MACBETHPRESSESTIMMEN

Beides sein und dennoch eines sein. In einer Seele. An einem Abend. Mann und Frau, Kind und Greis, Freund und Feind, Held und Feigling; gewissenhaft und skrupellos, tot und lebendig, englisch und deutsch; Shakespeare und Henkel, Tragödie und Komödie, Realität und Traum, Spiel und Leben, Hamlet und Richard und am Liebsten auch noch Julia dazu. Das ist das spannende Kunststück, das in dieser Inszenierung auf die Bühne findet. (..) Im Schauspielhaus der Münchner Kammerspiele geht Karin Henkel Shakespeares „Macbeth“ auf den androgynen Grund. Vier ihrer Darsteller kleidet sie in Mehrfachrollen, Rock und Hose; die Fünfte, die als verweichlichter Macbeth das Weibliche und Männliche in sich vereinen soll, hat sie von Hamburger Schauspielhaus geborgt: Jana Schulz ist Anfang dreißig und hat nicht nur zuletzt als Tellheim in Henkels „Minna“, sondern auch mit etlichen weiteren Männerrollen als eine Art burschikoser Countersoldat fasziniert. In München schafft sie es wieder: nicht etwa durch Männlich- sondern durch Zerbrechlichkeit. Mit blutigen Händen stempeln drei mondäne (…) Hexen – Kate Strong, Katja Bürkle und Stefan Merki, ohnehin ein Verwandlungskünstler (…), Macbeth von Anfang an zum ernsten, traurigen Täter ab. In High Heels und bunten Glitzer-Tutus machen sie sich einen schwarzen Jux daraus, das schottische Königshaus durch ihre Weissagung in Selbstentfremdung und Selbstzerstörung zu jagen. (...) Kate Strong: ganz gleich wen sie gerade spielt. Ob sie den Live-Ticker zum (akustischen) Mord an Banquo gibt oder dem frisch gewaschenen und noch immer benommenen Mörder Macbeth minutenlang eine groteske deutsch-englisch Stegreifrede über die verschwimmenden Grenzen zwischen Realität und Albtraum hält. Die gebürtige Londonerin bietet in jedem Atemzug dieses Abends einen großartigen Shakespeare-Kommentar. Weil sie gleichzeitig so sanft, rau, alles ist und dennoch eines zeigt, um das es in diesem Drama wirklich geht: Macht.
FAZ
Posttraumatische Belastungsstörung lautete diesmal der medizinische Befund. Das Morden, zu dem er konditioniert wurde, lässt Macbeth keinen Frieden finden. Zu Beginn feuert er imaginäre Schüsse auf seinen treuen Sidekick Banquo ab – eine Vorwegnahme des späteren Meuchelmordes, mit dem er den gefährlich gewordenen Mitwisser seiner verbrecherischen Karrierepläne aus dem Weg räumt. Symbolisch hat Macbeth damit sein besseres Ich getötet, doch Banquos Geist wird ihn – Rache des Verdrängten – heimsuchen, weshalb Jana Schulz und Benny Claessens eine Art Doppelwesen bilden und dessen Monologe gerne mal im Duett darbieten. Macbeth aber hat sich vollends den Hexen überlassen, die ihm den blutigen Griff nach der schottischen Königskrone einflüstern. (…) Mit dem räudig wispernden Witz, den es in „Macbeth“ durchaus gibt, kann es (…) Kate Strong aufnehmen, die als Hexe und Ein-Frau-Hofstaat das Geschehen koboldhaft kommentiert.
Süddeutsche Zeitung
Ehrgeizig, machthungrig ist er zwar, der Macbeth der intensiven Jana Schulz, aber zum Morden muss er getragen werden. Und wenn er es endlich einmal geschafft hat, steht er verzweifelt vor der Tatsache, dass diese böse Tat „fortzeugend Böses muss gebären“, wie es Schiller ausgedrückt hat. In dem jungen, zarten Gesicht von Jana Schulz spiegeln sich Angst, Verzweiflung, niemals Mordlust. Die funkelt eher im Blick der Lady Macbeth, wenn Katja Bürkle ihn zur Tat drängt, die sie viel lieber selber vollbrächte. Die Zwiegespräche zwischen dem Paar sind das Beste und das Seriöseste an diesem Abend. (…) Gespielt wird gut – von Benny Claessens, Stefan Merki und Kate Strong je mit ganz eigenem Humor.
tz
Henkels Konzept zu William Shakespeares Drama „Macbeth“ kann überzeugen, obwohl sie den Text, und zwar die Übersetzung von Thomas Brasch, heftig gekürzt, Figuren getilgt und mit Dramaturg Jeroen Versteele zum Teil umgebaut hat. Am Samstagabend hatte diese Produktion mit lediglich fünf Schauspielern Premiere. (…) Ihre Setzung verankert sie in dem Vers am Stückanfang, den sie Banquo und die Hexen wechselweise einander fragen lässt: „Was seid ihr, Frauen oder Männer?“ Das Androgyne, der Geschlechtertausch ist ohnehin eine Lieblingsfeld von Shakespeare. Obendrein hat Henkel in Jana Schulz, die vom Schauspielhaus Hamburg kommt, eine faszinierende Darstellerin des Edelmanns. Schulz schildert ihren Macbeth, siegreich heimgekehrt aus der Schlacht gegen Rebellen, als Hamlets Bruder im Geiste. Er will die Krone, will über Leichen gehen - und fiebert doch vor Angst und Ungewissheit. Mit Katja Bürkles Lady verschmilzt sie/er in einer wundererotischen Umarmung zu einer mörderisch harmonischen Person. Aber schnell spaltet sie sich wieder, und jeder für sich wird von Ehrgeiz, Gewissen, Zweifeln und Angst zerfressen. Ergebnis: Irrsinn und Weitermorden.
