Das Finden der Bilder

Ein Probenbesuch bei „Caspar Western Friedrich“ von Lisa Mayerhöfer

“He's whittling on a piece of wood. I got a feeling, when he stops whittling, something's gonna happen.” Cheyenne – Once Upon A Time in the West


Ein paar Cowboys schlendern über die Bühne. Durch ihre Hüte klar erkennbar, heben sie sich zunächst nur als dunkle Silhouetten vom Hintergrund ab. Dieser ist zwar hell erleuchtet aber nur ganz verschwommen durch einen milchweißen Plastikvorhang zu sehen. Caspar David Friedrichs Nebelmeer hat es auf die Bühne geschafft. Die Probe zu „Caspar Western Friedrich“ beginnt.

Doch was hat die Malerei des bedeutendsten Frühromantikers mit einer Horde zeitgenössischer Cowboys zu tun, in Stiefeln, ausgewaschenen Levis und Funktions-Daunenwesten, verziert mit ungepflegten Bärten (besonders schön der im Gesicht von Schauspielerin Julia Riedler) … Die Truppe auf der Bühne besteht auch keineswegs aus kampfbereiten Haudegen, sondern einander Wohlgesonnenen, die kontemplativ am Bühnenbild basteln und gerne mal ein Gedicht rezitieren.

Ein Paar Sporen klacken über den metallenen Rand der Bühne, die Gruppe versammelt sich um ein kleines Lagerfeuer, wärmt sich die Hände an falschen Flammen und stimmt ein Lied an. Noch nicht ganz tonsicher, es reicht dank Mundharmonika trotzdem zur Gänsehaut, bringen sie es zu Ende. Der Regisseur ist fast zufrieden. Sein sanfter und zugleich energetischer Tonfall verändert sich auch die restliche Probe nicht. Fast schüchtern schlägt er Änderungen vor oder versammelt seine SchauspielerInnen auf der Bühne im Kreis, um ihnen Ideen einzuflüstern. Philippe Quesne ist dafür bekannt, dass er stets bemüht ist, Raum, Körper und Bühnenbild in Bezug zu setzen und seinen SchauspielerInnen die Möglichkeit gibt, dieses Gebilde selbst zu erforschen und auszulegen.

Steine aus Styropor werden hervorgeholt und hin und her geschoben. Auch auf der hinteren Bühne herrscht Chaos. Immer mehr erkunden die SchauspielerInnen, mittlerweile in Maleranzüge gekleidet, den Raum und zerren Elemente hervor, die wage an Friedrichs Gemälde erinnern: Steine, Gräser, Felshaufen … Offensichtlich will man dem Meister eine Art Museum errichten. Quesne bittet sie während der Arbeit weiterzusingen und über ihr Verhältnis zur Natur zu sinnieren. Alles darf improvisiert sein.

Für Phillipe Quesne ist der Spagat zwischen Friedrich und dem Western ein logischer: In beiden Welten ist die Natur allumfassend und der Mensch in ihr verloren, der lonesome rider wie der Mönch am Meer. Caspar David Friedrich zog sich lieber ins Atelier zurück, um dort aus Erinnerungen und Eindrücken seine eigenen Landschaften zu kreieren, die er mit einer ganz bestimmten Bedeutung aufladen konnte. Für Quesne ist dies „eine Welt der Ausflüchte“ und eine „Strömung, die die Welt zum Stehen gebracht hat“ - das fehle heutzutage. Seine Cowboys haben dabei die Gemälde ein Stück überwunden: „Man findet im Western eine reine Melancholie. Es führt scheinbare Einzelgänger zusammen, die das Bedürfnis haben mehrere zu sein um ihre Aufgabe zu erfüllen. Das ist ein weiteres Motiv, das mich begeistert: Diese individuellen Sichtweisen, die sich schließlich zusammentun, um eine Gruppe zu bilden.“

Quesne ist nicht auf der Suche nach einer klaren Handlung, sondern nach überzeugenden Bildern, die von den SchauspielerInnen ausgefüllt, gesammelt ein Stück ergeben werden.


Caspar Western Friedrich / Uraufführung am 28. Januar 2016 in der Kammer 1.

*Die Zitate von Philippe Quesne entstammen einem Interview von Marion Siéfert im Abendprogramm.