So einen fein gemeinen, so einen schön grausamen, so einen perfid inszenierten Mord haben wir lange nicht auf dem Theater gesehen. Alvis Hermanis, der lettische Regisseur, der lange genug noch unter äußeren sowjetischen Bedingungen gelebt hat, um nicht das verrückte Leben in unverrückbaren Innenräumen zu suchen, in die von außen höchstens ein wenig Licht fällt und die meist vollgestopft sind mit kuriosen, alten, seltsam nutzlosen Dingen, die denen, die darin wohnen, schon die Welt bedeuten, führt den mörderischen Höhepunkt von Gorkis 'Wassa' in den Münchner Kammerspielen sozusagen auch als Ausstellungsstück, als Interieurskulptur vor. Sichtbar. Als grandios polierte und geschnitzte Antiquität. Aber funkelnd im Gegenwartslicht: Und dazu tickt die Uhr an der Wand, die genau die aktuelle Stunde anzeigt... Alvis Hermanis setzt in Gorkis 'Wassa' von 1910 die Ausstellungsstücke einer Gesellschaft in Szene, in der nur der materielle Vorteil, das nackte Überleben, das Über-die-Runden-Kommen zählt... Dieser Abend ist im Atmosphärischen, Altrussischen, exquisit Antiquierten, wie es die Bühnenbildnerin Kristine Jurjane arrangiert, derart überwältigend vergangenheitstrunken, dass in so viel warmer, goldtondurchtränkter Schönheit die Figuren entweder unter- oder verloren gehen - oder im Kontrast dazu in kalt klirrenden Konturen aufblitzen können. Hier blitzen sie... Elsie de Brauw... lässt dem Mutterraubtier kaum Auslauf. Dafür der Sorgerin. Kühl und leicht genervt schwänzelt sie durch den Parcours einer Familie, in der die Männer Versager, die Frauen Sieger sind, die aber das Siegen erledigen wie ein notwendiges Geschäft. Wie sie ihre Söhne tätschelt; wie sie die Tochter Anna, die nach Hause zurückkommt, als zukünftige Überleichen-Geherin und Herrin anlernt; wie sie in der lebesn- und liebessüchtigen Schwiegertochter Ludmilla, die der Schwager als Geliebte ab- und dem widerlichen Neffen ins Bett gelegt hat, die Schwester im Sehnsuchtsgeiste erkennt - das spielt Elsie de Brauw völlig gefühlsfrei. Aber charakterstark. Immer wie aus einem Augenwinkel die nächstschlimmste oder -beste Gelegenheit kalkulierend. Eine Unternehmerin, die ihre Familie leitet wie ein verrottetes Unternehmen und ihr Unternehmen (Schiffe und Transporte) wie eine verrottete Familie und aus beidem mit allen Mitteln das Letzte heruaholt. Gorki überhöht sie distanziert erschauernd, aber letztlich in Bewunderung. Hermanis schaut nicht zu ihr auf. Er schaut ihr amüsiert zu, wenn sie "Mütter begehen keine Sünde" sagt. Groki meißelte eine vorrevolutionäre Herrscherin. Von 1910. Hermanis inszeniert eine nachrevolutionäre Unternehmerin. Von heute. Die das Letzte wagt... Zum Schluss halten Anna und Ludmilla die von allen Morden und Mütterlichkeiten völlig erschöpfte Wassa in den Armen, versuchen, die wogmöglich Sterbende ein wenig noch im leben zu halten. Über der Szene liegt ein großes 'Es ist genug'. Mehr bleibt von keinem Leben. Es sei denn, solch glückstraurig schönes Theater. FAZ
