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Das Land Metaxy

Von Olga Tokarczuk

Mein Vater erzählte mir, wie er als junger Mann, in den 50er Jahren, Verwandte auf dem Dorf besucht hatte. Am Abend saß er auf der Bank vor dem Haus und unterhielt sich mit dem Vater seiner Verlobten. Alle waren damals vom Sputnik fasziniert, dem ersten künstlichen Satelliten, den man in die Erdumlaufbahn geschossen hatte und der allerorts die Gemüter elektrisierte, die Phantasie befeuerte. Voller Begeisterung erzählte mein Vater davon, erging sich leidenschaftlich über die Größe des Kosmos und den ersten Schritt, den der Mensch in diesen Raum getan hatte, als er einen harschen Dämpfer erhielt: „Schon dagewesen? Selber gesehen?“

Von da an wurde uns dieser bis an die Schmerzgrenze rationale Einwurf zur familieneigenen Redewendung, nicht nur als Ausdruck der Skepsis, sondern auch zur Abwehr jeglichen romantischen Überschwangs, jeglicher schöngeistiger Träumerei. Wir verwendeten sie ironisch, im festen Glauben, dass wir das richtige Maß zu wahren wüssten. Mein Urgroßvater, ein noch im 19. Jahrhundert geborener, talentierter Handwerker, dessen verschwommenes Erinnerungsbild ich in einem meiner frühen Romane aufleben lassen wollte, in der Figur eines in sich gekehrten Zimmermanns, der alleine den riesigen Dachstuhl eines Schlosses errichtet, war ein natürlicher Pragmatiker, dessen instinktiver Realismus so mancher Theorie der Anthropologen widersprochen hätte, wonach ein einfacher Mensch in einer Welt der Mythen und der Magie, bzw. der Volksfrömmigkeit lebe. Und folglich allerlei Verlockungen durch Phantasmen erliegen müsse. Die Vernunft ist keine englische Erfindung des 18. Jahrhunderts, sie stellt das Fundament eines natürlichen und instinkthaften Weltverständnisses dar – das Überleben hängt von der Auffassungsgabe ab, von der raschen Erfassung dessen, was in der Umgebung vor sich geht, mithin davon, wie fest jemand auf dem Boden der Tatsachen steht. Indes wurde die Tendenz einer das Denken begrenzenden Wörtlichkeit zur ernsthaften Krankheit unserer Zeit.

Ihr erstes Symptom ist die Unfähigkeit, Metaphern zu verstehen, gefolgt von einem Verlust des Sinns für Humor. Dem gesellt sich eine Neigung zu harschen, voreiligen Urteilen hinzu, eine Intoleranz gegenüber Uneindeutigem, ein Verlust der Sensibilität für Ironie, und alles zusammen führt schließlich zu einer Rückkehr des Dogmatismus und Fundamentalismus. Die Wörtlichkeit versteht weder die Literatur noch die Kunst, und stets ist sie bereit, die Künstler vor Gericht zu zerren, weil sie angeblich hier Gefühle verletzen, dort eine Ehre oder Würde. In seiner beschränkten Sichtweise gerät der Buchstabengläubige in einen emotionalen Strudel, er ist außerstande, seine Erfahrungen in
einen breiteren und tieferen Kontext einzuordnen.

Die Wörtlichkeit kompromittiert die Religion, weil diese Geisteshaltung die offenbarten Inhalte nur eindimensional betrachtet und nicht versteht, dass sie kontextuell gesehen werden müssen, und dass vor allem auch sie selbst – die Wörtlichkeit – ein Kind ihrer jeweiligen Zeit und Kultur ist. Die Wörtlichkeit zerstört das Gespür für das Schöne und Sinnhafte, weshalb sie auch keine tiefgründige Vision der Welt hervorbringen kann. Ihre größten Sünden sind die Intoleranz und ihr Drang, alles, was von einer irgendwann und irgendwo gesetzten Norm abweicht, als moralisch falsch und verwerflich zu brandmarken, ja, als strafbar anzusehen. Damit verschließt die Wörtlichkeit die Horizonte. Sie verschließt den menschlichen Geist.

Textnachweis

Der Beitrag von Olga Tokarczuk erscheint hier erstmals auf Deutsch in der Übersetzung von Lothar Quinkenstein. Der ganze Text erscheint im Frühjahr 2022 in einem Band mit gesammelten Essays von Olga Tokarczuk im Kampa Verlag.

Copyright © 2021 by Kampa Verlag AG, Zürich. Wir danken herzlich für die Abdruckgenehmigung

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