MASS FÜR MASS

von William Shakespeare
Schauspielhaus, 17. Januar 2009
Regie: Stefan Pucher, Bühne: Barbara Ehnes, Kostüme: Annabelle Witt, Musik: Marcel Blatti, Video: Chris Kondek, Licht: Stephan Mariani, Dramaturgie: Matthias Günther
Mit: Tabea Bettin, Peter Brombacher, Selale Gonca Cerit, Walter Hess, Brigitte Hobmeier, Christoph Luser, Stefan Merki, Lasse Myhr, Wolfgang Pregler, Thomas Schmauser, Sebastian Weber

Deutsch von Jens Roselt

Wozu Gesetze? Statt mit der Last der Paragraphen leben die Bürger mit ihren Lastern und so lange sich keiner stört, kann jeder tun, was recht ist. Allerdings: wie viel Freiheit und wie viel ungezügeltes Leben kann ein Staat vertragen? Vienna droht Chaos und Untergang, denn die Stadt ist ein Sündenpfuhl, die Sitten sind verroht und die Moral ist im Eimer. Was tun? Die Stadt bräuchte einen Tugendwächter, der die Sittenlosigkeit rigoros bestraft, so wie es das Gesetz eigentlich vorsieht. Aber wer will unerbittliche Strenge gegen die Eigenart der menschlichen Natur anwenden? Viennas Herzog Vincentio jedenfalls ist ein nachsichtiger Herrscher, der den alten Gesetzen nicht traut, zu sehr ist er fasziniert vom Traum des freien Lebens und der individuellen Autonomie. Daher braucht Vincentio zum einen Urlaub zum anderen einen Stellvertreter, der statt seiner die Sache regelt. Vincentio übergibt die Regierungsgeschäfte mit allen Vollmachten seinem Statthalter Angelo, der die untergehende Stadt wieder auf Kurs bringen soll. "Nicht tot war das Gesetz, geschlafen hat es nur. Jetzt ist das Gesetz erwacht", erklärt Moralapostel Angelo und säubert mit ungeahnter Energie die Stadt. Mit Stahlbesen wird die Sünde weggefegt, kein Bordell darf offen stehen und jegliches sexuelle Verlangen führt in die Katastrophe. Liebende, die nicht verheiratet sind, illegitim Kinder zeugen, verlieren den Kopf. So soll es jedenfalls mit Claudio geschehen, der ein junges Mädchen geschwängert hat. Rettung verspricht nur Claudios strenge Schwester Isabella, eine Novizin, die im Nonnenkloster weilt und eigentlich Angelos Moralvorstellungen teilt. Der Anblick dieser "reinen Seele" erregt Tugendwächter Angelo derart heftig, dass er zum unmoralischen Händler wird und das Leben des Bruders gegen eine Nacht mit ihr zum Tausch vorschlägt. Isabella möchte ihren Bruder lieber sterben sehen, als ihre Unschuld in dieser verdorbenen Welt zu verlieren. Aber es gibt noch eine andere Lösung, die kennt ein zweifelhafter Mönch, der in Wahrheit Herzog Vincentio ist, der Angelos Treiben undercover beobachtet. Shakespeare erzählt in MASS für MASS von Stellvertretern und Stellvertretungen, von Moralvorstellungen, die er gleichzeitig beschwört und entwertet.

Stefan Pucher erarbeitete verschiedene Performance-Projekte, unter anderem am TAT in Frankfurt/Main und mit der britischen Gruppe Gob Squad. 1999 begann er am Theater Basel mit DER KIRSCHGARTEN, einen viel beachteten Zyklus von Tschechow-Arbeiten. Am Schauspielhaus Zürich war er während der Christoph Marthaler-Direktion (2000-2004) Hausregisseur. Drei seiner Inszenierungen aus dieser Zeit, DREI SCHWESTERN, RICHARD III und HOMO FABER sowie OTHELLO am Deutschen Schauspielhaus Hamburg wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. An den Münchner Kammerspielen hat er erstmals in der Spielzeit 2006/07 bei TRAUER MUSS ELEKTRA TRAGEN Regie geführt. Mit seinen Inszenierungen von DER STURM an den Münchner Kammerspielen (eingeladen zum Berliner Theatertreffen 2008) und der KAUFMANN VON VENEDIG am Schauspielhaus Zürich hat Stefan Pucher einen Zyklus von Shakespeare-Bearbeitungen in der Übersetzung von Jens Roselt begonnen, den er mit MASS FÜR MASS fortsetzt.