JOHAN SIMONS


Johan Simons, geboren 1946, wuchs im niederländischen Heerjansdam auf. Mit sieben Jahren erlebte er die Überschwemmungskatastrophe von 1953; eine Erfahrung, die ihn seine ganze künstlerische Laufbahn lang prägen würde. Nach der Ausbildung zum Tänzer an der Rotterdamer Akademie und zum Schauspieler an der Theaterakademie in Maastricht wurde Johan Simons 1976 Direktor und Schauspieler der Haagsche Comedie. Hier hat er seine erste Aufführung inszeniert.

HOLLANDIA
1985 gründete Johan Simons zusammen mit dem Komponisten und Schlagzeuger Paul Koek die Theatergroep Hollandia. Hollandia produzierte und spielte Vorstellungen weit weg von den großen Theaterstädten, tief in der Provinz, auf dem Land, in leer stehenden Fabrikhallen, Ställen und Kirchen, auf Autoschrottplätzen und unter Brücken, vor allem in der Provinz Nord-Holland. Das hatte einen bestimmenden Einfluss auf die Stückauswahl. Zentral im Hollandia-Repertoire war das Thema einer intensiven Lebenserfahrung, und ein verbissener Überlebenstrieb. Simons und Koek inszenierten vor allem Bauernstücke von Franz Xaver Kroetz und Herbert Achternbusch, italienische Stoffe von Pier Paulo Pasolini und Luchino Visconti, und griechische Klassiker. „Die Lust, Realität und Fiktion mit einander zu konfrontieren, ist ein altes Ideal“, sagt Johan Simons heute über die Zeit mit Hollandia. „Wir wollten Theater machen für Leute, die nie in die Schouwburg kommen würden. Aber das ist uns nie wirklich gelungen: Hollandia wurde ein Hype und auf den Tribünen saß hauptsächlich die kulturelle Oberschicht aus Amsterdam.„
Wichtige Inszenierungen Hollandias waren unter anderem „Gust“ (1988), „Stallerhof“ (1991), „Perzen“ (1994), „Twee stemmen“ (1997), „De bitterzoet„ (1998) und „De val van de goden“ (1999).


ZT/HOLLANDIA
2001 fusionierte Hollandia mit dem Zuidelijk Toneel in Eindhoven zu ZT/Hollandia, einer der größten Truppen der Niederlande. Johan Simons wurde künstlerischer Direktor, Paul Koek leitete das Veenstudio, ein experimentelles Musiklabor. Mit Jonghollandia wurde eine junge Truppe von Schauspielern und Theatermachern an Bord geholt, die autonom Vorstellungen entwickeln durften. Wichtige Inszenierungen ZT/Hollandias waren unter anderen DE LEENANE TRILOGIE (2001), BACCHANTEN (2002), SENTIMENTI (2003) und die Abschiedsinszenierung FORT EUROPA, HOGLIED VAN VERSPLINTERING (2005). 2005 wurde ZT/Hollandia aufgelöst. Paul Koek leitete mittlerweile die Veenfabrik in Leiden, Johan Simons wurde gebeten, dem Publiekstheater in Belgien ein neues künstlerisches Image zu schaffen. Er akzeptierte den Auftrag und taufte das Theater zu NTGent um.

NTGENT
Bei NTGent (2005-2010) widmete Simons sich vor allem den Themen der Macht und des neuen Menschen. Er inszenierte Bearbeitungen von Romanen von Arnon Grünberg, Michel Houellebecq, J.M. Coetzee und Louis Paul Boon, Klassiker von Aischylos und Beckett und Drehbücher von Krzystof Kieslowsky und Billy Wilder. Er stellte ein neues Ensemble zusammen mit alten Weggefährten von Hollandia und flämischen Schauspielern. Wichtige Inszenierungen waren DE ASIELZOEKER (2005), PLATTFORM (2006), IK VAL...VAL IN MIJN ARMEN (2006), ORESTEIA (2007), TIEN GEBODEN (2007-2009) und LA GRANDE BOUFFE (2010). 2008 überreichte die Universität Ghent Johan Simons den Titel des Ehrendoktors.

DEUTSCHSPRACHIGE LÄNDER
Seit 2000, dem Jahr, in dem Johan Simons zusammen mit Paul Koek im italienischen Taormina den Europäischen Preis für Innovation im Theater erhielt, wurde er regelmäßig als Gastregisseur von deutschsprachigen Theatern eingeladen: Er inszenierte TRAGBAR (Schauspielhaus Zürich, 2001), HANNIBAL (Staatstheater Stuttgart, 2002), ANATOMIE TITUS (Münchner Kammerspiele, 2003) und ELEMENTARTEILCHEN (Schauspielhaus Zürich, 2004). Mit seiner Münchner Inszenierung von Heiner Müllers ANATOMIE TITUS wurde Johan Simons 2004 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. ELEMENTARTEILCHEN nach Houellebecq am Schauspielhaus Zürich wurde als beste deutschsprachige Aufführung 2004 mit dem Nestroy-Theaterpreis ausgezeichnet.

MÜNCHNER KAMMERSPIELE
2010 wechselte Johan Simons als Nachfolger von Frank Baumbauer als Intendant an die Münchner Kammerspiele. Er übernahm einen Großteil des Ensembles und der Regisseure, etablierte aber auch neue, internationale Schauspieler und Regisseure. Mit seiner Inszenierung von HOTEL SAVOY (2005) eröffnete Simons seine erste Spielzeit und gleichzeitig die Spielhalle, eine neue Spielstätte die flexible Produktionsumstände erlaubt. Simons wurde zum Theatertreffen eingeladen mit seinen Inszenierungen von GESAÄUBERT/GIER/PSYCHOSE 4:48 (Sarah Kane) und DIE STRASSE. DIE STADT. DER ÜBERFALL (Elfriede Jelinek) und brachte unter anderem WINTERREISE (Elfriede Jelinek), E LA NAVE VA (Luchino Visconti), KÖNIG LEAR (William Shakespeare), ONKEL WANJA (Anton Tschechow) und DANTONS TOD (Georg Büchner) auf die Bühne. 2013, das Jahr, in dem die Münchner Kammerspiele ihren 100-jährigen Geburtstag feierten, ernannte Theater Heute das Haus zum Theater des Jahres.
Zum Ende der Spielzeit 12/13 verkündete Johan Simons, seinen Vertrag bei den Kammerspielen nach 2015 nicht zu verlängern. Er übernimmt ab 2015 die Intendanz der Ruhrtriennale. Der Dramaturg und Intendant Matthias Lilienthal wird Johan Simons bei den Münchner Kammerspielen ab der Spielzeit 15/16 nachfolgen.