CITIZENS OF EVERYWHERE

Das Heft zur Spielzeit 2017/18 ist da! Als PDF zum Herunterladen und gedruckt

Die letzte Spielzeit war geprägt von heftigen Diskussionen um die Kammerspiele. So anstrengend es auch sein mag, öffentlicher Kritik ausgesetzt zu sein, so zeigt die Debatte einmal mehr, wie tief im Herzen der Stadtgesellschaft dieses Haus verankert ist. Mehr noch: Nicht nur München, sondern die gesamte Theaterrepublik schaut auf die Kammerspiele und streitet leidenschaftlich über die Frage, welche Rolle die Darstellenden Künste inmitten einer radikal sich verändernden Welt heute spielen können.

Intendanzwechsel sind immer mit einer Veränderung der künstlerischen Ausrichtung verbunden. Es ist der Auftrag einer mit öffentlichen Mitteln geförderten Kultureinrichtung, bereits durchgesetzte Erfolgsrezepte nicht endlos zu wiederholen, sondern – auch radikale – Experimente zu wagen, gerade in einem Haus mit der Geschichte, wie die Kammerspiele sie geschrieben haben. Es gehört zur notwendigen Dynamik von Veränderungsprozessen, dass sie bei manchen mit Gefühlen von Verlust und Enttäuschung verbunden sind und von anderen als Chance und Aufbruch wahrgenommen werden.

Das Theater bricht über symbolische Handlungen gesellschaftliche Strukturen auf, formt aus unterschiedlichen Bevölkerungsschichten und Interessengruppen neue Allianzen und neue Formen von Öffentlichkeit – und führt auch seine eigene Formsprache einem fortwährenden Transformationsprozess zu, genauso wie die vielbeschworenen „Krisen“ der deutschen Literatur immer auch ihre Weiterentwicklung vorangetrieben haben. Die Alternativen wären Restauration und Stillstand.

Gerade aus diesem Grund hat es mich gefreut, dass die Inszenierungen von Amir Reza Koohestani und Toshiki Okada so großes und anhaltendes Interesse gefunden haben. Diese beiden Regisseure laden das Theater, wie wir es kennen, mit den Erfahrungen und Sprechweisen auf, die sie aus ihren Heimatländern – Iran und Japan – mitbringen, und lassen aus einem Prozess der Kollision und der Verschmelzung innovative Theaterformen entstehen.

Im Sinne der Herstellung von Kontinuität war es uns ein großes Anliegen, dass beide gleich in der kommenden Spielzeit ihre Arbeit hier fortsetzen. Mit einer Adaption des Romans „Die Attentäterin“ von Yasmina Khadra bleibt der in Teheran lebende Regisseur Amir Reza Koohestani den Themen und Konflikten des Mittleren Ostens treu. In dem von ihm selbst verfassten Stück „No Sex“ beschäftigt sich Toshiki Okada mit der Tatsache, dass 40 Prozent der Japaner, die unter 40 Jahre alt sind, Geschlechtsverkehr kategorisch ablehnen, zumal Kinder, gerade für Frauen, für das Berufsleben dort das sichere Aus bedeuten.

Das Signet der Spielzeit gibt die Eröffnungsinszenierung von David Marton vor. Mit einer Bühnenfassung des Kultromans „On The Road“ von Jack Kerouac, einem Schlüsselwerk der Beatnik-Generation, hat der aus Ungarn stammende Musiktheaterspezialist eine ungewöhnliche, aber bei näherer Betrachtung ausgesprochen einleuchtende Wahl getroffen. Porträtiert wird eine amerikanische Subkultur, die auf den Mythen der Nachkriegszeit fußte und sich das Versprechen auf uneingeschränkte Mobilität, die Illusion unbegrenzter Ressourcen für ihre Vision von Freiheit zunutze machte.

Nicht nur bei den Beatniks, von Schriftstellern wie Allen Ginsberg, Lawrence Ferlinghetti oder eben Jack Kerouac, wurde das „Unterwegssein“ in den 1950er und 60er Jahren gefeiert. Wer in jener Zeit zur Schule ging, kannte mindestens zwei bis drei Menschen, die alles stehen und liegen ließen und zu langen Erleuchtungsreisen aufbrachen – von München bis nach Indien. Für die gute Sache des Partisanenkriegs konnte Che Guevara noch ganz Südamerika durchqueren. In Zeiten des Neo-Nationalismus und der Auflösung von staatlichen Strukturen auf ganzen Kontinenten ist das, wie der dystopische Verlauf von Flüchtlingsrouten zeigt, auf dem Landweg ohne Weiteres nicht mehr möglich. Wer Sprit braucht, um das Gefühl zu haben, über das Privileg der Freizügigkeit zu verfügen, muss auch in Kauf nehmen können, dass dafür Kriege geführt werden.

