Zum ersten Mal arbeiten Sie nicht nur als Bühnenbildner an den Münchner Kammerspielen, sondern geben dem ganzen Haus ein eigenes Gesicht. Gibt es eine übergeordnete Idee?
Bert Neumann: Schon bei meiner ersten Arbeit für die Münchner Kammerspiele 2003 (ANATOMIE TITUS FALL OF ROME in der Regie von Johan Simons) hat mich die architektonische Situation des Theaters interessiert. Damals habe ich Beobachtungskameras an der Fassade anbringen lassen, die die Straßenbilder live auf die Bühne transportiert haben. Für mich ist das Thema Raum im Theater nicht auf die Bühne beschränkt, sie umfasst auch den Zuschauerraum und den Weg, den der Zuschauer zurücklegt. Das alles spielt zusammen. Das SCHAUSPIELHAUS hat keine Fassade, es ist versteckt. Man erreicht es durch zwei tunnelartige Gänge. Das scheint zunächst problematisch, erweist sich jedoch bei genauerer Betrachtung als reizvoll, weil es eine Geschichte erzählt. Von Bedürfnissen zu verschiedenen Zeiten: nach einer Prachtstraße zunächst, später dann nach einem privaten Theater, das wegen seiner Lage als „Hinterhaus“ von der Konkurrenz verächtlich „Waschküche“ genannt wurde. Heute, viele Um- und Anbauten später, bestehen die Kammerspiele neben dem Jugendstiltheater aus verschiedenen Gebäuden und Spielorten. Diese Vielfältigkeit durch ein Gestaltungskonzept zusammenzuführen hat mich interessiert.
Die Spielorte der Kammerspiele erfahren eine Neudefinition. Was hat Sie inspiriert? Wird sich das Zuschauen durch die Räume verändern?
Bert Neumann: Das Herzstück der Kammerspiele, das SCHAUSPIELHAUS ist, trotz der zum Zeitpunkt seiner Errichtung avantgardistischen Gestalt, eine klassische Guckkastenbühne und somit einer Aufführungspraxis verpflichtet, die sich im 19. Jahrhundert durchgesetzt hat. Die Zuschauer sitzen still im abgedunkelten Raum und beobachten das Geschehen auf der Bühne. Diese Praxis, die wir für die normale Form von Theater halten, ist ja relativ jung. Noch Ende des 18. Jahrhunderts gab es große Proteste des Publikums, als feste Stuhlreihen im Parkett der Comédie Française eingebaut wurden. Die Leute wollten weiterhin stehen, gehen und reden im Theater. Im 20. Jahrhundert ist die Guckkastenbühne, im Zusammenhang mit gravierenden Veränderungen der Gesellschaft vielfach befragt worden und andere Raum konzepte wurden gefunden und ausprobiert. Mit dem Ausbau der Zuschauertribüne aus dem WERKRAUM und der Neugestaltung der Probebühne 1 als SPIELHALLE entstehen zwei neue Spielorte, an denen wir mit der Zuordnung von Zuschauerraum und Szenenfläche experimentieren können. Das Publikum ist ja zentraler Bestandteil einer Theateraufführung. Es macht zum Beispiel einen großen Unterschied, ob ich im Dunkeln sitze, also unsichtbar bin, oder ob ich sichtbar bin und auch andere Zuschauer sehen kann. Oder wie ich sitze, all das verändert die Wahrnehmung. Hinzu kommt, dass in der SPIELHALLE en suite gespielt werden wird. Das bietet die Möglichkeit zu Raumlösungen, die im Repertoirebetrieb mit seiner Notwendigkeit des schnellen Auf- und Abbaus von Bühnenbildern nicht möglich wären.
Die Glühbirne spielt in vielen Ihrer Arbeiten eine Rolle. Warum?
Bert Neumann: Diese Lampen verweisen für mich auf den Rummelplatz, auf eine ursprüngliche Form von Theater. Jeder kennt das ja: Die Schaufassade einer Geisterbahn zum Beispiel ist ein großes Versprechen, dass sich nicht einlöst, wenn man in einen der Wagen einsteigt und die meist dürftigen Schrecken absolviert. Also ist die Schaufassade mit ihren Bildern und Lampen eine Lüge, sie verspricht die tollsten Dinge und die meiste Mühe wurde darauf verwandt, nicht auf das Ereignis dahinter. Diese Lüge finde ich in ihrer Direktheit faszinierend, sie ist unverblümt und offenbar. Sie baut auf mein Einverständnis, diese Lüge zu genießen; so wie Kinder, die ja auch leuchtende Augen bekommen auf dem Rummelplatz, und hat deshalb für mich viel mit Theater zu tun.