Den Plot gibt der sich verzweifelt am Leben erhalten wollende Kapitalismus vor. Das Stück könnte auch heute, im Hause Schickedanz und Schlecker spielen. Topaktuell. Und daher viel wirkungsvoller und raffinierter, das Familiendrama nicht auch noch optisch zu modernisieren, sondern in seiner Zeit zu belassen. Detailgenau, aber nie detailverliebt. Trotz Kostüm nicht kostümiert wirken - das ist die Kunst, vor der man sich hier verbeugen kann... Keine sündhaft teure Filmproduktion mit Dreh an Originalschauplätzen schafft es, was dem Bühnenbild und den Darstellern auf den Bettern der alten Guckkastenbühne gelingt: Vergangeneheit vollkommen nostalgiefrei präsent und begreiflich werden zu lassen. Ich habe noch nie Dienstmädchen oder als Dienstmädchen benutzte Verwandte (Clara-Marie Pazzini als Rita, Angelika Krautzberger als Dunja) so stumm und eindrucksvoll den Tische decken und die Erniedrigungen und Übergriffe der verkommenen Herrschaft so hinnehmen sehen. Ohne eine Spur von sozialkritischem Revolutionskitsch, mit dem Gorki immer gern auf die Bühne gebracht wurde. Erhellend, zum Heulen berührend. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Hermanis sagte einmal, dass man, wenn man am Theater arbeitet, sich für das Leben interessieren müsse, nicht für das Theater. Und so bringt er das Leben seiner Schauspieler selbst und das ihrer Familien, oder aufgespürte, recherchierte Realität auf die Bühne, und die Wahrhaftigkeit, die in den gelungenen Momenten daraus erwächst, macht ihn zu einer wichtigen Figur im Diskurs über Kunst und Wahrheit, Dokutheater und postdramatischer Erkenntnis... Der Hyperrealismus in Ausstattung und Spiel ist dabei nicht das Ziel, sondern das Mittel. Er bildet trotz allem Schauwert so wenig das Zentrum der Aufmerksamkeit beim Zuschauer wie etwa die Nacktheit der Darsteller in Jürgen Goschs ‚Macbeth’. Man vergisst ihn. Jedes Detail dient nur der Freiheit des Spiels. Und tatsächlich kann von ‚spielen’ kaum mehr sprechen. Über einen sorgsam beschrittenen Umweg erreicht Hermanis genau das, was er in vielen seiner Arbeiten viel unmittelbarer postulierte: Wahrhaftigkeit.
Die Darsteller sind eine Freude. Elsie de Brauw macht die Wassa zu einer ambivalenten Figur zwischen trockener Härte und weiblicher Sorge, Katja Herbers lässt als hell leuchtende Anna spüren, dass sie auch menschlich das Erbe Wassa dereinst antreten könnte. Brigitte Hobmeier ist eine ergreifende Ljudmila, stumm weinend, weil sie nicht fort kann aus der familiären Enge, Benny Claessens (Pawl) ist ihr lautes, völlig verzweifeltes Pendant. Peter Brombacher spielt den Michailo, treuer Verwalter der Firma, und seine Sätze breiten sich aus wie schmelzendes Eis. Und Stephan Bissmeier ist ein lebensüberdrüssiger Spieler. Bissmeiers Prochor überlebt das Stück nicht. Die Familie bringt ihn um. Sie treibt den Kränkelnden in den Herzinfarkt. Und wie Hermanis das hinkriegt, als grotesken, dichten, überdrehten Totentanz im dritten Akt, das ist beklemmend, böse, scharf. Süddeutsche Zeitung
Es überwältigen die atmosphärische Dichte, das Wechselspiel der Figuren mit dem unbelebten Kosmos der Dinge... Elsie de Brauw, die eiserne Lady Wassa, macht ihre Sache vorzüglich: Ihre Strenge und Härte, das lupenrein Rationale ihrer Strategie haben etwas Bedrohliches. Hinreißen: Benny Claessens’ heulender Elendsklumpen Pawel, so erbärmlich wie erbarumngswürdig, er erregt Ekel und Mitleid zugleich. Und von der kindlich animalischen Lüsternheit, die Brigitte Hobmeiers Ljudmila ausstrahlt, lässt sich lediglich schwärmen. Geschickt steigert Alvis Hermanis die Intensität des Abends. Er hebt scheinbar harmlos an und wird zur Schreckensreise, die allerdings keineswegs frei von finster funkelnder Komik bleibt. Sonst würden wir nämlich mitten im Horrorkitsch landen. Die Welt