Elfriede Jelinek, die Meisterin der scharfzüngigen Polyphonie, hat für die Kammerspiele eine Winterreise geschrieben, die sehr persönlich ist und von einer so existentiellen Wucht, dass einem schwindlig werden kann. Fremd in der Welt und fremd dem eigenen Leben gegenüber, folgt sie den Spuren des Wanderers aus Franz Schuberts Winterreise. Der Weg beginnt im Wahnsinn der unmittelbaren Gegenwart (Bankenskandale, Entführungsopfer, die eingekerkert aus der Zeit fallen) und führt weiter in sehr persönliche Gebiete ihrer eigenen Biographie: die komplizierte Beziehung zur Mutter, die Einweisung des Vaters in die Psychiatrie. In der Inszenierung von Johan Simons und in der musikalischen Bearbeitung von Christoph Homberger, Martin Schütz und Jan Czajkowski, die sich auf ihre Weise auf Schuberts Spuren begeben, kommt Jelineks "Winterreise" zur Uraufführung.
"Ich wandere nicht mehr gerne, weil ich auch nicht mehr gern aus dem Haus gehe. Jetzt muss ich also sozusagen im Schreiben wandern. Im Stück ist das ein Wandern von hinten nach vorn, wenn man das so sagen kann. Das, was gewesen ist, auch das, was mich seit meiner Kindheit gequält hat, kommt jetzt an. Es ist lang gewandert, und nun ist es bei mir angekommen, als das Frühere, das im Ankommen geborgen wäre, wenn Literatur Psychoanalyse sein könnte, was sie aber nicht ist." Elfriede Jelinek
"Schuberts "Winterreise" bietet eine unglaubliche Offenheit für die Imagination. Das ist eine wahnsinnige Welt, weil das Herz geöffnet wird. Es ist wie eine Operation am offenen Herzen. Das gibt es, in diesem Extrem, nur bei Schubert." Christoph Homberger