Pascal Dusapin, Streichquartett Nr. 4 (1997)
Olivier Messiaen, Quatuor pour la fin du temps (1940)
Es war Johan Simons' großer Wunsch, Musik in die Münchner Kammerspiele zu bringen und so das Theater für andere Kunstformen zu öffnen. Daraus entstand eine Zusammenarbeit mit Alexander Liebreich, dem Künstlerischen Leiter des Münchener Kammerorchester. Mit dem ersten Konzert SILENT FLOWERS begann in der letzten Spielzeit in den Münchner Kammerspielen eine Reihe der Kammermusik des 20. und 21. Jahrhunderts. In der Spielzeit 2011/12 folgen drei Konzerte mit zentralen Werken der Moderne, gespielt von Mitgliedern des Münchener Kammerorchesters und internationalen Solisten.
Pascal Dusapin
Pascal Dusapin, einer der erfolgreichsten zeitgenössischen Komponisten Frankreichs, wurde 1955 in Nancy geboren und studierte von 1974-1978 an der Université de Paris IV Sorbonne Kunst und Ästhetik sowie Plastische Kunst und Kunstwissenschaft. Einfluss insbesondere auf seine frühen musikalischen Arbeiten hatten Iannis Xenakis,Edgar Varèse und Franco Donaton. Pascal Dusapins Schaffen ist in besonderem Maße angeregt durch außermusikalische Inspirationen aus den Bereichen der Literatur, des Theaters sowie der bildenden Künste. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang seine Zusammenarbeit mit Dominique Bagouet, Olivier Cadiot sowie James Turrell. Die starke Betonung des kompositorischen Handwerks schlägt sich nieder in Partituren, in denen sich Polyphonie als Resultat sorgsam gezeichneter Stimmverläufe und ins Einzelne verästelter Kontrapunktik ergibt. Er schafft rhythmisch hochkomplexe, für die Musiker aufwendig zu erlernende Partituren. Seine Musik lässt sich der mathematisch-intellektuellen Strömung zuordnen. Die Musik Dusapins ist stark lyrisch geprägt. Ob Literatur oder Philosophie - Dusapins geistiger Horizont reicht von der griechisch-römischen Antike bis zur Gegenwart, wie nicht zuletzt Titel und Vorlagen vieler seiner Vokalwerke zeigen. Seine Notenlinien sind geschmeidig und kunstvoll ausgearbeitet, aufgebaut aus Glissando, Mikrotönen und anderen koloristischen Techniken. Sein Gehör ist sehr sensibel für Kontraste und einer Balance der Dichte, für Stimmlagen, Volumen und Klangfarben. Dusapins erste Arbeit Niobé (1982) ist ein Oratiorium für einen Sopran, Chor und Ensemble. Darauf folgten verschiedene opernartige Projekte, wie Roméo & Juliette (1988), Medeamaterial (1990), La Melancholia (1991) und To Be Sung (1993). Er komponierte außerdem Konzerte für Flöten, Posaunen und Celli und arbeitete eng mit Kammerorchestern wie dem Accroche Note and Ensemble 2e2m zusammen. Für seine Arbeiten erhielt Pascal Dusapin mehrere Preise, so unter anderem den Prix Hervé Dujardin von SACEM (1979), ein Stipendium der Villa Medici in Rom (1981), den Prix National de Musique vom französischen Kultusministerium (1995) oder den Prix du Syndicat de la Critique Paris (2003). Von 1993-94 war er Hauskomponist am Orchestre National de Lyon. In der Zeit entstanden die Werke Extenso (1994) und Apex (1995).
Olivier Messiaen
Olivier Messiaen, geboren am 10. Dezember 1908 in Avignon, verstorben am 27. April 1992 in Clichy, Hauts-de-Seine, begann sein Studium am Paris Conservatoire im Alter von 11 Jahren und studierte dort bis 1930. Er erhielt Unterricht unter anderem bei Jean Gallon, Marcel Dupré, Maurice Emmanuel und Paul Dukas. Ab 1941 bis 1978 unterrichtete er selber am Conservatoire.
Messiaen schuf schnell einen eigenen Stil, mit innvoativen Harmonien, Melodien, Rhythmen und Instrumentierungen. Seine Musik ist in erster Linie bekannt für die starken Verbundenheit zu theologischen Themen und für die Transkription von Vogelgesängen. Der Komponist suchte für seine Musik immer Anregungen aus dem Studium der Zahlenmystik, indischer Rhythmen, der Gregorianik, des Vogelgesangs, der Klangwelt javanischer Gamelan-Orchester oder der Musik Claude Debussys und Igor Strawinskys. Außerdem zählte er sich selbst zum Kreis der Synästhetiker. Messiaens assoziierte Klänge mit Farben und Farben mit Klängen: "Ich weiß nicht, ob ich eine Ästhetik habe, aber ich kann sagen, dass meine Vorliebe einer farblich schillernden, verfeinerten, ja wollüstigen Musik gehört, einer Musik in der Art von Kirchenfenstern, in denen die Komplementärfarben in wirbelnde Bewegung geraten, einer Musik, die die Begrenzungen der Zeit und ihre Allgegenwart spürbar werden lässt, die von den Auferstandenen, den göttlichen und übernatürlichen Mysterien handelt, einer Musik, die einem theologischen Regenbogen gleicht." Zu den bekanntesten Arbeiten von Olivier Messiaen zählt "Quartour pour la fin du temps".
Quatour pour la fin du temps
Das achtsätzige kammermusikalische Werk schrieb Messiaens als 33-jähriger Kriegsgefangener im Lager VIII A in Görlitz. Die Instrumentierung ergab sich aus unter den anderen Gefangenen verfügbaren Musikern.
Vogeldialoge, früheste Farben, wartende Bäume. »Zwischen drei und vier Uhr morgens«, schreibt der Komponist zu "Quatour pour la fin du temps". Und meint damit einen Morgen vorm Erwachen der Menschen auch im anderen Sinne. Sie haben die Welt noch nicht betreten. So könnte sie geklungen haben, wie Klarinette, Geige, Cello und Klavier sie hier tönen lassen, zu Anfang des Quartetts für das Ende der Zeiten. So selbstvergessen und sanft, so komplex und absichtslos. Mit dem Titel Das Ende der Zeiten bezog sich Messiaen auf die Offenbarung des Johannes. Dort fällt der Untergang der Welt zusammen mit dem Beginn der Ewigkeit. Das ist für Nichtgläubige wenig trostreich, doch bei Messiaen hört man, dass Ewigkeit nicht erst am Jüngsten Tag beginnen muss. Sie beginnt bei den Gesprächen der Vögel, setzt sich fort mit dem Regenbogen, der in sanften Akkordwellen des Klaviers schimmert, und sie wird immer menschlicher.
Doch hier waltet kein Missionar, sondern ein Musiker, der sich als Subjekt zurücknimmt und Töne existenziell werden lässt. Metrische Partien stehen schlüssig neben irregulären, zeitaufhebenden Rhythmen, Durakkorde neben solchen, die nur noch Farbe sind. Psychedelische Lichtstöße entschießen dem Engel, der im vorletzten Satz die Ewigkeit ankündigt. Die ist am Ende sinnlich. In der »Unsterblichkeit Jesu« scheint die Geige mit ihren Linien, hierhin, dorthin, verweilend, zurückkehrend, behutsam den Körper eines Menschen zu ertasten.
auch bereits im Vorverkauf: Kammermusiknacht III am 9. März 2012: Tabea Zimmermann (Viola) und Mitglieder des MKO spielen Werke von György Kurtág, Zoltán Koldály und Arnold SchönbergKarten