So farbenfroh, schnell und hell, so temporeich, frontal und rhythmisch forciert, wie Simons dieses polyphone Stimmenkonzert auf einer Stuhlreihe an der Rampe inszeniert, oder besser: dirigiert, kriegt Sarah Kanes an Bonmots und düsteren todesgedanken reicher Text eine wohltuende Leichtigkeit, das Schnippische einer Alltagskommentierung und bleibt doch wundersam traurig in seiner Komik und Lakonik... Ein Kammerorchester mit Streichern und Klavier begleitet auf mitfühlende, mitdenkende Art den großen dunkel-poetischen Abgesang, den Sarah Kanes nachgelassenes Stück darstellt. Es ist eine bewusstseinsströmend von einer Frau in der Psychiatrie erzählende Textfläche, eine "Solo-Sinfonie", getragen von rasender Todessehnsucht, aber auch von bestechender analytischer Klarheit. Großartig, wie der Wahnsinns-Schauspieler Thomas Schmauser das vorträgt, wie ein Sprecher an einem Pult sitzend und doch fiebrig flackernd und wahrhaftig wie ein psychologischer Schauspieler. Später übernimmt Sandra Hüller den Text, schenkt ihm ihre Sanftheit, ihren Zorn, ihre Wut. Das sitzt. Das trifft. Und ist von schwärzester Schönheit. Süddeutsche Zeitung
Dieser Abend ist so groß, weil er keine Trockenübung in Traurigkeit ist, sondern Sarah Kanes Grand-Guignol-Grausamkeit bis auf ihren Liebesgrund durchschaut. Das hat wenig mit dem sogenannten In-Yer-Face-Theater à la "Shoppen und Ficken" zu tun. Simons und seine wunderbaren Schauspieler demonstrieren, wie schlimm der Verlust dieser Dramatikerin ist, die wusste, was sie sagte, als sie schrieb: "Nichts schadet Ihrer Arbeit so sehr wie Selbstmord." Die Welt
Kammerspiele-Intendant Johan Simons spannt diese drei Stücke von Sarah Kane zu einem Triptychon von Liebe und Leid, Gewalt und Hoffnungslosigkeit, Sehnsucht und Kampf zusammen. Die Premiere im Münchner Schauspielhaus zeigte, dass ihm das geglückt ist. Man hat nach der Vorstellung das Gefühl, viel verstanden zu haben von der Erlebenswelt dieser durch Freitod jung verstorbenen britischen Kult-Dramatikerin der 90er-Jahre - und von den Verzweifelten dieser Welt; aber auch von uns, die wir oft nur hilflos zuschauen oder bloß nur zuschauen wollen. Die drei Werke mussten gekürzt werden und aus ihrer Verortung gelöst werden. Eva Veronica Born hat dafür eine so zweckmäßige wie schöne Einheitsbühne gebaut: eine Spiel-Arena, umrahmt von Scheinwerfern, bestückt mit einem Potpourri von Stühlen. Darüber, in einer dicken Traube arrangiert, große zylindrische Lampen, ein paar davon sogar im Zuschauerraum. Und wenn am Ende des zweiten Teils der Regen auf das Vierergrüppchen C, M, B und A prasselt, dann weicht das Lampenmaterial auf, fällt schlapp zu Boden und lässt die nackte Aufhängung zurück: elegisches Verfallsbild für "4.48 Psychose", das dennoch optisch von einem Kammerorchester dominiert wird. Der Lebensfaden Liebe(ssehnsucht) zieht sich weiter: durch die Pingpong-Dialoge von "Gier", einem rasanten Quartett. Für die Schauspieler eine Herausforderung, für die Zuschauer ein Genuss mit Tiefgang, weil sich in diesen prasselnden Sätzen und Floskeln jeder wiedererkennen kann. Hüller, Krappatsch, Benjamin und Hunstein servieren das mit feiner Komödiantik und Musikalität, blitzgescheit und wach reagierend... Sandra Hüller und Thomas Schmauser tragen quasi als Sängersolisten die Texte des Therapeuten und des Patienten vor, der durch seine unerfüllte Liebe hindurch unbeirrt den Selbstmord um 4.48 Uhr ansteuert. Beide "singen" ihr "Lied" mit Profi-Haltung, die nach und nach erschlafft, den Körper aufweicht. Insbesondere Sandra Hüller gestaltet das brillant, ohne brillant sein zu wollen... Herzlicher Applaus. Münchner Merkur
Die Aufführung ist grandios - natürlich wegen der Schauspieler. Abendzeitung
Wie Schmauser bis auf die flatternden Hände vollkommen beherrscht argumentiert, seine Definition von Depression erläutert, seinen Selbstmord ankündigt, zwischen stolzem widerständigem Eigensinn und aufflackernden Affekten changiert, das ist fantastisch. www.nachtkritik.de