Zwischen Puppenheim und Plattenbau: Nora trifft Monique

Auf den ersten Blick haben die beiden Stücke nur wenig gemeinsam. Es geht um Frauen, um Mütter in heterosexuellen Paarbeziehungen, die beide auf ihre jeweilige Weise um Selbstbestimmung kämpfen. Die Rahmenbedingungen beider Protagonistinnen unterscheiden sich jedoch stark. Henrik Ibsens „Nora“ (1879) (gespielt von Katharina Bach) lebt mit ihrem Mann Torvald Helmer (Edmund Telgenkämper) und den drei Kindern Ivar, Bob und Emmy vergleichsweise komfortabel in einem Haus, das mit seiner wuchtigen Größe das ganze Bühnenbild ausmacht. Unterstützt wird sie von Kindermädchen, Haushaltshilfe und weiteren Bediensteten, die auf der Bühne meist unsichtbar bleiben und nur im ergänzten Prolog zu Wort kommen. Dieses gutbürgerliche Familienideal des späten 19. Jahrhunderts wird jedoch durch einen Umstand getrübt: Denn Noras gut gehütetes Geheimnis droht ausgerechnet in der Weihnachtszeit aufzufliegen. Um ihrem Burn-Out geplagten Mann Torvald eine Auszeit in Italien finanzieren zu können, hatte Nora vor Jahren die Unterschrift ihres Vaters gefälscht, um das nötige Geld zu leihen. Als sie vom Gläubiger Krogstadt (Thomas Schmauser) erpresst wird, droht der familiäre Status quo zu zerbrechen. Als Torvald nämlich von ihrer ‚Schuld‘ erfährt, unterstützt er sie nicht, sondern bevormundet und belehrt sie. Hier wird Nora klar, wie ungleich die Machtverhältnisse in ihrer Ehe wirklich sind. Sie lässt ihr bisheriges Leben mit Mann, Kindern und Haus zurück, um als eigenständige Person neu anzufangen.

Rund 140 Jahre später erscheint Édouard Louis‘ Text „Die Freiheit einer Frau“ (2021), eine autobiographische Erzählung über sich und seine Mutter Monique (in wechselnden Rollen gespielt von Katharina Bach, Edmund Telgenkämper und Thomas Schmauser). Im Gegensatz zu Nora findet Moniques Leben nicht im Komfort eines bürgerlichen Haushalt statt, sondern in einer strukturell benachteiligten und ärmlichen Umgebung. Körperliche Arbeit, Abhängigkeit und Gewalt gehören zu ihrem Alltag. Dieser Kontrast zeigt sich auch im Bühnenbild: Während Noras großes Haus den gesamten Bühnenraum dominiert, spielt sich Moniques Leben auf der schmalen Vorderbühne ab; zertrümmerte Flaschen liefern das Sinnbild der alltäglichen Gewalt, unter der Monique leidet. Moniques Geschichte ist geprägt von Armut, Enttäuschungen und resigniertem Schulterzucken, wenn das Leben ihr wieder mal übel mitspielt. Die schmerzhafte Tragik von Moniques Geschichte offenbart sich jedoch nicht primär im finanziellen Mangel, sondern vor allem in der Distanz, die zwischen Mutter und Sohn mit Edouard Louis‘ sozialem Aufstieg (‚Klassenflüchtling aus Rache‘) wächst. Die gegenseitige Abwertung weicht im Laufe der Erzählung einer wachsenden Selbstreflexion beider Figuren, die schließlich in ehrlicher gegenseitiger Wertschätzung mündet.

Im direkten Vergleich der beiden Stücke werden die sozialen Unterschiede zwischen den Figuren fast schmerzhaft deutlich: Wo Nora in Komfort lebt, lebt Monique in Entbehrung; und wo Nora mit teuren Geschenken von ihrem Ehemann bedacht wird, trägt Monique den roten Mantel ihres gewalttätigen Partners auf, da sie sich keinen neuen leisten kann. In der Inszenierung von „Nora“ wird die Klassenfrage vor allem im grandiosen, von Sivan Ben Yishai hinzugefügten, Prolog sichtbar, in welchem die oft vernachlässigten Ein-Zeilen-Charaktere zu Wort kommen: Die Haushaltshilfe Helene, ein namenloser Stadtbote und das Kindermädchen Annemarie, die gemeinsam mit Noras verarmter Freundin Christine Linde die privilegierte Situation der Familie Helmer kritisieren. Die Angst vor sozialem Abstieg, die Abgrenzung ‚nach unten‘, und die Suche nach einem Leben in finanzieller Sicherheit und gesellschaftlichem Status zieht sich durch beide Geschichten: für Nora durch die neue und finanziell lukrativere Stelle ihres Ehemanns, die ihre Geldsorgen beenden soll, und für Monique durch eine Annäherung an vermeintlich ‚vornehmere‘ Personen und die Imitation von deren Verhalten. Der Wechsel von Katharina Bachs oft wütender und explosiver Monique zu Thomas Schmausers nachdenklicher, fast schon sanfter Interpretation der Mutter, stellt den Wandel für die Zuschauenden greifbar dar.