Der Roman „On The Road“ markierte den Vorabend jenes gesellschaftlichen Aufbruchs, der ab dem Ende der 60er Jahre die Welt nachhaltig veränderte. Erleben wir nach den Wahlen in den Vereinigten Staaten und angesichts des weltweiten Siegeszugs populistischer Kräfte eine historische Zäsur, die das Ende dieser Entwicklungen einläutet? Die Agenda von PolitikerInnen wie Donald Trump, Marine Le Pen oder Theresa May lässt sich kurz und knapp als der Versuch zusammenfassen, alle Errungenschaften von 1968, so kritikwürdig Teile davon auch für VertreterInnen der politischen Linken mittlerweile sein mögen, ein für allemal rückgängig zu machen.

Wie es der Zufall will, jährt sich 2018 der Mai von 1968 zum 50. Mal. Das nehmen die Kammerspiele zum Anlass für eine große Produktion, an der viele unterschiedliche KünstlerInnen beteiligt sein werden. Sechs bis acht RegisseurInnen aus unterschiedlichen Generationen, verschiedener Herkunft und kultureller Orientierung setzen sich mit der Frage auseinander, was sie mit den historischen Ereignissen von 1968 und ihren Nachwirkungen verbindet – oder auch nicht.

Zwangsläufig kommen da natürlich auch die Ausformulierungen ins Spiel, die dieses Datum in der jüngeren Lokalgeschichte Münchens angenommen hat, angefangen mit den Schwabinger Aufständen, bis hin zur Generation der Filmemacher Rainer Werner Fassbinder, Alexander Kluge, Herbert Achternbusch. Das alles noch einmal Revue passieren zu lassen, genau in dem Moment, wo auch in Deutschland die mit Pegida und der AfD verbundenen politischen Kräfte den Augiasstall der 68er säubern wollen – ist das nicht eine interessante Aufgabe?

Momentan möchte eigentlich niemand mehr in dieser Gesellschaft zum Establishment gehören. Warum eigentlich nicht? Auch dieser Kampfbegriff entstand aus dem Geist der 68er-Revolte. Gemeint war eine politische, wirtschaftliche oder kulturelle Einflussgruppe, deren Herrschaft überwunden werden sollte. Wie so häufig in der Geschichte werden gegenwärtig Strategien und Wortschöpfungen der Linken von den neuen Rechten benutzt und ihre ursprüngliche Bedeutung ins Gegenteil verkehrt.

Es scheint allerdings, als würden die Konfliktlinien immer weniger entlang der Unterscheidung zwischen „konservativ“ und „sozialdemokratisch“ verlaufen. Entscheidend, so formuliert es der britische Soziologe Colin Crouch, werden in Zukunft die Auseinandersetzungen zwischen Kräften sein, welche die Globalisierung ablehnen, und ihren Befürwortern. Der „Muslim-Ban“ der neuen Regierung in den Vereinigten Staaten wäre in diesem Sinne ein Vorbote dieser sich verschärfenden Konstellation. Die düsteren Prognosen mögen sich bewahrheiten oder nicht. Auch vor diesem Hintergrund ist es uns wichtig, das Stadttheater für internationale Strömungen zu öffnen, RegisseurInnen aus Tokio, Teheran und Athen zur Arbeit mit dem Ensemble der Kammerspiele einzuladen und die künstlerischen Ergebnisse im Spielplan zu etablieren.

Es ist kein Widerspruch, wenn in der kommenden Spielzeit gleich zwei in München entstandene Stoffe auf die Bühne kommen, von denen wir glauben, dass auch sie geeignet sind, die Umwälzungen der Zeit zu reflektieren. So gibt es ein Wiedersehen mit Stefan Pucher. In einer gewaltigen Kraftanstrengung wird er den Stoff der gesamten „Wartesaal“- Trilogie von Lion Feuchtwanger verarbeiten. In kaum einem anderen Werkkörper der deutschen Literaturgeschichte wird das Heraufziehen des Nationalsozialismus so hellsichtig vorhergesehen wie in dieser Romantrilogie.

