Die letzte der vier großen Tragödien Shakespeares ist um 1605 entstanden und erzählt eine Geschichte, die nicht nur in der fernen Vergangenheit eines dunklen und unaufgeklärten Mittelalters liegt, sondern auch noch im sagenumwobenen und nebelverhangenen Schottland. Beides der perfekte Hintergrund für einen Stoff, bei dem sich das Londoner Publikum angenehm gruseln konnte.
Andererseits wurde aus der Geschichte vom Aufstieg und Fall des panisch mörderischen Diktators Macbeth vielleicht das engste und beklemmendste Stück Shakespeares, eine unangenehm intime Menschenstudie von Gewalt und Paranoia, von Einbildungskraft und Mißtrauen. Wobei sich die alle Ordnung erschütternde Angst nicht nur in die Seele von Macbeth, sondern eigentlich von allen Gestalten des Stücks eingenistet hat, und dies bis in die Zerstörung ihrer Sprache hinein. Der Übersetzer Frank Günther schreibt dazu:
"Die Sprache des Stücks ist gekennzeichnet durch Auflösung äußerer und innerer Logik, durch das Zerbrechen der Eindeutigkeit, durch Verwildern der Sprache zu einem Irrgarten schwimmender Bezüge und Doppel- und Dreifachbedeutungen. Da stehen kantige Sätze herum, so dunkel und unverständlich wie die Felsbrocken von Stonehenge, so bedrohlich wie treibende Eisberge, deren größere Masse unsichtbar im Wasser schwimmt. Wie Macbeths Körper sich aufzulösen scheint, wenn er selbst aus kalter Distanz kommentierend seiner eigenen Mutation zusieht; wie seine fiebrigen Augen das selbständige Handeln seiner Hände beobachten; wie körperliche Identität zerfließt, sich die physische Wahrnehmung seiner selbst alptraumhaft aufsplittert in unabhängig agierende Einheiten seines Leibes, so wird die sprunghafte Sprache zum Stottern in immer dichterem Nebel, aus dem heraus das Hexenkichern tönt." - Die Hexen sagen es auf lusthaft grausame Weise: "Fair is foul, and foul is fair."