HOTEL SAVOYPRESSESTIMMEN

Nach dem Roman von Joseph Roth, Uraufführung
Die Vorahnung des Umbruchs bricht mit Gabriels Kriegskamerad Zwonomir ein, der für die Revolution agitiert. Wolfgang Pregler spielt ein unbändig rasendes Gewaltpaket, dessen Zuneigung leicht mit Aggression zu verwechseln ist. Er glaubt an eine Zukunft, der Einzelgänger und Skeptiker Gabriel nicht. Bis zum Schluss kann er Stasia seine Liebe nicht erklären und verliert sie an den Schnösel Alexander (Nico Holonics). Während draußen der Aufstand tobt, lässt Gabriel ein Streichholz nach dem andern zwischen den Fingern ausbrennen selbst ein vom Krieg Ausgebrannter. (...) Der Beifallssturm war überwältigend: Das Publikum feierte den neuen Kammerspiele-Intendanten Johan Simons für seine Einstands-Inszenierung Hotel Savoy im neuen Raum Spielhalle. Nach dem Roman von Joseph Roth entwirft Simons das Bild einer untergehenden Welt und setzt ästhetisch einen Neubeginn. Bühnenbildner Bert Neumann gestaltet den Raum im Neuen Haus als Wartesaal und Durchgangsort für die desillusionierten Menschen im zerstörten Europa nach dem Ersten Weltkrieg.
Abendzeitung
Für Hotel Savoy hat Bert Neumann die Halle eingerichtet. Gespielt wird auf einer Schneise in der Mitte des Raums, einer staubigen Straße aus brüchigen alten Kacheln mit Stolperstellen, Sandschlieren, Bodenlöchern. Diese Straße des Misserfolgs führt von einem bespielbaren Lastenaufzug auf der einen Seite zu einer verspiegelten Nische auf der anderen; und wir Zuschauer sitzen auf Tribünen links und rechts davon, ganz nah dran an Simons’ Theater der Unmittelbarkeiten, wie Gaffer am Straßenrand. Der unbehauste Raum ist Konzept in dieser auf Breite angelegten Inszenierung, in der man als Zuschauer zoomen und fokussieren, seinen Blick neu justieren und das beschriebene Hotel- sieben Stockwerke, 864 Zimmer, Stubenmädchen mit weißen hauben- selber imaginieren muss. (...) Man ist überrascht, wieviel Komik, Spielfreude und pralles Erzähltheater Simons aus Roths Roman herauszuholen versteht, ohne dabei an inhaltlicher Kraft einzubüßen. In intensiven Bildern erzählt Simons von einer entwurzelten, zerfallenden Gesellschaft, von der Suche nacht Heimat und Identität. Wobei ihm wunderbare Schauspieler und eine von Koen Tachelet geschickt dialogisierte, episch nicht zu ausfransenden Bühnenadaption zur Verfügung stehen.
Süddeutsche Zeitung
Die größte Zauberin ist Brigitte Hobmeier, versponnen und bodenständig, entrückt und bajuwarisch, spielt sie etwa zehn Rollen in dauernder Verwandlung. Fällt Hobmeier tot in ein Grab, kommt sie Sekunden später völlig verwandelt aus einem anderen Loch hervor. Höhepunkt ist ihr Auftritt als drei Juxartikelverkäufer in einer Frau. Das ist vollkommen absurd, große Nonsense-Kunst. Alle warten im Hotel Savoy. Auf das Glück, auf die Liebe, auf den Milliardär, auf die Revolution. Alle hoffen. Alle träumen. Alle sind traurig. Letztendlich dreht sich dieses Spiel um Momente, wo man die Verlorenheit dieser Figuren, die Verlorenheit überhaupt zu spüren meint. Dann freut man sich darüber, dass diese Verlorenen da sind und so selbstverständlich spielen. "Hotel Savoy" folgt dem Roman eng, trotzdem verhält sich die Aufführung zur Vorlage frei: Wo Joseph Roth erzählt, erfindet Simons Spielsituationen. Das hat Methode.
Frankfurter Rundschau
Johan Simons gelingen zunehmend atmosphärisch dichte, packende Szenen. Dazu tragen glänzende Darsteller das Ihre bei: In erster Linie Steven Scharfs Gabriel Dan in seiner massigen, tumben Schwerfälligkeit oder der anrührende Stephan Bissmeier und die virtuose Verwandlungskünstlerin Brigitte Hobmeier in jeweils mehreren Partien. Der Dauer-Revoluzzer Zwonimir Pansin alias Wolfgang Pregler ist ein Energiebündel der Sonderklasse. Nicht zu vergessen Bert Neumanns trefflicher Bühnenraum, der - die Halle der Länge nach teilend - mittels weniger Zeichen und Requisiten einer Straße der Verlierer und Verirrten gleicht.
Die Welt
Und nach den knapp zweieinhalb Stunden kann man neugierig sein auf alles, was folgen wird in der zunächst fünf Jahre während Intendanz Simons´. "Hotel Savoy" funktioniert, weil Koen Tachelet in der Bearbeitung des Romans den Kriegsheimkehrer Gabriel Dan aus der Perspektive des beobachtenden Erzählers löst - und ihn sackschwer in der Geschichte erdet. Tachelet und Simons haben etwas Neues geschaffen - und nicht das Original bebildert. Steven Scharf gelingt es, die Figur des entwurzelten Ex-Soldaten, der nicht weiß, wo im Frieden sein Platz ist, mit einer Geschichte und mit Leben zu füllen. "Hotel Savoy" ist eine Ensemble-Leistung. Erwähnt werden muss Stephan Bissmeier, der als sterbender Clown Santchin eine so poetische wie traurige Szene erschafft. Und es darf auf keinen Fall Brigitte Hobmeier vergessen werden, die sich mit einer solchen Spiellust in ihre sieben Rollen stürzt - ein Erlebnis. Am Ende: Großer Jubel für das Ensemble und für den Regisseur, dessen Einstand als neuer Kammerspiele-Intendant gelungen ist.
Münchner Merkur
Diese Form mag auch verweisen, wo die Kammerspiele hin wollen sollen unter Simons: Distanzen durchbrechen. Lebhaftes und unmittelbares Theater. Porentief direkt. Poetisch. Prall. Stellvertretend für die hohe Intensität des schauspielerischen Suchens und Findens an diesem Abend sei die wunderbare Brigitte Hobmeier herausgehoben: von der Schlampe bis zur Promoterin von "Juxgegenständen". Was macht es Lust, ihr in die Auswüchse ihrer etlichen Figuren zu folgen - Chapeau!
In München