In der öffentlichen Wahrnehmung kommt kaum noch vor, dass Bertolt Brecht aus Bayern stammt und lange Zeit in München gelebt hat. Aus dieser Vorberliner Zeit stammt das Drama „Trommeln in der Nacht“. Hausregisseur Christopher Rüping nimmt sich dieses an den Kammerspielen uraufgeführten Frühwerks an, das die Geschehnisse um die Revolution von 1919 im Berliner Zeitungsviertel aufarbeitet.

Was noch?

Kaum ein Kinofilm hat mich in der letzten Zeit so fasziniert wie „Schau mich nicht so an“. Vor zwei Jahren hat Uisenma Borchu mit diesem Werk ihr Diplom an der Hochschule für Film und Fernsehen in München abgelegt. Es ist geprägt von einem erbarmungslosen Blick, wie ich ihn seit den frühen Filmen von Rainer Werner Fassbinder nicht mehr gesehen habe.

Die Regisseurin kam als fünfjähriges Kind aus der Mongolei in die Umgebung von Magdeburg und wurde mit einem anderen Kind, das Trisomie hat, in die für Andersartige vorgesehene letzte Reihe ihrer Grundschule gesetzt. Sie freundete sich mit dieser Schülerin an. Vielleicht hat diese Erfahrung zu jener merkwürdigen Mischung aus Empathie und Distanz beigetragen, von der ihre Filme geprägt sind. Uisenma Borchu wird in der kommenden Spielzeit in der Kammer 3 ihre erste Arbeit für das Theater realisieren.

Zwei Jahre lang haben wir versucht, im Rahmen des von der Kulturstiftung des Bundes geförderten Projekts „Munich Welcome Theatre“ die Münchner Kammerspiele zu einem Ort zu machen, an dem Projekte mit Geflüchteten und für Geflüchtete stattfinden können, und Menschen, die gerade erst in München angekommen sind, am Theater zumindest ansatzweise eine Arbeitsperspektive zu eröffnen. Nun gehen wir einen Schritt weiter und binden vier SchauspielerInnen als Open Border Ensemble in den Spielbetrieb mit ein. Jessica Glause und Lola Arias werden mit ihnen ab dem kommenden Herbst jeweils ein Projekt realisieren.

Wir freuen uns sehr, Ihnen als neue Ensemblemitglieder Zeynep Bozbay, Nils Kahnwald und Benjamin Radjaipour vorstellen zu dürfen! Für diese Publikation haben wir alle unsere SchauspielerInnen im Kreisverwaltungsreferat fotografieren lassen. Jeder in München lebende Mensch war schon mal da, um sich anzumelden, zu heiraten – oder um Asyl zu beantragen. Hier, im Kreisverwaltungsreferat, wird über Privilegien, Teilhabe und Zugehörigkeiten entschieden. Die richtigen Visa und Papiere sind und bleiben nun einmal die Voraussetzung, um unterwegs sein zu können. Fotografiert wurden sie von Armin Smailovic, in München bekannt als Fotograf für das „SZ Magazin“. Seine aktuelle Arbeit heißt „Atlas der Angst“. Gemeinsam mit dem Reporter Dirk Gieselmann ist er durch Deutschland gereist, um die Ängste der Deutschen vor Terror und sozialem Abstieg zu dokumentieren.

Und zu guter Letzt: „Tiefer Schweb“ – die letzte Premiere in dieser Saison und nach langer Zeit wieder eine Inszenierung von Christoph Marthaler an den Münchner Kammerspielen – wird Sie hoffentlich versöhnen. Genauso wie der „Kirschgarten“ von unserem Hausregisseur Nicolas Stemann, in dem er an seine Anfänge mit Tschechow anknüpfte, bevor er in der kommenden Spielzeit mit dem Projekt „Kant“ zum ersten Mal in seiner Karriere einen philosophischen Text einer Inszenierung zugrundelegen wird: Kants Kategorischer Imperativ müsste uns jedes Mal anspringen, wenn wir die Nachrichten sehen, genauso wie seine „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“, die der Ausgangspunkt für diesen Theaterabend sein wird. In der Hoffnung, dass Ihnen genauso wie mir neben dem „Kirschgarten“ noch andere Arbeiten einfallen, die Sie im vergangenen Jahr wertvoll und interessant fanden – ich könnte viele nennen vom „Hamlet“ von Christopher Rüping über Toshiki Okadas „No¯ Theater“ bis hin zu Yael Ronens „Point of no Return“ und und und – freue ich mich auf eine Wiederbegegnung und gegenseitige Neugierde in der kommenden Saison.

Servus und auf Wiedersehen in der neuen Spielzeit
Matthias Lilienthal

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