Regisseur Armin Petras kitzelt an den Münchner Kammerspielen vor allem die Groteske aus dem düsteren Untergangsszenario, beäugt die Figuren mit spöttischer Distanz und scheint sich dabei köstlich über deren Verbohrtheiten und Mimosentum zu amüsieren. (...) Als hätte ein gezackter Blitz sich ins Erdreich gebohrt, führen schräge, halb mannshohe Stollen seitlich offen durch eine Wand, die den gesamten Guckkasten ausfüllt.(...) Für die Schauspieler ist es zuerst einmal eine balance-technische Herausforderung, in dieser bedrohlichen Schieflage Haltung zu finden. André Jung gelingt das mit verschmitzter Würde.(...)
Hanna Plaß ist die Entdeckung des Abends, ein zauberhaft burschikoses Zwitterwesen, halb Schauspielerin, halb Musikerin, die am Klavier mit heller Stimme Rio Reiser-Balladen singt und mit entwaffnender Frische Lebenslügen enttarnt.(...) Die Einblicke (...) in die verschlungenen Windungen einer verkorksten Gier treffen (...) im Kern. Theater Heute
Regisseur Armin Petras hat in seiner Inszenierung des "John Gabriel Borkman" an den Münchner Kammerspielen eine psychologisch exakte Untertagssituation des Ibsen-Dramas geschaffen...Petras ist schlau genug, das während einer Winternacht spielende Stück nicht als Börsengeschichte von skrupellosen CEOs und Startradern zu erzählen. Ihm geht es um den Betrug der Herzen, um den Verrat von Freundschaft und Liebe, um egoistische Glückssuche und abgebrannte Hoffnung: iGod Steve Jobs lässt von oben grüßen. Die Götter der Macht reißen alles mit sich: iBorkman, gespielt mit sagenhafter Tiefe von André Jung, ist nicht der einzige, der dem Abgrund nahe ist...Wiebke Puls strahlt in der Rolle von Gunhilds todkranker Zwillingsschwester Ella Rentheim in rotem Wollkleid und mit roter Perücke mit ihrem überraschend genauen und berührenden Spiel... Alle buhlen in ihrer irren Sehnsucht nach einem emotionalen Lückenfüller der eigenen Unzulänglichkeit und Verletzungen um die Gunst des Borkman-Sohnes Erhart, den Lasse Myhr als trunken-tumben Studenten spielt, der immer auf der Suche nach dem all-inclusive Flatrate-Lebensabo ist... Petras und das ganze Ensemble erzählen auf faszinierend unsentimentale, aber immer wieder sprachlich-humoristische Art und Weise noch hoffnungsloser als die Vorlage einen von Anfang an geradlinigen Weg aus der Kugelbahn des Lebens: Borkman stirbt nach kurzer Alzheimer-Phase, Ella wartet paralysiert auf den Tod, Gunhild schweigt und beide Schwestern bleiben unversöhnt. Zwei Restlichtverstärker glimmen im Dunkeln des grandiosen Abends nach: Michael Tregor als liebenswerter Loser Wilhelm Foldal, der zumindest seiner Tochter die Treue hält. Und ein Satz aus der Mitte des Seins von der 70-jährigen Geliebten Erharts: "Ich kann das Glück doch nicht einfach wegschicken, nur weil es zu spät gekommen ist." Frankfurter Rundschau
Ein sehr zeitgemäßes Stück, das Armin Petras in seiner Inszenierung an den Kammerspielen gar nicht krampfhaft ins Heute ziehen musste...Entscheidender ist, dass er in der Tragödie des Scheiterns eine absurde Komödie ausgegraben und diese zur Groteske hochgezogen hat, in der es wahre Kabinettsstücke szenischen Witzes gibt. Das Bühnenbild von Olaf Altmann liefert kongenial einen Tummelplatz für Slapstick...Bei so viel optischer Aussagekraft bedurfte es kaum zusätzlicher Interpretation, besonders, da die junge Hanna Plaß auch musikalisch durch zauberhafte Klänge und kraftvolle Gesänge für eine Atmosphäre zwischen Leichtigkeit und Gefährdung sorgte. Augsburger Allgemeine