Münchner Merkur
Die Flecken werden sie lange nicht los. Drei in scheußlichen Cocktailtütüs steckende Hexen besudeln die beiden Feldherren und Freunde in den Kammerspielen zu Beginn mit Blut. In einem Flashback feuert Macbeth imaginäre Gewehrsalven auf den spastisch zuckenden Banquo. Der Kriegsheimkehrer trägt die psychischen Verstörungen und Entgrenzungen vom Schlachtfeld hinein in den Frieden. Allein: Dort begangen werden die Gewalttaten, die Soldaten im Krieg zu Helden machen, zu Verbrechen. Nicht mit einem starken Kerl, sondern mit der zarten Jana Schulz hat Karin Henkel Shakespeares Titelfigur besetzt, deren finstere Wünsche die Hexen hervorlocken. Das ist erst einmal nicht verkehrt. Schließlich ist Macbeth kein Rambo, sondern ein schwankender zerrissener Mensch und die Überschreitung von Geschlechterkategorien ein zentrales Moment in der Tragödie. (…) Wie Jana Schulz als Macbeth ihre Stimme brüchig werden und die Augen flackern lässt, wie sie sich zusammenkauert, wenn sich die Angstgespenster in ihren Nacken krallen, das ist großartig. (…) Jana Schulz verkörpert diese machtgeile Figur sehr feminin. Statt ständig auf Rache und Erringung der schottischen Königskrone zu sinnen, ist diese(r) Macbeth ein ungemein fragiler, zunächst aggressionsabstinenter Softie, der erst am Schluss der Comedy zur Furie mutiert. Dann aber satt. Für eingefleischte Shakespeare-Fans mag diese Inszenierung allzu plakativ ausgefallen sein. Sie bietet freilich auch einen erfrischend flippigen Zugang zu einem der Meisterwerke Shakespeares.
Donaukurier
Es ist die konsequente Antwort auf Jahrzehnte der Gender-Theorie: (…) Dass  Geschlechtsidentität etwas Performatives ist, muss in Karin Henkels Inszenierung nicht groß verhandelt werden, es wird durch Jana Schulz' klares Spiel so beiläufig wie selbstverständlich gesetzt. Henkels «Macbeth» wechselt munter zwischen dem englischen Original und Thomas Braschs Übersetzung. Die inhärente Komik des Dramas spielt vor allem Kate Strong aus, mal als versoffen vulgärer Pförtner, mal als aufheizerische Kommentatorin der Kampfszenen. Im Verlauf des Abends wird so mancher Witz überstrapaziert (…) Doch es bleibt, trotz einiger unschlüssiger Momente, eine eigenwillige Inszenierung, die (...) polarisiert.
www.kultiversum.de
In entschlossenen Denglisch plappert sich Strong als Kammerfrau einen verdienten Szenenapplaus. Später wird sie einen Mord kommentieren wie Sportreporter Pferderennen. Merki und Claessens geben die von Macbeth, dem Heuchler, gedungenen Meuchler konsequent mit Lautverschiebung und plappern Schwyzerdütsch und Holländisch.(…) Wunderschön die Idee, den korpulenten Claessens als Banquos Geist sich ins Königsbett fläzen zu lassen. (…)
Die Welt
Karin Henkel zeigt Samstag Abend einen sauber gegenderten “Macbeth“. (...) Karin Henkel (bleibt) bei der Genderfrage des Stücks hängen. Auf Lady Macbeths drängende Frage “Bist du ein Mann?” antwortet in dieser Inszenierung die androgyne Schauspielerin Jana Schulz mit einem nur zögerlichen “Ja”. Henkel dreht die Gender-Schraube noch weiter, wenn König Duncan (Stefan Merki) in Glitzerfummel und Pumps über die Bühne stöckelt, Benny Claessens Banquo sich ordentlich in Schwulitäten bringen darf, die herbe Katja Bürkle ihrer Lady Macbeth mehr Manneskraft als Ladylikeness verleiht und die Tänzerin Kate Strong breitbeinig im pinken Tutu in der Ecke hockt, statt leichtfüßig über die Bühne zu schweben. (...) Und doch erfährt die alte Diskussion um Geschlechterperformierung einen interessanten Dreh bei Henkel: In den Variationen von Männlein und Weiblein wirken ihre Schauspieler überraschend natürlich. Dieses Ensemble ist auf Geschlechterrollen, gegen die angespielt werden könnte, erst gar nicht angewiesen. Im Gegenteil: Henkels Schauspieler sind längst schon die Zwitterwesen, die sich die Regisseurin an diesem Abend so unbedingt wünscht. (…)
mucbook
Macbeth musste schon vieles sein, (…) mal wandelndes Weichei, dem erst die Lady zeigen muss, wo der Hammer hängt, mal machtgetriebenes mordgieriges Monster mit eher kleinen Skrupeln. In den Münchner Kammerspielen setzt Regisseurin Karin Henkel (…) auf eine andere Grundstruktur und legt dabei ungeahnte Aspekte frei. Denn Henkel misst der Tatsache, dass Macbeth und mit ihm der Gefährte Bonduo Kriegsheimkehrer sind. Sie kommen frisch aus der Schlacht , in der sie gemordet und Mord und Grausamkeit gesehen haben. (…) Krieg ist konkrete Gewalt und die Gesellschaft lizenziert sogar noch das Töten, wundert sich allerdings, wenn sie die Söhne als Monster zurückbekommt. So geschieht das in den Kriegen im Irak oder Afghanistan.
Deutschlandfunk