MK:

Ein Wohnzimmer

von Boris Gavrilović

Obwohl ich nie alleine wohnen wollte, bin ich seit einem Jahr Mieter einer kleinen 20m² Wohnung. Davor wurde meine WG aufgelöst, wegen Eigenbedarf, und meine winzige Einzimmerwohnung war die einzige Option in München, die ich mir leisten konnte.

Ich bin ein Migrantenkind, habe mit meinen Eltern die ersten 2 ½ Jahre nach dem Umzug nach Deutschland in einer 32m² Wohnung gelebt und hatte auch danach in meinen Wohnräumen nie genug Platz, um Gruppen einzuladen. Ich war immer Gast, aber nie Gastgeber. Erst in meiner vorherigen WG, wo wir ein Wohnzimmer hatten, konnte ich Partys schmeißen und Treffen organisieren – endlich konnte ich auch mal Gastgeber sein und Gemeinschaften entstehen lassen. In meiner neuen Wohnung ist das wieder nicht möglich: Sie ist viel zu klein, um ein Begegnungsort zu sein.

Ich habe versucht, andere Orte zu finden – in der Natur, in Bars oder Cafés – doch auf Dauer ist das zu teuer. Gleichzeitig sind diese Orte nicht wirklich „meine“ Orte, denn ich bin trotzdem noch Gast. Seit dem Umzug fühlt sich auch mein Freundeskreis, der noch nie eng war, noch zerstreuter an als zuvor: Als hätte der Verlust des Wohnzimmers, dieses Begegnungsortes, der für „meine Gemeinschaft“ stand, für meine Freund*innen und mich, das Gefühl dieser Gemeinschaft verschwinden lassen.

Jetzt verstehe ich: Wer Räume hat, die er beliebig füllen und benutzen kann, hat auch die Möglichkeit, Gemeinschaften zu gründen und zu gestalten. Wer keine hat, bleibt für immer Gast.