Armin Petras geht es in dieser Inszenierung keineswegs darum, heitere Abendunterhaltung zu schaffen. Der Kern der Geschichte ist trauriger als das meiste, was man sich vorstellen will. Ein Mann verrät seine Liebe für ein Gefühl, das seiner Meinung noch geiler ist, wenn man es erst einmal spürt: Macht. André Jung als Borkman kämpft um die Wahrheit dieser Behauptung, ansonsten müsste er sich sein Versagen eingestehen... Die allmähliche, unaufhaltsame Selbst-Dekonstruktion dieses Mannes ist das Rückgrat des Stücks... Hanna Plaß trägt auf ihre sehr eigene Weise Rio-Reiser-Songs vor. Sie spielt im Stück eine kleine Rolle, die des mit durchbrennenden Mädchens Frida, für die Grundstimmung allerdings eine große. Ihre Stimme, das Klavier, ab und zu singende Gläser erzeugen keineswegs nur großes Gefühlskino oder Gänsehaut, sondern auch eine gewaltige Coolness und Lässigkeit... Der Abend ist großartig darin, wie hier innere Leere ausgestellt und zelebriert wird. Soeben wurde bekannt, dass zwei Kammerspiel-Produktionen des vergangenen Jahres zum Theatertreffen eingeladen sind. Das Haus ist in einer guten Verfassung. Dieser ‚Borkman’ und alle, die dabei auf der Bühne waren, bestätigen dies nur. www.nachtkritik.de
Regisseur Armin Petras hat aus Ibsens düsterem, realistischem, aber auch symbolistisch raunenden "John Gabriel Borkman"eine bizarre intelligente Komödie gemacht. John Gabriel Borkman ist ein gewissenloser Finanzhai, ein von Nietzsche angehauchter Schmalspurübermensch, ein Frauen- und Liebesverräter, von André Jung mit diabolischem Charme grandios gespielt... Das Publikum war durchgehend begeistert, Ibsens oft bleierne Lebenslügenkritik und die verzweifelte Glücksuche seiner Figuren so fetzig serviert zu bekommen. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Nur selten verlässt man das Theater mit bleibenden Eindrücken. An diesem Abend blieben vor allem der Witz und die symbolische Bildhaftigkeit des Bühnenbildes im Kopf. mucbook
Eine Handvoll Spitzenschauspieler, ein grandioses Bühnenbild, eine unglaublich rasante, hellsichtige und auch noch sehr komische Inszenierung... Der Glanz der Inszenierung kommt aus dem weit tiefer grabenden Kenntlichmachen des menschlichen Verhängnisses innerhalb dieser Familie... Und so ist Petras’ bestechende Machart: Den altväterlichen Text hat er aufgefrischt, ohne ihn zu erniedrigen. Olaf Altmann baute ein geniales Bühnenbild... Hier entfaltet sich in einem atemberaubenden Sprech- und Aktionstempo die Choreografie der Figuren... Ein Theaterfest, Jungs unendlich reich schattierten Blicken und Gesten zuzuschauen, die er zu Enttäuschung, Resignation, Hochmut, bitterer Selbstironie bereit hat. Wunderbar unaufgeregt, Kontrast zu allen anderen, weil in sich selber ruhend: Hildegard Schmahl als späte Geliebte Fanny Wilton... Theater kann herrlich sein. tz
Die Fanny spielt Hildegard Schmahl mit leuchtender, lebensweiser Großartigkeit. Süddeutsche Zeitung
Im großartigen Bühnenbild von Olaf Altmann, das einem Mäusebau gleicht, beobachten die Zuschauer in den Kammerspielen Ibsens Figuren... Gewiss, Altmann hat einen verdammt ungemütlichen und auch gefährlichen Raum für die sieben Schauspieler gebaut. Doch welche Wirkung, welche Symbolkraft entfaltete dieser bei der Premiere!... Allein dieses großartige Bühnenbild macht klar, dass es für [Borkman] nur weiter abwärts gehen kann. Petras, der zuletzt an den Kammerspielen eine kluge Interpretation von Kleists "Hermannsschlacht" auf die Bühne brachte, arbeitete in Ibsens Stück geschickt die tragischen und traurigen Momente ebenso heraus wie die komischen. Dabei ist er klug genug, die Vorlage nicht als direkten Kommentar zur aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise zu inszenieren... Vielmehr interessiert den Regisseur, was der Ruin mit den Menschen macht, wie sie mit ihrem Machtverlust umgehen. Alle Schauspieler bringen ihre Figuren bis an den Rand der Lächerlichkeit, gönnen ihnen aber auch berührende Momente... Jung führt uns Borkmans Niedergang bis zum bitteren Ende vor... Großartig findet der Schauspieler jedoch auch immer wieder Momente, in denen wir Borkman glauben (wollen). Münchner Merkur
Armin Petras’ Inszenierung rüttelt auf und verstört... Das Schauspiel ist kein Schauspiel, sondern eine waghalsige Performance am Abgrund... Ausgesprochen physisches, teilweise groteskes Theater. Familie als Desaster, Familie als Horror, nicht enden wollend. Viel Applaus. Brandner Live!