Trotz aller Unterschiede in Zeit, Milieu und Stil eint beide Figuren darüber hinaus ein strukturelles Problem – das Leben in Beziehungen, die nicht auf Augenhöhe stattfinden, weil Macht, Geld und Geschlecht ungleich verteilt sind. Die Frauen verbindet der Kampf um Freiheit, um Eigenständigkeit und Selbstbestimmung in Gesellschaften, in denen weibliche Abhängigkeit prinzipiell als ‚normal‘ gilt. Sie verbindet ein Leben in Beziehungen, in denen wegen und durch Geld Kontrolle und Gewalt ausgeübt werden. Während sich diese Gewalt in Moniques Geschichte durch knallend zerbrechende Flaschen und gebrüllte Streitgefechte sehr greifbar präsentiert, zeigt sie sich bei Nora oftmals subtiler, dabei jedoch nicht weniger gefährlich. Torvalds Sprache ist besitzergreifend, seine ‚Lerche‘ darf sich nicht außerhalb seiner Normen bewegen, und vermeintliche Fehltritte werden kritisch kommentiert und durch skeptische Blicke herabgewürdigt. Ein Abweichen von Torvalds Lebensentwurf droht sanktioniert zu werden – durch sprachliche Demütigungen, aber auch durch körperlich-sexuelle Übergriffe, die die subtile Gewalt plötzlich sehr offensichtlich erscheinen lassen.

Beiden Frauen wird von ihren Partnern darüber hinaus kaum eigene Handlungsmacht zugetraut, was sich besonders im Moment der Trennung zeigt: „Was bist du denn ohne mich?“, brüllt Moniques Ehemann, während Nora sich anhören muss, sie sei unfähig, die Welt zu begreifen, ja nicht einmal ein vollständiger Mensch. Auch als Mütter erfahren beide Protagonistinnen Abwertung, nicht zuletzt durch die Kinder selbst: Edouard Louis‘ vor allem zu Beginn oftmals schmerzhaft abwertende Erzählung über seine Mutter Monique spiegelt sich in der von Ivna Žic verfassten Ergänzung ‚Noras Kinder‘, in welcher Ivar, Bob und Emmy als Erwachsene das Verhalten ihrer Mutter Nora reflektieren und kritisieren.

In den Stücken „Nora“ und „Die Freiheit einer Frau“ geht es also um zwei Frauen, die sich aus ungleichen Beziehungen lösen – es geht aber auch um die Verflechtung und die Intersektion von Geschlecht und sozialer Herkunft, und um die komplexen Bedingungen weiblicher Selbstbestimmung. Die Wandlung der beiden Protagonistinnen erfolgt auf unterschiedliche Weise: Wo Nora mit einem Schlag die ungleichen Bedingungen ihrer Beziehung begreift und die Bühne daraufhin selbstbestimmt verlässt, ist Moniques Weg verschlungener und vorsichtiger, ihre Hürden im Kampf gegen Geschlechterrolle und Klassenschranken zahlreicher. Wo Nora am Ende laut wird (und sich sogar beim Publikum dafür entschuldigt), wird Monique im Laufe der Erzählung leiser, nachdenklicher. Die beiden Inszenierungen machen deutlich, dass Unterdrückung nicht eindimensional ist, sondern an vielen Fronten gleichzeitig wirkt. Geschlecht ist nicht gleich Geschlecht, und Macht ist nicht gleich Macht, sondern manifestiert sich in unterschiedlichen Rahmenbedingungen und Beziehungen auf unterschiedliche Weise.

Das Ergebnis ist nicht gleich, aber vergleichbar: Monique und Nora kämpfen sich ihre eigene Handlungsmacht zurück und verlassen die Verhältnisse, die sie einschränken. Der stumme Dialog über die Nuancen von Macht, Milieu und Liebe, der sich zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Stücken und Personen abspielt, gibt dem Abend Reibung und Tiefe – und vor allem eine anhaltende Relevanz.

Mina Mittertrainer

Mina Mittertrainer ist promovierte Soziologin und interessiert sich für Fragen rund um Demokratie, Teilhabe und Geschlecht. Im Theater ist sie begeisterte Zuschauerin und sucht nach Stücken die politisch sind, die irritieren und hängen bleiben. Die Mischung aus Alltagsnähe und Übertreibung und die Möglichkeit, sich immer wieder neu in Stücken zu verlieren, befeuern die Theaterliebe auch über den Blog hinaus.

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