STEFAN HUNSTEIN LIEST "EIN ANARCHISTISCHER BANKIER"
von Fernando Pessoa
Schauspielhaus, Lesung am 8. Dezember 2011
anschließend Diskussion mit Nicole Wiedinger, Dr. Andreas Beck, Dr. Wolf Dieter Enkelmann vom Institut für Wirtschaftsgestaltung
Geld als Motor der individuellen Freiheit! Dicke Bankkonten zur Überwindung des Geld-Systems! Anarchie durch Turbokapitalismus! Bereicherung als Systemkritik! Die Antwort des Bankiers auf die Frage, ob er nicht früher einmal Anarchist gewesen sei, überrascht: Er sei es immer noch. Jetzt erst vollkommen. Die politische Umsetzung des Anarchismus mit einer Gruppe von Gleichgesinnten hatte er bald hinter sich gelassen. Die Gruppenstrukturen taten nur neue Mechanismen von Macht und Herrschaft auf und seine Schlussfolgerung lautete: Nur alleine sei die Verwirklichung der vollkommenen Freiheit möglich. Da jedes System - außer dem rein anarchistischen - nur eine Fiktion sein kann, fand er sein Ziel in der Abschaffung der bedeutendsten Fiktion unserer Gesellschaft, dem Geld, indem er soviel wie möglich davon anhäufte. So verblüffend die Theorie des Bankiers auf den ersten Blick scheint, umso erstaunlicher ist die logische Konsequenz, mit der er seine Sicht begründet. Brisanz gewinnt der Text des portugiesischen Autors Fernando Pessoa angesichts einer nur knapp überwundenen Finanzkrise, in der sich unser monetäres System selbst überholt und in dem Moment zusammenbricht, wo Banken, Investoren und Händler dasjenige real beanspruchen, mit dem sie bereits geraume Zeit als virtuellem Wert handeln: ihr Geld.
Fernando Pessoa, 1888 in Lissabon geboren und 1935 in Lissabon gestorben, war seiner Heimatstadt ebenso treu, wie er sich selbst - scheinbar - untreu war: Der mit Abstand berühmteste und bekannteste Wegbereiter und Vertreter der Moderne in der portugiesischen Literatur, dessen Name mittlerweile nicht ohne Vergleich mit James Joyce oder Marcel Proust genannt wird, arbeitete in seinem gesamten Werk daran, eben diesen Namen immer wieder zu verhüllen und ständig neue sogenannte "Heteronyme" zu erfinden. Alberto Caeiro, Àlvaro de Campos und Ricardo Reis waren die drei wichtigsten Phantasiedichter, die ihre eigenen Biographien im Inneren von Pessoas Einbildungskraft lebten, wo sie als Schriftsteller quasi selbständig tätig waren, und konnten, wie Caeiro 1915, sogar sterben. Als hingegen Pessoa starb, hinterließ er nicht nur eine imposante Vielzahl vor allem lyrischer Arbeiten, sondern auch eine signalhafte Chiffre für die vage Existenz des modernen Schriftstellers neben seinem Werk.