MK:

Lion Christ über seinen Roman „Sauhund“

Was hat dir den Anstoß gegeben, eine Geschichte über München in dieser Zeit zu schreiben?

Ich bin auf dem Land im konservativen Oberbayern aufgewachsen, zwar mehrere Jahrzehnte nach der Aids-Krise, jedoch waren die Vorurteile gegenüber Homosexuellen auch in meiner Jugend noch geprägt von den Nachwehen der 80er-Jahre. Ich wollte wissen, wo schmerzvolle Sätze wie „Du stirbst ja eh an Aids“ ihren Ursprung haben und begann zu recherchieren. Außerdem wuchs ich geprägt von populären Fernsehserien wie Monaco Franze oder Kir Royal auf, die mein Bild vom Bayern und München der 80er bestimmt hatten. Während meiner Recherche wurde mir bewusst, dass diese Zeit für queere Menschen eine ganz andere, oft traumatische Färbung hatte. Vor allem in Bayern mit seiner besonders restriktiven Aids-Politik. Immer mehr formierte sich der Wunsch in mir, den berührenden Fragmenten, auf die ich stieß, eine Form zu geben. Ich wollte einen schwulen Stenz erschaffen, als meine Antwort auf Baby Schimmerlos und Franz Münchinger. Meine Geschichte sollte nicht nur die leidvollen Aspekte zeigen, sondern auch dem pulsierenden, schillernden, queeren München von damals ein Denkmal setzen.

Welche Begegnungen oder Funde aus deiner Recherche sind dir besonders in Erinnerung geblieben?

Das Fundament meiner Recherche war, auch wenn das vielleicht erstmal spröde klingt, Archivarbeit. Im Forum Queeres Archiv München konnte ich freundlicherweise persönliche Zeitzeugenberichte sichten, politische Dokumente, journalistische und queer-politische Texte (Südwind, Kellerjournal), aber auch schwule Lifestyle-Magazine der damaligen Zeit. (München von Hinten, ADAM – ein tolles Heft voller Kontaktanzeigen, die die Zwischentexte in meinem Roman inspiriert haben.) Wichtig war mir ebenso, die queere Literatur von damals zu kennen, von beispielsweise Mario Wirz über Ronald M. Schernikau bis hin zum schwulen Münchner Geheimtipp und leidenschaftlichen Grantler Gustl Angstmann. Außerdem führte ich ein Interview mit Peter Ambacher auf der Dachterrasse der Deutschen Eiche, der noch immer als Travestiekünstler unter dem Namen Miss Piggy in der Münchner Szene aktiv ist und mir netterweise einen persönlichen Einblick in die Zeit damals gab. Aus all diesen Bruchstücken suchte ich mir die Teile heraus, die ich am stimmigsten für die Geschichte meines wilden, getriebenen, oft innerlich zerrissenen Protagonisten Flori hielt.

Gibt es etwas aus dem München der 80er, das du heute in der Stadt noch findest?

Ja – es gibt da zum Beispiel die Holzklappe am Holzplatz/Ecke Pestalozzistrasse. Sie wurde im Jahr 1900 auf dem Karlsplatz als typische öffentliche Bedürfnisanstalt errichtet und später auf den Holzplatz versetzt. Der achteckige Pavillon ist denkmalgeschützt und eng verbunden mit der Geschichte der Homosexualität in München. Sogenannte Klappen waren seit dem frühen 20. Jahrhundert Treffpunkte für schwule Männer zur Anbahnung sexueller Kontakte. Das Leben im Abseits der Gesellschaft befeuerte diese Szenekultur, weil z.B. auch verheiratete oder ungeoutete Männer so Orte hatten, um im Verborgenen ihre Sexualität auszuleben – in der Mittagspause, nach der Arbeit. Ebenso war das auch in den 80ern noch verbreitet. Heute ist die Holzklappe nicht mehr in Betrieb, sondern ein Gedenkort für drei namhafte Gäste der Isarvorstadt: Albert Einstein, Rainer Werner Fassbinder und Freddie Mercury.

Für ein wenig 70er- bzw. 80er-Flair kann man sich aber auch ins Paradiso in der Rumfordstraße begeben. Früher war dieser Ort ein beliebter und namhafter Club der Münchner queeren Szene namens Old. Mrs Henderson (in der Szene einfach nur Henderson). Hier feierten David Bowie, Mick Jagger, Barbara Valentin oder Freddie Mercury Seite an Seite mit den Münchner Schwulen und Queers. Freddie Mercury drehte hier 1985 an seinem 39. Geburtstag sogar das Video zu seinem mittlerweile weltbekannten Song Living on My Own. Seit 2008 hat der Ort einen neuen Eigentürmer und das Klientel hat sich verändert. Ein Besuch lohnt sich aber noch immer, da die Einrichtung und der opulent-kitschige Charme vom Team der Paradiso Tanzbar weitestgehend erhalten wurde.

Welche Bedeutung hat der Roman für dich bezüglich der derzeitigen politischen Entwicklungen?

Wenn man die CSDs der 1980er in München mit jenen der vergangenen Jahre vergleicht, dann zeigt sich: Damals waren es kleinere, bescheidene, aber vielleicht auch politischere Umzüge mit wenigen hundert Menschen, meist unauffällig in schlichter Alltagskleidung, aber mit Bannern oder Plakaten voller überlebenswichtiger Forderungen. Heutzutage sind wir auf den ersten Blick mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Es feiern viele Münchner beim Umzug mit. Der CSD ist eine Art buntes Stadtfest geworden – glitzernder, rauschhafter als damals – bei all der Größe und Ausgelassenheit jedoch vielleicht auch unpolitischer. Ich würde sagen, dass es gerade jetzt dennoch geboten ist, wieder wachsam zu werden und sich an Zeiten wie die Aids-Krise zu erinnern. Keine der Errungenschaften der letzten Jahrzehnte, für die unsere Vorkämpfer mutige, oft sehr schmerzvolle Opfer gebracht haben, ist selbstverständlich. Der neurechte Backlash ist auch ein homophober und queer-feindlicher. Er erfasst immer größere Teile der Gesellschaft und historisch altbekannte, homophobe Narrative zur Stigmatisierung der Szene werden wieder salonfähig. Etwa das Ressentiment, die bloße Sichtbarkeit unserer Lebensweise sei eine Gefahr für Kinder. Auch Transphobie erlebt gerade eine besonders heftige, traurige Renaissance. Obwohl wir auf den ersten Blick also mehr in der Mitte der Gesellschaft angekommen zu sein scheinen, bleibt vielen von uns trotzdem bewusst, dass politische Organisation in diesen Zeiten wieder zunehmend wichtig wird und ebenso eine lebendige Erinnerungskultur. Vielleicht kann mein Roman Sauhund dazu ja einen kleinen Beitrag leisten.