verstorbenen willentlich oder unwillentlich hinterlassen. Spuren, die Trauernde zu lesen und denen sie zu folgen versuchen. Spuren, die Überlebende legen, um die Erinnerung an Verluste wachzuhalten. Wohin führt die Spur der Trauer im 21. Jahrhundert?

Kehren wir zum Abschluss noch einmal nach Hamburg zurück: 10 Kilometer vom Friedhof Ohlsdorf entfernt liegt der Evangelische Friedhof Rahlstedt. Mit seinen 10,5 Hektar Fläche ist er viel kleiner als sein Ohlsdorfer Konterpart (389 Hektar), sodass die Frage der Raumnutzung hier weniger drängt. Doch auch in Hamburg-Rahlstedt muss sich die Friedhofsleitung damit auseinandersetzen, wie der Wandel von Bestattungs- und Trauerkultur die Friedhöfe verändert und wie man sich von der Konkurrenz abheben kann. Matthias Habel, der den Rahlstedter Friedhof seit fast zwei Jahrzehnten leitet, hat eine besonders originelle Antwort gefunden: Dieser Friedhof ist der erste klimaneutrale Friedhof Deutschlands. In einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur erläutert Habel dabei überraschenderweise, dass aus Perspektive der Klimaneutralität der Erdbestattung der Vorzug gegenüber der Feuerbestattung zu geben sei.

Der klimaneutrale Friedhof Rahlstedt steht exemplarisch für eine aktuelle Entwicklung, die die Trauerkultur und die Trauer-Affektivität in Zukunft beeinflussen könnte: Der Wunsch, möglichst wenig Spuren zu hinterlassen, wächst. Statt durch ihr Leben und Wirken der Zukunft ihren Stempel aufzudrücken, streben immer mehr Menschen danach, dass ihr ökologischer Fußabdruck sich der Welt nicht zu tief einprägen möge. Während digitale Pionier*innen noch vor wenigen Jahren virtuelle Erinnerungsräume gestalteten oder wie das Schweizer Künstlerkollektiv etoy im Rahmen seiner »MISSION ETERNITY«“ digitale Spuren für deren ewiges Leben konservierten, treibt heute viele die Frage um, wie man verhindern kann, dass sich Spuren im Internet nach dem Tod verselbstständigen und ihren Spuk treiben. Das auf dem Buch einer schwedischen Autorin basierende Death-Cleaning-Konzept verfolgt den Ansatz, schon vor dem Tod zu entrümpeln, um die Hinterbliebenen nicht mit ungewolltem Ballast zu belasten.

Was bedeutet diese Tendenz, seine Spuren über den Tod hinaus kontrollieren oder gar verwischen zu wollen, für unseren individuellen und gesellschaftlichen Umgang mit Verlust und Trauer? Mit einer trauernden Erinnerung, die am verlorenen Objekt festhält – in der Hoffnung auf Wiedervereinigung, wie in der bürgerlichen Trauerkultur des 19. Jahrhunderts, oder durch Affirmation von Betrauerbarkeit, die sich Ende des 20. Jahrhunderts als Politik der Trauer artikuliert – lässt sie sich jedenfalls nicht umstandslos in Einklang bringen. Vielleicht sind ausgerechnet verwischte Spuren das erste Zeichen für den nächsten Wandel der Trauerkultur.

Erschienen in Birgit Kölle (Hg.): Trauern. Von persönlichem Verlust und politscher Veränderung. Verlag Klaus Wagenbach Berlin, 2022.