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Nachruf auf Herbert Achternbusch

„Ich werde auf jeden Fall glücklich sein.“ Was für ein Satz von Herbert Achternbusch, denn das Glück war nicht seine Heimstatt. Nicht das Glück und vor allem nicht das Glücklichsein. Dass ihn das Leben malträtiert hat, stand in seinem Gesicht wie in Holz geschnitzt. Hinter den harten Linien und Kanten wirkte und wütete sein scharfer Verstand, getrieben von einem bayrisch-aufsässigen Geist, der den Furor in Kunst verwandelte. Wieder und wieder in dutzenden von Stücken und Filmen und Schriften und Bildern biss er zu, zuweilen zart und voller Poesie – er liebte die Kastanienblüte im Hofgarten. Denen, die in der Nähe mit ihm arbeiten und streiten durften, wie hier an den Kammerspielen, konnte er nicht verhehlen, dass da ein hochempfindsamer Mensch manchmal um sein Überleben filmte, malte, schrieb und inszenierte.  

Nun ist er im Alter von 83 Jahren einfach gegangen. Leise, fast unbemerkt, das ist gar nicht seine Art. Alle die dabei waren, erinnern sich an die wuchtigen Achternbusch-Cocktails aus Provokation und Magie, wie etwa 1997 vor dem Münchner Rathaus beim Filmdreh „Neue Freiheit - keine Jobs - Schönes München: Stillstand“. Und es waren viele dabei, vom damaligen Intendanten Dieter Dorn über die früheren Kammerspiele-Stars Josef Bierbichler, Rolf Boysen und Anika Pages bis zu den heute Bühnen- und Film-berühmten Schauspielern Jens Harzer und Axel Milberg, als der Obdachlose Hick (Achternbusch) die gefährliche Wahrheit verkündete, dass mancher lieber tot wäre, als Bundeskanzler Helmut Kohl noch länger zu ertragen. Das Ensemble in Polizeiuniformen übernahm symbolisch die Macht, die Kunst vertrieb den Kanzler, wenige Monate, bevor er zurücktrat. 

Fantasie und Anarchie vereinte Achternbusch wie kein anderer, wo er berserkerte, war die Liebe nicht weit. „Liebe ist alles auf einmal“, ist so ein Satz von ihm, der gut auf seinen eigenen Leib geschneidert sein könnte. Er war immer alles auf einmal. 

Der Satz vom Glücklichsein ist erst ein wahrer Achternbusch mit seinem zweiten Teil: „Und nicht mehr unglücklich zu sein, erfüllt alle meine Erwartungen an das Jenseits.“ Der Autor lässt das den Schreiber in seinem Stück „Meine Grabinschrift“ sagen, das er für Rolf Boysen (Amenhotep) und Jens Harzer (Seth) schrieb und 1996 an den Kammerspielen inszenierte. „Das Weltall ist ein kleiner schwarzer Klumpen“, sagt Amenhotep, „aber darum ist alles licht.“ In die Richtung hat der Mann mit dem schwarzen Hut sich jetzt geschlichen. Ich werde ihn vermissen.

Laura Olivi

(Von 1987 bis 2000 Dramaturgin an den Kammerspielen)

Inszenierungen von Herbert Achternbusch an den Münchner Kammerspielen

Linz
Uraufführung
13. Februar 1987 | Münchner Kammerspiele
Regie: Herbert Achternbusch

Der Frosch
1988 | Münchner Kammerspiele
Regie: Sigrid Herzog

Auf verlorenem Posten
Uraufführung
5. April 1990 | Münchner Kammerspiele
Regie: Herbert Achternbusch

Susn
Premiere
14. November 1980 | Münchner Kammerspiele
Regie: Herbert Achternbusch

Mein Herbert
Premiere
25. April 1985 | Münchner Kammerspiele
Regie: George Tabori

Weg
Uraufführung
21. November 1985 | Münchner Kammerspiele
Regie: Herbert Achternbusch

Der Stiefel und sein Socken
Uraufführung
23. Dezember 1993 | Münchner Kammerspiele
Regie: Herbert Achternbusch

Letzter Gast
Uraufführung
28. Januar 1996 | Münchner Kammerspiele
Regie: Alexander Lang

Meine Grabinschrift
Uraufführung
28. November 1996 | Münchner Kammerspiele
Regie: Herbert Achternbusch

Dulce est
Uraufführung
22. November 1998 | Münchner Kammerspiele
Regie: Peter Wittenberg

Daphne von Andechs
Uraufführung
24. Oktober 2001 | Münchner Kammerspiele
Regie: Herbert Achternbusch

Susn
Premiere
24. April 2009 | Münchner Kammerspiele
Regie: Thomas Ostermeier