Brief für unser Publikum

Spielzeitheft 2011/12 herunterladen Liebes Publikum,

Mitte März. München.
Nachts aufwachen.
Eine Welt voller Fremder.
Was ist ein Spielplan? Was heißt es, einen Spielplan zu entwickeln in dieser Zeit, wo die Demokratie
weltweit unter Druck steht?
Europa macht einen Rechtsruck.
Angst vor dem Fremden,Angst vor dem Fremdling, vor der anderen Farbe, vor anderen Gewohnheiten.
Nein, lass es, geh ruhig schlafen.
Gott oh Gott oh Gott oh Gott.
Wie soll ein Ensemble heutzutage aussehen? Wie soll es morgen aussehen?
Wir sind alle weiß.
Auf der Straße sieht man allerlei Farben durcheinander laufen.
Chinesen,Araber,Afrikaner. Ein Ensemble ist schon längst kein Abbild der Gesellschaft mehr, in der wir leben.
Ist das beunruhigend?
Ich höre Nachrichten über die Katastrophe in Japan, ein Erdbeben, eine nukleare Explosion. Wir
sind glücklicherweise mitten in Europa. Keine Kernschmelze bei uns. Lass die Welt so wie sie ist.
Eine unmögliche Aufgabe. Wir müssen was tun, aber was, so mitten in München.
Was für ein Glück, es wird Frühling. Die Sonne wirft ein nebliges Licht auf meinen Balkon.
Kurz die Augen schließen und die Sonne genießen.
Was war es für ein Jahr, mein erstes Jahr in München.
War es ausreichend?
Nein. In der Kunst ist es nie ausreichend. Die Perfektion gibt es nicht.
Meine Kinder sind perfekt.
Aber ein Stadttheater soll doch...
Nein.
Nichts soll.
Es muss vieles.
Vor allem, zeig deinen Mut und deine Kraft, Johan.
Lass die Angst.
Aber Aischylos sagt in Oresteia: „Menschen ohne Angst sind lebensgefährlich.“
Oh, kurz die Augen schließen, die Ruhe genießen.
Die Verbindung zwischen Naturkatastrophen und dem Menschen.
Der Mensch ist eine Naturkatastrophe?
Vieles in uns ist genetisch bestimmt. Darüber spricht Aischylos, so wie Michel Houellebecq, 2500
Jahre später.
Ich höre gerade, dass die Katastrophe in Japan ebenso ernst ist wie die in Tschernobyl.
Ich höre, wie in meiner Straße zwei Wagen gegen einander knallen.
Warum auch nicht.
Sofort mal kurz vorbeigehen bei Dallmayr. Dort gibt es ein großartiges Sortiment Wein.
Was will ich bewirken in dieser vergänglichen Welt?
Ich will etwas erzählen über unsere Wurzeln. Die Wurzeln des Bösen. Unsere Austauschbarkeit. Unseren
Hochmut. Die Frage nach Demokratie. Die Notwendigkeit, Rache zu bekämpfen.
Wach auf, wach auf.
Menschen, die flüchten in ihren Wagen. Sie werden überholt von den Wellen.
Eine Wassermasse bedeckt Verlust.
Uferloser Kummer.
Was uns heute wieder überkam...
Darüber soll Theater sprechen.
Persönlich, nicht aufdringlich, bescheiden.
Oder nein, vielleicht schon ein Faustschlag, in die Fresse einer Welt, die sich beschäftigt mit Vernichtung.
Augen auf, Augen auf.
Unsere Erfindungen zerschmettern die Welt.
Die Welt brennt.
Aber mitten in München?
Ich hoffe, dass unser Theater sich selbst jede Spielzeit, jedes Jahr neu erfindet, sich neu definiert,
notwendigerweise.
Ich würde es auch nicht wagen, ein Programm zu machen für mehrere Jahre.
Wer bin ich, zu sagen wie die Welt in 5 Jahren aussieht?
Ich könnte jeden Tag neu anfangen, die Welt neu betrachten.
Das ist der Grund, warum ich euch diesen Brief schreibe.
Ich bin unruhig.
Immer wieder den Blickwinkel wechseln, in einem Versuch, die Welt zu fassen, in einem Versuch,
etwas von unserer Existenzberechtigung zu verstehen.
Augen zu. Augen auf. Augen zu. Augen auf.

Johan Simons