Digitales Programmheft „Sauhund“
Suche liebevollen Freund, erschienen in der Zeitschrift ADAM 1983, mit dieser Anzeige beginnt der Roman „Sauhund“ von Lion Christ. Es ist der Beginn einer langen Suche des Protagonisten Flori, die vor allem eine Suche nach sich selbst sein wird.
Flori wächst in Wolfratshausen auf, das Eiscafé Roma und das Loisach-Kaufhaus sind seine alltägliche Welt. Die Mam, die Frau Eichinger, die Freundin Theresa aus der Berufsschule: Diese Frauen in Floris Leben stehen ihm auf unterschiedliche Weise nahe, wenn auch teils kompliziert. Auf eine gewisse Art kennen sie ihn und können seine Sehnsüchte erahnen. Aus der Enge auf dem Land macht sich Flori schon bald auf in die in den 80er Jahren pulsierende Metropole München. Er macht erste sexuelle Erfahrungen, verliebt sich, entdeckt seine Faszination für Frauenkleider, nistet sich bei seiner Freundin Theresa ein. Die Männerfiguren muss Flori finden: Gregor, Kenny, namenlose Männer, Miguel, Jakob. Alte Feinde, erster Sex, große Liebe und Freundschaft. Flori geht immer weitere Schritte auf einem schmerzhaften und doch befreienden Weg in ein offen schwules Leben. Was ist eigentlich ein „Sauhund“? So etwas wie ein Schuft, meint aber auch Schlitzohr. Während Flori nach Nähe sucht und durchaus auch auf Abwege gerät, bringt er den notwendigen Mut auf, um sich im Bayern der 80er Jahre zurecht zu finden.
Bayern, 80er Jahre
Vor dem Hintergrund der Anfänge der HIV-Pandemie heizt sich die Stigmatisierung homosexueller Menschen auf. 1982 werden die ersten Fälle in Deutschland registriert, bis zu diesem Jahr wurde AIDS oft noch als „Gay Cancer“ („Schwulenkrebs“) bezeichnet. 1982 bekommt die Krankheit den Namen AIDS – Acquired Immune Deficiency Syndrome. Zu Beginn ist wenig über die Krankheit bekannt, und sie wird lange vor allem mit homosexuellen Menschen in Verbindung gebracht. Eine prägende Figur in Bayern war damals Peter Gauweiler: Mit ihm wurde Bayern zu dem Bundesland, das auf Ausgrenzung statt Aufklärung setzte. Gauweiler führt Zwangstests ein, vergleicht AIDS mit der Pest, schickt Polizei-Razzien durch die Stadt. Im Spiegel wurde ein aufstrebender CSU-Abgeordneter namens Horst Seehofer zitiert, der Aidskranke „in speziellen Heimen“ sammeln, gar „konzentrieren“ wollte. Die Zerschlagung der schwulen Infrastruktur in München wird in großen Teilen umgesetzt – viele, die von den Maßnahmen betroffen sind, verlassen im Laufe der 80er Jahre die Stadt (beispielsweise Richtung Berlin).
„Living on My Own“
In den 80er Jahren war München eine verheißungsvolle Metropole. Ende der 60er Jahre machte hier bereits Deutschlands erste Großraumdisko auf, das „Blow Up“, in dem Stars wie Jimi Hendrix auftraten. Während in den 70ern in Schwabing die „Schickeria“ feierte, entwickelte sich bis in die 80er Jahre vor allem im Glockenbachviertel eine blühende queere Szene. In diese brach die HIV-Pandemie jäh ein. Weltstars kamen nach München, um ihre Musik aufzunehmen, so auch Freddie Mercury, der sechs Jahre in München blieb. Bars und Diskos wie „Die deutsche Eiche“, das „Frisco“, das „Old Mrs. Henderson“ waren vor dem Hintergrund der Stigmatisierung homosexuellen Lebens eine Infrastruktur von besonderer Bedeutung: Orte, um miteinander zu sein, zu feiern, sich Rat zu geben. Orte, die helfen konnten, einen Platz im eigenen Leben zu finden. Von diesen Orten sind nicht mehr viele übrig – die Maßnahmen von Gauweiler taten ihr Übriges, und wie in vielen Städten sind in München Szene-Räume der Gentrifizierung und der Kommerzialisierung gewichen.
Lion Christs Debüt-Roman ist ein humorvolles und emotionales Plädoyer für Solidarität in der queeren Szene und für Freundschaft zwischen den Generationen. Regisseur Florian Fischer, der sich in Inszenierungen am Schauspielhaus Bochum oder am NTGent immer wieder mit queeren Geschichten beschäftigte, begibt sich auf die Suche nach Bildern von Orten und Menschen, die vor einigen Jahrzehnten München geprägt haben. Aus heutiger Perspektive scheint das Feiern in queeren Clubs einigermaßen selbstverständlich. Viele Freiheiten wurden von unzähligen Menschen in ihrem alltäglichen Leben erarbeitet, denen wir in Bildern, Texten, Archiven, Interviews begegnen können. Die Gleichstellung queeren Lebens wird derzeit von rechts immer schärfer angegriffen – für das künstlerische Team ist die Auseinandersetzung mit einer Zeit, die bis heute fort wirkt, vor diesem Hintergrund umso wichtiger.
– Hannah Baumann
„Ich wollte einen schwulen Stenz erschaffen, als meine Antwort auf Baby Schimmerlos und Franz Münchinger.“
„Die Eintrittskarten, offiziell nur an Stammgäste verkauft, sind inzwischen heiß begehrtes Schwarzhandelsobjekt zwischen San Francisco und Torrelimos.“